Red-Bull-Rookies-Cup-Selektion (Archivversion) Die Qual der Wahl

Ein weltweites Nachwuchsprogramm für den Motorrad-Grand-Prix-Sport hatten Red Bull und KTM angekündigt – die Partner machten sich die Arbeit nicht leicht. Um 20 Talente zu finden, luden sie 200 Jugendliche zur Sichtung nach Valencia ein.

Wenn der österreichische Energy-Drink-Fabrikant Red Bull etwas anpackt, dann wird geklotzt – nicht gekleckert. Das beim Grand-Prix-Auftakt 2006 im spanischen Jerez verkündete Projekt »Red Bull MotoGP Rookies Cup« für 2007 bildet da keine Ausnahme. Zusammen mit den Landsleuten von Motorradhersteller KTM wurde ein Marken-Cup ins Leben gerufen, der höchste Ziele verfolgt. 20 maximal 16 Jahre alten Jugendlichen aus der ganzen Welt sollte die Chance gegeben werden, sich im Rahmen von sieben Motorrad-GP-Läufen auf identischen Motor-
rädern einem internationalen Publikum zu präsentieren. Die Rennmaschinen dafür, rund 45 PS starke Zweitakt-Einzylinder und damit nur wenig schwächer als
echte GP-125er, werden von KTM in einer Sonderserie extra angefertigt. Ausrüstung und Betreuung inklusive persönlicher
Mechaniker werden gestellt, die Junioren müssen lediglich die benötigten Reise-spesen aufbringen – für Youngster mit ernsthaften Motorradsport-Ambitionen ein Angebot, das kaum zu überbieten ist.
Was sich dann auch an der Reso-
nanz zeigte. Kaum war die Internetseite www.redbullrookiescup.com online, prasselten die Bewerbungen auf das Organisationsteam ein. Die 1000er-Marke wurde nach 50 Tagen geknackt, schließlich wurden mehr als 1100 Interessenten registriert. Aus ganz Europa, aber auch aus
Indien, Indonesien, Kolumbien, Kanada, Mexiko, Südafrika und den USA. In einer Vorauswahl wurde diese Liste auf die nach ihrer Papierform aussichtsreichsten Kandidaten eingedampft – stark 200 Kids, die
zu dreitägigen Sichtungsfahrten nach Valencia eingeladen wurden und dafür teils Interkontinentalreisen bewältigen mussten.
Das Auswahlverfahren in Valencia hatte Red-Bull-Format. 163 aufgeregte Jugendliche und fast ebenso viele nicht minder gespannte Erziehungsberechtigte füllten den Bereich im Fahrerlager hinter der Box Nummer 40 mit babylonischem Sprachgewirr, als am Spätnachmittag des zweiten Sichtungstages die Entscheidung fallen sollte, welche 45 Glücklichen tags darauf im Finale dabei sein würden. Unter ihnen auch 22 Deutsche mit ganz unterschiedlichem motorradsportlichen Vorleben. Wie ADAC-Minibiker Markus Reiterberger aus dem bayrischen Obing, ADAC-Junior-Cup-Pilot Christoph Schönberger aus Schöllnach, ebenfalls in Bayern gelegen, oder Lucy Glöckner aus Krumhermersdorf nahe Zschopau, die bereits im zweiten Jahr in der IDM 125 aktiv ist. Ihre fahrerischen Darbietungen hatten überzeugt, sie durften zum Endspurt antreten – bei dem mehr als 50 Prozent der verbliebenen Cup-Anwärter ausgesiebt werden mussten.
