Rennstrecke mit Anfängern (Archivversion) Wir sind Helden

Zum Wesen des Heldenhaften gehört nicht, dass man keine Angst hat. Sehr wohl gehört dazu, dass man Angst vor etwas hat und es trotzdem tut. Zum Beispiel das erste Mal Rennstrecke zu fahren.

Normalerweise kann Michael Nobel sein Motorrad besteigen, ohne dabei ständig an eine Toilette zu denken. An
diesem Tag ist das anders. »Ich mache mir
vor Angst fast in die Hose«, sagt er. Schuld hat seine Frau. Sie hätte an Socken denken können, an ein gestreiftes Oberhemd oder an ein Stripmädchen, das aus der Torte springt. Doch sie dachte so etwas wie: »Ein Rennstreckentraining, bestimmt freut er sich über ein Rennstreckentraining zum Geburtstag.«
Als Folge dieses Einfalls hat Nobel also die Hosen voll. Weil er Rennstrecke noch nie gefahren ist. Auch Sigi nicht. Deshalb hat sie im Wesentlichen dasselbe Prob-
lem. Es äußert sich nur anders. Sie habe, erzählt einer, im Auto fast gekotzt vor
Aufregung, und Sigi selbst meint, dass
sie am liebsten wieder heimfahren würde, so rumort es in ihr. »Das fühlt sich an, als hätte mir jemand
in den Bauch ge-
boxt.« Nadine, die alle Blondie nennen, muss erst gar nichts sagen. Ihr ist die
Aufregung anzusehen. Sie qualmt eine
Zigarette nach der anderen.
Lediglich Hopfe behauptet, er, nein, er sei nicht aufgeregt. Vielleicht hat er tatsächlich nicht mit den Nerven zu kämpfen. Vielleicht aber doch, und mit seinem Ärger, es habe ihm keiner gesagt, dass er sein komplettes Motorrad zukleben müsse, will er das überspielen. Denn zum ersten Mal Rennstrecke, das heißt in aller Regel: viel Schiss, wenig Ahnung.
Es ist das Wort. Rennstrecke, das Wort allein, das bei den meisten ohne Erfahrung eine nicht unerhebliche Beeinträchtigung der inneren Ruhe hervorruft: Rennstrecke ist doch für Rennfahrer, und, mal ganz ehrlich, bin ich ein Rennfahrer? Rennstrecke, das heißt: Die anderen rennen, und ich bleibe auf der Strecke. Da kommen sie von allen Seiten, und ich kann sie nicht mal kommen sehen, weil ich ja meine Spiegel habe abkleben müssen.
MOTORRAD-Redakteur Werner Koch, der die Gruppe um Nobel, Sigi, Blondie und Hopfe – insgesamt sind es zehn Neulinge – als Instruktor begleiten wird, kennt das Problem. »Übungsstrecke, das wäre ein besserer Begriff, einfach Übungsstrecke. Rennstrecke stimmt nicht bei einem derartigen Training. Das weckt gleich falsche Erwartungen und falsche Befürchtungen.«
Herbert Speer weiß das ebenfalls. Nicht, weil er selbst ein Anfänger ist. Er ist der Veranstalter und einer der Instruktoren des Trainings auf dem Anneau du Rhin,
einem kleinen Kurs nahe der deutsch-französichen Grenze bei Müllheim. Und nach einer allgemeinen hat er alle Neulinge zu einer besonderen Fahrerbesprechung versammelt. »Das Erste, was wir machen«, sagt er, auf einer Bierbank vor etwa 30 verängstigten Menschen stehend, »ist, euer flaues Gefühl aus dem Magen zu holen.« Das heiße mitnichten, dass sich nun jeder auf der Stelle zu erbrechen hätte. Sondern:
»Wir fahren einfach ganz
locker, so wie ihr das aus dem Schwarzwald kennt. Relaxtes Fahren, bleibt entspannt und haltet etwa fünf bis zehn
Meter Abstand zum Vordermann. