Rallyesport (Archivversion) Dakar ist, wenn man trotzdem lacht

Vier deutsche Motorradfahrer wollten im Januar mit der Dakar-Rallye zum größten Offroad-Abenteuer unserer Zeit aufbrechen. Ihre aufwendigen Vorbereitungen waren vergebens – das Rennen wurde abgesagt.

Die Ansage dauerte nur 15 Sekunden. »Ich muss Ihnen die schreckliche Mitteilung machen, dass die Rallye Dakar 2008 nicht starten wird«, eröffnete Etienne Lavigne am frühen Nachmittag des 4. Januar 2008 dem im Festspielhaus von Lissabon versammelten vollständigen Rallye-Tross, der ganz in der Nä¤he weniger als 24 Stunden später über die Startrampe in die Wüste geschickt werden sollte. Als fehlten ihm selbst die Worte, las der Rallye-Direktor anschließend die offizielle Erklärung der Rennleitung von einem Fetzen Papier ab.

Es darf bezweifelt werden, dass viele der Anwesenden seiner Begründung für diese unerhörte Entscheidung noch aufmerksam lauschten. Die ersten 15 Sekunden hatten gereicht, um für die meisten der 260 gemeldeten Motorradfahrer, der mehr als 200 Auto- und über 100 Lkw-Besatzungen einen Traum zu zerstören. Natürlich hatten sie davon gehört, dass in Maure­tanien, wo acht der 15 geplanten Etappen hätten stattfinden sollen, wenige Tage zuvor vier französische Touristen ermordet worden waren, angeblich von einer im Maghreb aktiven Splittergruppe der Terrororganisation Al-Qaida. Lavigne versicherte zudem, dass die Rallye ganz konkret bedroht worden sei. Aber es hatte rund um die Dakar schon immer Probleme gegeben. Einzelne Etappen waren abgesagt oder verlegt worden, bis hin zum spektakulären Transport aller Fahrzeuge und Beteiligten mit riesigen Antonow-Frachtflugzeugen im Jahr 2000, um Moslemrebellen in Niger auszuweichen. Abgesagt worden war die Wüstenwettfahrt jedoch nie – warum also ausgerechnet in ihrem 30. Jahr?

»In Afrika werden doch laufend irgendwo Leute umgebracht – was hat das mit der Rallye zu tun?« lautete eine oft gestellte Frage der verhinderten Offroad-Abenteurer, die sich im Fahrerlager in Lissabon zusammengefunden hatten. »Keiner von uns wollte im Kugelhagel sterben«, sagt Chris-tina Meier, »wir wollten alle nur unbedingt diese Rallye fahren.« Sie ist eine von vier deutschen Motorradfahrern, die sich 2008 den großen Traum erfüllen wollten. Der nach einer fast 10000 Kilometer langen Strapaze mit einer entspannten Schlussetappe über den Strand von Dakar endet, mit Blick auf den Lac Rose, diesen See, der unter Endurosportlern einen magischen Namen hat, seit 1979 die erste Rallye Dakar an seinen Ufern entlangführte. Höchst fraglich, ob sich Christina Meier und ihre männlichen Kollegen Guido Faber, Robby Labinsky und Ingo Zahn ausmalen konnten, was sie auf ihrer Reise erwarten würde – und welches überwältigende Gefühl es sein muss, schließlich am Lac Rose vorbeizupreschen. Denn Dakar als Zielort einer Rallye hat noch keiner der Vier gesehen. Auch Guido nicht, der es 2006 versucht hatte.


Kaum zu glauben auch, dass sie sich ausmalen konnten, in welches Gefühlsfiasko sie Etienne Lavignes 15-Sekunden-Ansage stürzen würde. »Das können die doch nicht machen«, war Tina Meiers erster Gedanke, und der hielt sich eine ganze Weile ziemlich zäh. Was verständlich ist. Denn in dem Moment, als die zukünftigen Wüstenfahrer ihr Motorrad am Tag vor dem Start bei der technischen Abnahme vorführten, waren sie erst am Ziel der längsten aller Dakar-Sonderprüfungen – der Vorbereitung. Die dauert üblicherweise mindestens ein Jahr.

»Ich bin einer Menge Sachen hinterhergerannt, die ich jetzt wohl nie brauchen werde«, erklärt Tina mit einem leichten Anflug von Sarkasmus in der Stimme und beginnt aufzuzählen: »Einen zweiten Reisepass, ein Visum für Mauretanien, eine Gelbfieberimpfung...« Die tut nicht mehr weh, eher schon die 55000 Dinge, die sie nicht mehr hat, aber gut brauchen könnte. »55000 Euro habe ich reingesteckt, bis ich in Lissabon am Start stand«, sagt die 36-Jährige und wischt wehmütige Gedanken sofort weg: »Alles Investitionen in meine Zukunft.« Wie die vielen Erfahrungen, die sie in den Monaten vor der Rallye gemacht hat. Als sie ihre Internetseite aufbaute. Sponsoren suchte und dabei »ungezählte Tele­fonate führte und E-Mails schrieb«. Ohne journalistische Vorkenntnisse Artikel für Endurozeitschriften schrieb, »um ein wenig selbstbestimmte Presse zu haben«. Und sich trotzdem noch »zwei Wochen lang in jeder Mittagspause« mit Journalisten traf, die über sie berichten wollten. Oder als sie das Dossier verfasste, um sich beim Veranstalter für die Dakar-Teilnahme zu bewerben. »Ich hatte keine Ahnung, was ich reinschreiben soll. Ich wusste nur: Aus 350 Bewerbungen würden 250 ausgewählt.«