Endspurt, das heißt in diesem Fall: Nochmals das von der Red-Bull-Truppe generalstabsmäßig vorbereitete Selektionsprozedere zu durchlaufen. Das Feld war in vier Gruppen mit maximal zwölf Fahrern aufgeteilt, die je zweimal für eine 15-Minuten-Session auf die Piste durften. Zuvor freilich galt es, einen strikten Zeitplan
einzuhalten: eine Stunde vor dem Fahrtermin Registrierung mit Fahrerausrüstung in Box 39, Startnummernhemd überziehen,
warten. Etwa 30 Minuten vor dem Start
gemeinsamer Wechsel der ganzen Gruppe in Box 40, wo nach kurzer Zeit Ex-Grand-Prix-Star Alberto Puig auftaucht, als Chef der Red-Bull-MotoGP-Academy so etwas wie der sportliche Leiter der Cup-Selektion. Aufmerksam zuhören, was der Meister auf Englisch zu sagen hat – auch wenn man kein Wort versteht. Warten, bis die vorangegangene Gruppe mit ihren Metrakit-125er wieder an die Box gerollt ist
und die Puig-Mechanikertruppe die 32-PS-
Maschinchen inspiziert, durchgetauscht und in der Boxengasse erneut zu einer Mini-Startaufstellung formiert hat.
Ja, durchgetauscht, denn auf Chancengleichheit wird peinlichst geachtet,
und die Kandidaten können höchstens am Fahrverhalten bemerken, dass sie mit verschiedenen der technisch sonst identischen Motorräder zu tun haben. Wenn alle Motoren gestartet sind, kann es losgehen, immer einer nach dem anderen. Damit die Juroren, neben Alberto Puig noch KTM-Renndirektor Harald Bartol sowie der Ex-GP-Pilot und Motorrad-Fahrtrainer Gustl Auinger, auch Zeit haben, sich Beobachtungen zu notieren. Bartol und Auinger verbringen den ganzen Tag am Streckenrand, während Puig an der Box den Zeitnahmemonitor im Auge behält. Was der anzeigt, ist für den Berichterstatter genauso tabu wie für die aus der Boxengasse verbannten Eltern. »Zwar sind die Rundenzeiten ein Kriterium, aber nicht unbedingt das entscheidende«, sagt Auinger.
Der Österreicher, der in seiner Heimat in Fohnsdorf ein Fahrtechnikzentrum betreibt (www.fahrtechnik-murtal.at), achtet eher darauf, wie der potenzielle GP-Nachwuchs auf dem Motorrad sitzt, ob er mit der Maschine kämpft oder eher spielerisch damit umgeht, wie er die Streckenbreite nutzt, wie er sich verhält, wenn ein Konkurrent auftaucht. »Wenn Lucy Glöckner zum Beispiel auf einen Gegner aufläuft, verbeißt sie sich förmlich in ihn«, lobt Auinger. »Aber sie fährt dann nicht stur hinterher, sondern attackiert, sobald sie eine Ge-
legenheit entdeckt.« Mit Robin Lässer, dem amtierenden Meister der IDM 125,
hat er dagegen Probleme: »Der nimmt das
Motorrad nicht ernst, das sehe ich schon daran, wie er draufsitzt. Natürlich war er dieses Jahr als KTM-Junior-Pilot etwas Besseres gewohnt. Aber hier sind die Voraussetzungen für alle gleich. Er hat diese Herausforderung nicht angenommen.«
Red Bull hat sich viel Mühe gemacht, ein möglichst professionelles und faires Verfahren für die Auswahl der 20 Fahrer für den Rookies-Cup 2007 zu entwickeln. Die 15 Metrakit-125er wurden extra angeschafft, mit Juroren, Organisationsteam, Fotograf sowie den TV- und Zeitnahmeleuten von GP-Vermarkter Dorna sind an den drei Tagen in Valencia rund 40 Personen
im Einsatz. Im Sinn einer gerechten Entscheidung wurde den Finalisten sogar eine herbe Enttäuschung zugemutet. Harald Bartol: »Wir konnten direkt vor Ort kein
Ergebnis bekanntgeben, es gab noch
Beratungsbedarf.« Deshalb mussten der zwölfjährige Markus Reiterberger sowie Lucy Glöckner und Christoph Schönberger, beide 16, noch ein paar Tage warten, bis sie wussten: Sie werden 2007 die deutschen Red-Bull-Cup-Piloten sein.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote