Rennserie für Frauen in Italien (Archivversion) Ladykracher

Immer mehr Italienerinnen entdecken ihren Spaß am Motorrad. Doch allein Touren fahren reicht ihnen nicht: Im Land von Rossi und Co. lassen es die Mädels auf der Piste krachen.

Eine Lady-Rennserie – in Deutschland mit seiner viel längeren Tradition
motorradfahrender Frauen gab’s das nie. »Die Nachfrage war da, warum also nicht?« sagt Paola Furlan von »motocicliste.net«, der höchst aktiven Internet-Organisa-
tion der italienischen Motorradfahrerinnen, die den Cup aufzieht. Auf der Piste von Magione in der Nähe von Perugia findet der fünfte und letzte Lauf statt. 36 der insgesamt 60 gemeldeten Frauen treffen sich hier zum finalen Fight – ein Rennen, drei Wertungsklassen: bis 650 cm3, über 650 cm3 und Naked Bikes.
»Wenn du wissen willst, wie schnell du bist, musst du eben auf die Piste«, sagt Christiana, 42, die auf einer Buell Firebolt antritt. »Das ist bei Frauen nicht anders als bei Männern.« Mit ihrem 84-PS-Zweizylinder hat sie keine Chance auf die vorderen Plätze, doch das ficht die Architektin nicht an. Auf der Straße fährt sie gar nicht mehr. »Wenn dich das Rennstreckenfieber erwischt, interessieren dich andere Sachen nicht mehr.«
Adrenalin ist das alles entscheidende Stichwort für die meisten der Rennfahrerinnen, auch für Paola aus Vicenza. Die
27-jährige Ex-Crosserin gilt im Paddock als eine Art Betriebsnudel; wo sie ist, geht der Punk ab. Auch diesmal in der Nacht vor dem Rennen. Während sich die männlichen Kollegen – am gleichen Wochen-
ende werden zwei weitere nationale Cups ausgefahren – früh zur Ruhe begeben, herrscht vor dem Organisationszelt der Frauen Hochbetrieb. Mit Quads und Rollern legen Paola und ihre Freundin Alessia Burn-outs hin, springen über spontan
aus Holzbrettern und Reifen gebastelte Mini-Schanzen, üben Wheelies und lassen
es so richtig krachen – zur Freude ihrer
Kolleginnen, die nicht mit Szenenapplaus
geizen. »Wir sind ja schließlich nicht zum Trauern hier«, sagt Chiara, 29, »sondern weil wir Spaß haben wollen.«
Sie selbst erlebt ihn mit einem ungewöhnlichen Motorrad: Die blonde Römerin startet auf einer Ducati Multistrada und ist im Feld sowohl optisch als auch akustisch immer bestens auszumachen. »Ich hatte erst eine ganz normale Version für die Straße«, erzählt sie, »und sie hat mir so gut gefallen, dass ich eine für die Rennstrecke aufgebaut habe.« Große Chancen auf den Titel verspricht eine solche Straßenenduro natürlich nicht. »Ich mag die Ducati-Twins. Warum soll man nicht mal was Verrücktes ausprobieren?« Am Ende wird ihr Fahrvermögen immerhin für einen fünften Platz in der Klasse über 650 cm3 reichen.
Der Großteil der Frauen startet jedoch auf japanischen 600er-Sportlern: Yamaha YZF-R6, Honda CBR 600 RR, Kawasaki ZX-6RR, Suzuki GSX-R 600. »Es wäre besser, wenn das alle tun würden«, grummelt
Sebastiano. »Die großen, schweren Maschinen wie R1 oder Ducati 998 und 999 sind einfach zu gefährlich in diesem Cup.« Der 33-Jährige im Piraten-Look betreut die Führende: Maria aus Palermo auf Yamaha R6. »Ich hätte eigentlich dieses Wochen-
ende selbst ein Rennen, aber für Maria geht es um den Titel – deshalb bin ich hier.« Und gibt für sie Mechaniker, Zeit-
nehmer und Umbrella-Boy.
Janis vom Organisationsteam fährt zwar nicht mit – »ich bin noch zu lang-
sam« –, doch auch sie bekennt sich eindeutig zur Rennsport-Fraktion und nimmt mit Leidenschaft an Streckentrainings teil. »Tourenfahrerinnen bewundere ich, aber für mich ist das nichts«, gesteht die gebürtige Amerikanerin. »Ich verreise lieber mit allem Komfort.« Der Gedanke an ein paar Runden auf der Rennstrecke bringt ihre Augen zum Leuchten: »Das mit Straßen- und mit Rennmotorrädern ist wie mit einem Ehemann und einem Lover«, sagt die 38-Jäh-
rige lachend. »Den Lover würde man nicht heiraten, aber im richtigen Moment ist er unvergleichlich.«
Gleich 60 Frauen haben sich im ersten Jahr für den »trofeo motocicliste« gemeldet. »Das liegt vor allem an den niedrigen Preisen«, erklärt Organisatorin Paola Furlan. Nur 120 Euro beträgt die Einschreibe-
gebühr für den Cup, Sponsoren wie Bekleidungshersteller Axo und insbesondere Dunlop machen’s möglich. Trotzdem ist das Ganze kein billiger Spaß: »1000 Euro pro Rennen muss man schon rechnen, ganz abgesehen von den Kosten für das Motorrad und die Klamotten«, sagt Giuliana. »Aber ich habe keine anderen Laster. Also was soll’s?«
Kurz nach Mittag am Sonntag ist es dann so weit. Die Frauen sind dran. Statt leicht geschürzter Mädchen halten heute Männer im Blaumann oder in der Bade-
hose einen Schirm als Schutz vor der Hitze über die Helme. 13 Runden, insgesamt 32 Kilometer, ist das Rennen lang. Vor allem die ganz jungen Fahrerinnen stürmen auf und davon. Die 19-jährige Alessia mit ihrer CBR schafft als beste Rundenzeit 1.17
Minuten, Samuela mit ihren 18 Jahren liegt bei 1.18 – auf einer Aprilia Tuono. Für Siege bei den Männern würden diese Zeiten zwar nicht reichen, sehr wohl indes, um vorne mitzufahren.
»Wir wissen einfach noch nicht, ob Frauen und Männer im Motorradrennsport so verschieden sind, dass es immer getrennte Klassen geben muss«, kommentiert die Organisatorin. Könnte ja auf Dauer auch laufen wie bei den Reitern, die gemeinsam zu Wettbewerben antreten. »Doch weil die Frauen so viel Nachholbedarf haben, wird es wohl noch mindestens zehn Jahre dauern, bis wir das herausfinden.«
Derweil planen die Italienerinnen, anders als ihr Ministerpräsident, auf euro-
päischer Ebene. Schon im nächsten Jahr sollen mindestens zwei der Rennen im Ausland stattfinden, nämlich in Frankreich und Deutschland. »Dort gibt es so viel mehr Motorradfahrerinnen als bei uns«, sagt Paola, »das sollte doch zu machen sein, oder?« Interessentinnen daher bitte melden: Die E-Mail-Adresse: info@motocicliste.net.

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