Ihre war dabei, wie auch die von Guido Faber, Ingo Zahn und Robby Labinsky. Letz-terer musste gleich zwei Bewerbungen tip-pen, weil er seinen Allrad-Truck als Servicefahrzeug mitnehmen wollte. »Im September kam die Absage«, erinnert er sich, »da konnte ich in Sachen Service wieder bei null anfangen.« Notfalls wäre er wie Guido Faber ohne Unterstützung gefahren, hätte sich aus einer Servicekiste versorgt und gehofft, dass ihn die offizielle KTM-Truppe schon nicht hängen lassen würde: »Ich bin ja immerhin einer ihrer wichtigen Händler...«

Motorradauswahl und -vorbereitung, Investitionspläne, Packlisten und Notfall-szenarien zu entwerfen, Training auf dem Motorrad und im Fitnessraum, das bleibt niemandem erspart, der ernsthaft eine Rallye wie die Dakar angehen will. Wie sich das anfühlt, wenn dann alles von einem Moment auf den anderen, kurz vor dem Start platzt wie eine Seifenblase? Vielleicht kann das ein Bräutigam beschreiben, der von seiner Liebsten vor dem Traualtar versetzt wird. Da hilft nur ein gutes Programm zur Frustbewältigung.

Das sieht bei Tina, Guido, Ingo und Robby identisch aus: Rallye fahren. Zunächst steht die von Dakar-Organisator ASO als Ersatz für die enttäuschten Dakar-Fahrer eiligst aus dem Boden gestampfte »Central Europe Rallye« auf dem Programm, die vom 19. bis 26. April durch Ungarn und Rumänien führt. Und dann kommt ja im Juni noch die »Transorientale« von St. Petersburg bis zur Chinesischen Mauer.

Was wäre passiert, wenn die Dakar 2008 am 5. Januar ganz regulär auf die große Reise gegangen wäre? Investieren wir ein wenig Fantasie. Nach einigen unerwarteten Tagessiegern bei den Europaetappen etablierte sich auf afrikanischem Terrain an der Spitze schnell das erwartete französisch-spanische Duell zwischen den KTM-Werksfahrern Cyril Despres und Marc Coma. Die beiden belauerten sich unentwegt, so passierte das Unvermeidliche: Despres unterlief ein Navigationsfehler, Coma folgte ihm blind, um dem Konkurrenten ja keinen vermeintlichen Vorteil zu lassen. Sie verloren zwei Stunden – genug für Außen­seiter Pal Anders Ullevalseter, den ersten norwegischen Dakar-Sieg zu kassieren.


Ingo Zahn war der schnellste Deutsche, sah aber bei der Zieldurchfahrt auf Platz 20 schwer angeschlagen aus. Zweimal war er gestürzt, hatte sich dabei zum Glück nur leicht verletzt. Trotzdem musste er sich mit einem geschienten, weil angeknacksten rechten Handgelenk über die beiden Schlussetappen quälen. Immerhin hatte das geballte Dakar-Know-how, das von KTM in die Konstruktion des Production Racers 690 Rally gesteckt worden war, dafür gesorgt, dass Zahns Maschine beide Purzelbäume fast unversehrt überstand. Robby Labinsky versuchte zunächst, an Markenkollege Ingo dranzubleiben, konnte dem schnellen Enduro-Crack jedoch nicht lange folgen, zumal er auch noch von der Schulterverletzung geplagt wurde, die er sich während der Rallye-Vorbereitungen zugezogen hatte. Mit seiner Schlussplatzierung im hinteren Mittelfeld war Robby Labinsky nicht ganz zufrieden, dennoch war er nach dem Finale am Lac Rose der Erste aus dem deutschen Quartett, der in Partylaune war.

Christina Meier hatte sich nach ersten einsamen Etappen am Ruhetag mit der italienischen KTM-Pilotin Silvia Giannetti angefreundet. Mit ihr zusammen fuhr sie schließlich auch über die Zielrampe – Platz drei der Damenwertung war der Lohn für einen mit Bedacht gefahrenen Wettbewerb. Guido Faber, der große Denker, der manchmal den Eindruck vermittelte, als fahre er bei einer ganz anderen Veranstaltung mit als der Rest des Starterfelds, gab sich wie erwartet als Einzelgänger. Ganz auf sich und sein Motorrad konzentriert, tat er mit der BMW, was die am besten kann: Er reiste nach Dakar, ohne sich um seine Position auf den Ergebnislisten zu kümmern.


Getroffen haben sich die vier Deutschen während der Dakar übrigens kaum. Zu unübersichtlich ist das Biwak am Abend, zu unterschiedlich waren ihre Ankunftszeiten an den Etappenzielen, zu verschieden die Aufgaben, die jeder zu erledigen hatte. Für Guido Faber, der ohne Mechaniker unterwegs war, hieß die Devise stets Schrauben und Schlafen. Christina Meier war bei ihrem belgischen Team stationiert, lediglich Robby Labinsky und Ingo Zahn liefen sich gelegentlich beim KTM-Service über den Weg. Erst ganz am Schluss, als sie ihre Motorräder in Dakar für den Rücktransport nach Deutschland vorbereiteten, gab es ein – zufälliges – Treffen. Dabei wurde, ganz unverbindlich, die Idee einer lockeren Zusammenkunft der vier deutschen Dakar-Helden angeregt – später im Jahr, wenn sich alle von den Rallye-Strapazen erholt hätten. Da war freilich schon abzusehen, dass es schwieriger sein würde, einen passenden Termin für das Treffen zu finden, als mit dem Motorrad von Lissabon nach Dakar zu fahren.


Das mit dem Treffen hat dann doch noch geklappt, wie die Bilder auf diesen Seiten beweisen. Nur wie es in Dakar aussieht, wissen die vier bis heute nicht.

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