Rallye Red Bull Romaniacs (Archivversion) Schieberbande

Berge wie eine Wand, Wege, glitschig wie Schmierseife. Wenn selbst Enduro-Weltmeister und Dakar-Rallye-Piloten ihre Sportmaschinen schiebend bewegen, kann es sich nur um ein verrücktes Rennen handeln.

Die Situation scheint ausweglos zu sein – für einen Motorradfahrer. Rechts eine Felswand, links geht es zehn Meter im Freifall abwärts und
direkt voraus wartet eine Stufe nach unten. Das Problem: Diese Stufe ist drei Meter hoch, und unten, in der knapp zwei Meter kurzen Auslaufzone, grinst ein monstergroßer Felsen den Fahrer mit spitzen
Zähnen an. Umdrehen ist unmöglich, denn für den handtuchbreiten Trampelpfad im Rücken ist »steil« schon gar kein Ausdruck mehr. Senkrecht ist richtig.
Bleibt als Lösung: Entweder auf der Hinterradbremse langsam über die Kante rollen und dann mit Schwung irgendwie am bösen Felsen vorbeirutschen oder das Motorrad die drei Meter runterschmeißen, per pedes hinterherklettern und hoffen, dass alle Teile beieinander geblieben sind. Alternativ kann Lösung eins mit zwei
kombiniert werden: gemeinsam mit der Maschine stürzen. Letzteres wurde bei
der ersten Rallye Red Bull Romaniacs in Rumänien von den Teilnehmern des Öfteren praktiziert.
»If it’s 2 hard, then u are 2 week.« Klingt wie ein abgeschmackter Werbespruch, war jedoch die Devise dieses bisher
einzigartigen Rennens. Ausgedacht vom
ehemaligen Snowboard-Weltmeister Martin Freinademetz, der sich vor einigen
Monaten in Sibiu, ehemals Hermannstadt,
als Endurotour-Veranstalter niedergelassen hat. Sponsoren wie KTM und Red Bull konnte Freinademetz von seinem Extremsport-Event überzeugen, der, zusammengesetzt aus zwei krassen »City«-Kriterien und vier heftigen Tagen in den Südkarpaten, die härtesten Hardcore-Geländefahrer fordern sollte.
»Not rei-dä-bäl« – als unfahrbar beschreibt Offroad-Profi Cyril Despres einige der Sektionen. Und das, obwohl der als Favorit gehandelte Franzose tatsächlich nach dem ersten Tag im Gelände sicher führt und er Prüfungen wie die oben beschriebene Stufe ohne mit der Wimper zu
zucken meistert. »It’s mad!« flucht Kari
Tiainen, siebenfacher Enduro-Weltmeister, und schließt sich Despres an: nicht fahrbar. Alfie Cox, weitgereister Rallye-Pilot, stellt hingegen fest: »Rumänien ist ein einmaliges Enduro-Revier. Du kannst mit dem Motorrad auf über 2000 Meter rauf, das Gelände ist unglaublich abwechslungsreich. Großartig!«
An einem Wasserfall endet die Schwärmerei. Cox versucht sicheren Tritt zu finden und schiebt seine KTM zwischen den Bäumen hoch. Eine Stunde lang. »Fuck the mountains!« gehört zu den harmlosen Kraftausdrücken, mit denen der südafrikanische Haudegen die Karpaten segnet. Dabei können Wald und Berge nichts
dafür, dass die besten Geländefahrer der Welt an ihnen scheitern. Transsylvanien war von jeher ein schwer zugängliches
Gebiet. Finstere Wälder, Pfade, die nur
mit genauen Ortskenntnissen bezwungen
werden konnten, verschworene Dorfgemeinschaften, die jedem Fremden argwöhnisch entgegentraten. Graf Dracula und die
Vampire...
Klar, das sind Klischees. Aber sie treffen noch heute zu. Abgesehen von den Vampiren natürlich. Doch es gibt Bären und Wölfe, und zehn Tage vor dem Rennen ist in der Nähe von Sibiu ein Mensch von Meister Petz gefressen worden. Die Dörfer wirken wie aus dem Mittelalter konserviert. Mit der Kutsche fahren die Familien zur Kirche, Autos oder andere Benzinfahrzeuge sind selten. Die Abwechslung durch die verrückten Motorradfahrer aus aller Herren Länder ist willkommen, und Kinder fordern mit wilden Gesten die Fahrer zu Wheelies auf, alte Babuschkas winken den Helden auf Rädern zu.
Streckenplaner Freinademetz kennt die Karpaten genau und ist alle Sektionen selbst abgefahren. Freilich auch mit
