Red-Bull-Rookies-Cup (Archivversion) Meisterklasse

Wenn die Wünsche von MotoGP-Agentur Dorna, KTM und Red Bull in Erfüllung gehen, ist auf diesem Gruppenbild ein künftiger Motorrad-Champion zu sehen. Auch vier junge Deutsche sind aufgefordert, bei dem ambitionierten Nachwuchsprogramm ihre Chance auf den direkten Sprung in die WM zu nutzen.

Die Red-Bull-Familie hat Zuwachs bekommen. Der ohnehin schon üppige Sportlerkader, der sich der Unterstützung des österreichischen Energy-Drink-Fabrikanten erfreut und sich sonst eher aus
etablierten Stars aus allen nur erdenklichen Disziplinen zusammensetzt, erhielt dabei eine Verjüngungskur. Beim Motorrad-Grand-Prix im spanischen Jerez traten 23 hoffnungsvolle Jugendliche erstmals an, im Rahmen eines bislang einzigartigen Projekts zu beweisen, dass sie für Größeres geboren sind, dass sie in die Motorrad-WM gehören. Später einmal – wenn sie etwas älter sind, denn im Moment
liegt das Durchschnittsalter der Truppe bei knapp vierzehneinhalb Jahren. Die Ältesten zählen 16 Lenze, der Jüngste, Péter Sebestyén aus Ungarn, wird im Mai 13 und darf deshalb erst beim zweiten Rennen in den Cup einsteigen.
Die Talentsuche wurde global angelegt, innerhalb weniger Wochen gingen mehr als 1100 Bewerbungen ein, die Bandbreite der Absenderadressen reichte von Nordeuropa bis Südafrika, von den USA bis nach Indonesien. Zu den dreitägigen Sichtungsfahrten auf dem Grand-Prix-Kurs in Valencia/ Spanien durften über 160 Cup-Aspiranten anreisen. Aus denen ermittelte die Jury,
im Wesentlichen besetzt mit Grand-Prix-Teamchef Alberto Puig, KTM-Technik-Direktor Harald Bartol und Gustl Auinger, in den 80er Jahren 125er-GP-Sieger und verantwortlicher Leiter des neuen Red-Bull-Rookies-Cup, in einem mehrstufigen Verfahren schließlich die 23 endgültigen Cup-Teilnehmer.
Die sieben Wertungsläufe der 125er-Serie finden im Rahmen von europäischen Motorrad-GP statt, um den Neulingen die bestmögliche Plattform für den zukünftigen Schritt in die Weltmeisterschaft zu geben: Sie fahren ihre Rennen vor großer Kulisse, unter den Augen der Weltpresse und der Chefs der wichtigen Profi-Teams. Die technischen Voraussetzungen garantieren ebenfalls WM-Feeling, denn KTM, neben GP-Vermarkter Dorna und Red Bull Träger des Projekts, ließ von Straßensport-Direktor und Konstrukteur Harald Bartol
eigens für den Cup eine Rennmaschine entwerfen, deren Eckdaten von denen
der Profi-Werksrenner gar nicht so weit entfernt sind. Red Bull spendiert den
jüngsten Vertretern der Marke zusätzlich ein weithin sichtbares Hauptquartier – als Verpflegungsstation, Treffpunkt, Chill-out-Zone, was eben gerade benötigt wird.
Selbst bei der technischen Betreuung ist für Chancengleichheit gesorgt. Zusätzlich zu sechs Cheftechnikern wird jedem der 23 Fahrer ein persönlicher Mechaniker gestellt – kostenlos, wie das Motorrad, die Alpinestars-Fahrerausrüstung, die Verpflegung und die Betreuung. Die Mechaniker wurden aus den Reihen der KTM-Aus-
zubildenden rekrutiert. Ein Programm für talentierte Nachwuchsrennfahrer mit ausgewählten Jungschraubern auszustatten – die Idee hat Charme.
Dazu kommt Gustl Auinger, der das Ganze zusammenhält. Eine wichtige Aufgabe des 52-jährigen Österreichers, meist die Ruhe in Person und gleichzeitig voll konzentriert bei der Sache, ist die Rolle der Integrationsfigur. Etwas Stolz ist ihm bei der Premiere in Jerez anzumerken. »Was mich am meisten freut, ist das angenehme Klima zwischen Fahrern, Mechanikern und Eltern.« Das ist mehr als eine Phrase. Die gute Stimmung rund um das Cup-Lager spürte jeder, der in dessen Nähe kam.
Mit dem Stichwort-Trio Fahrer-Mechaniker-Eltern spricht Auinger ein heikles Thema direkt an. »Es ging darum, schon bei den Vorsaison-Tests in Italien und Spanien ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.« Dabei mag hilfreich sein, dass die persönlichen Begleiter der Fahrer willkommen sind. Auinger: »Ob Papa, Mama, Onkel oder Tante – die werden bei uns mitverpflegt, wir schicken niemanden weg. Bei uns fahren Kinder – das sehe ich so –,
die den Kontakt zum Motorrad ihren Eltern verdanken, die logischerweise auch immer ihr erster Ansprechpartner dazu waren. Da kann ich die Eltern doch nicht von heute auf morgen auf die andere Seite des Zaunes verbannen. Wie hart es in diesem Geschäft zugehen kann, erfahren die Besten des Cups, die vielleicht in die WM aufsteigen, noch früh genug.«
Dass die Möglichkeit eines solchen Karrieresprungs realistisch ist, steht für Auinger auch aus technischer Sicht außer Frage. Er ließ es sich nicht nehmen, Harald Bartols neuen Cup-Renner persönlich auszuprobieren. Das Fahrwerk hat Bartol von der Werks-KTM, Jahrgang 2005, abgeleitet, dabei aber für den Cup-Einsatz unwesentliche – eventuell störende – Einstellmöglichkeiten wie einen veränderbaren Lenkkopfwinkel weggelassen. An der Elektronik wurde aus dem gleichen Grund gespart. Bartol: »Die Cup-Fahrer sollen zwar lernen, ein Motorrad abzustimmen. Aber zu viele Justieralternativen verwirren sie nur.« Ein 125er-Sportgerät auf die Räder zu stellen, das einen Honda-Production-Racer übertrifft, war sein persönliches Entwicklungsziel. Gustl Auingers Eindrücken nach hat er das erreicht. »Der Motor ist stark und fein zu fahren«, sagt er, »und wenn unsere Junioren damit in Jerez Zeiten knapp über 1.52 Minuten erreichen, sind wir mit einem doch um etliche PS schwächeren Motorrad näher an den Ergebnissen der 125er-Werksfahrer dran, als wir vermutet haben.« Tomoyoshi Koyama, der schnellste 125er-GP-KTM-Werkspilot in Jerez, belegte mit 1.47,791 Minuten im Qualifikationstraining Platz sechs.
Von dem deutschen Nachwuchsquartett hat Lucy Glöckner, die als einzige von mehr als 100 Cup-interessierten jungen Damen das Selektionskomitee überzeugen konnte, am meisten Erfahrung. 2005 und 2006 mischte die 16-Jährige in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) auf einer 125er-Rennmaschine mit, während ihre männlichen Kollegen Markus Reiterberger, 13, Daniel Kartheininger, 14, und Christoph Schönberger, 16, in Nachwuchsserien über Minibikes höchstens bis auf die im ADAC-Junior-Cup üblichen Aprilia-125er vorgerückt waren – Motorräder auf Serienbasis, gute 40 Kilogramm schwerer als ihre neuen Cup-Renngeräte. So war Lucy Glöckner als schnellste Deutsche auf Startplatz acht im Debütrennen keine Überraschung. Kartheininger, Reiterberger und Schönberger folgten auf den Rängen 14, 16 und 19. »Punkte sammeln«, hatten alle vier unisono als Ziel für den ersten Wertungslauf am Sonntag definiert.
Gleich nach der Hauptattraktion des Tages, dem ohne spektakuläre Höhe-
punkte verlaufenen MotoGP-Rennen, war der Rookies-Cup angesetzt. Eine starke Achtergruppe prägte über weite Strecken des 15-Runden-Wettbewerbs mit vielen Positionswechseln das Bild an der Spitze, bis sich nach zwei Dritteln der Distanz schließlich US-Boy Cameron Beaubier ganz vorn etablieren konnte.
Der erlebte sein persönliches Drama, als er vom Trainingsschnellsten Luis Salom aus Spanien touchiert wurde, ins Kies-
bett ausweichen musste und ans Ende
des Feldes zurückfiel. Salom war der sicher heiß ersehnte Triumph vor Heimpublikum jedoch nicht vergönnt, stattdessen schnappte sich mit Lorenzo Savadori in letzter Minute der einzige Italiener in
der Konkurrenz den Auftaktsieg. Bester
Deutscher wurde Markus Reiterberger auf
Rang sieben, Daniel Kartheininger und Christoph Schönberger erfüllten ihr Soll auf den Punkterängen elf und zwölf. Lucy Glöckner blieb nur die zweifelhafte Ehre, den ersten Sturz in die Annalen des neuen Cups einzutragen.
Jerez 2007 – der Nachwuchs ist in die Welt gesetzt. Was für die jungen Sportler bis zum Ende der ersten Lebensphase, dem Cup-Finale am 4. November in Valencia, folgen muss, ist doch klar: die Konfirmation, die Bestätigung ihres Talents.

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