muskulärer Schubkraft. Den härtesten und technisch besten Hardenduristen der Welt wolle er küren, konstatiert der Österreicher und weist darauf hin, dass während seiner aktiven Snowboard-Karriere die Profis auch immer über angeblich nicht fahrbare Sektionen lamentierten. »Am Ende schaffte es dann doch jeder«, grinst er satanisch. Außerdem hätten die Piloten GPS-Navigation dabei, mit der sie schwierige Passagen umfahren könnten.
Bei den Amateuren jammert kaum
einer, sie fahren allerdings auf einer entschärften Strecke. »Das Lässigste ist, dass man so nah Kontakt mit den Profis hat«, sagt Patrick aus Österreich, der zusammen mit seinem deutschen Kumpel Stefan im Team fährt. Ursprünglich wollten die bei-
den Hobbyfahrer nur ankommen, aber am zweiten Tag wittern sie Morgenluft für einen Podiumsplatz, geben mehr Gas – Patrick stürzt, das Motorrad auf seinen Arm.
Großes Aua, zum Glück keine schweren Verletzungen, trotzdem das Aus.
Das Team »Dust ’n’ Dirt« mit Marc und Johannes ist ebenfalls eine deutsch-österreichische Paarung. Für Amateur-Racer Marc endet der Prolog auf dem Parcours mitten in Sibius Innenstadt mit einem sportlichen Waterloo: Er bleibt in den
Reifen-Hindernissen stecken und orgelt minutenlang eine disharmonische Zweitakt-Sinfonie der Befreiung. Festgehalten wird das Debakel von Fernsehkameras und den unzähligen Digitalkameras der
zu Tausenden angepilgerten rumänischen
Zuschauer. Von ziemlich weit hinten rollen die beiden Freunde jedoch in den Folgetagen das Feld auf und werden am Ende überglückliche Dritte.
Abends sind bei den meisten die
Leiden des Tages vergessen. Die Amateure schrauben noch an ihren Maschinen und legen sich in der Regel früh schlafen, die Profis haben ihre Mechaniker und können ein wenig vom Nachtleben der Stadt mitnehmen: Jazz-Bars, Restaurants, moderne Diskotheken. Die große Party gönnen sich dagegen alle erst am Schluss nach dem furiosen City-X, einem Stadt-Rennen in neuem motorsportlichen Format.
»Häuserkampf« betitelt einer der Fahrer das Abschlusskriterium durch Sibiu. Wie bei einer Hetzjagd geht es in James-Bond-Manier durch die engen Gassen. »End-
zeit-Hindernisse« beschreibt ein Organisationsmitglied die bösen Überraschungen auf einem stillgelegten Industriegelände, das als Finale auf die Rider wartet: riesige Holzrampen, -schanzen und -wippen, Ruinendurchfahrten auf ungesicherten Treppen, ein Sprung über eine acht Meter tiefe und breite Lücke zwischen zwei maroden Wassertanks.
Kari Tiainen schüttelt nach vorheriger Begehung den Kopf: »Nicht fahrbar, jedenfalls nicht für mich.« Entgegen der Ankündigung springt er am Ende doch, genau wie alle anderen Profis. Die freuen sich
wie Lausbuben nach bestandener Mutprobe und geben sich nach der Zieleinfahrt gegenseitig eine fette Bierdusche. Vergleiche zu Rennen wie dem Erzbergrodeo, der Gilles-Lalay-Classic oder Roof of Africa werden gezogen, jedoch wieder verworfen. Länger, härter, schwieriger, ein Unikum sei die Red Bull Romaniacs, so der Tenor.
Der Deutsche Sepp Suttner, Achter im
Gesamtklassement, hatte während der
Rallye seine überkochenende Enduro Bach-
wasser, Red Bull und Urin statt Kühlflüssigkeit schlucken lassen. Heil im Ziel angekommen, ist er völlig aus dem Häuschen: »Nächstes Jahr heißt es bei mir wieder: Rock ’n’ Roll in Rumänien!«
Wie er kündigte die Mehrzahl der Teilnehmer eine Wiederholungstat an. Obwohl das Rennen körperlich und fahrerisch alles von ihnen gefordert hat und bei Regen-wetter vermutlich ins Wasser gefallen wäre, weil dann zu viele Streckenabschnitte
tatsächlich kaum zu meistern sind. Und
obwohl die Anreise über mittlerweile auch in Ungarn gut ausgebaute Straßen bis
zur rumänischen Grenze und anschließend über nervenaufreibende, abenteuerliche Landstraßen entlang der Südkarpaten bis nach Sibiu anstrengend ist. Aber zumindest fahrbar.

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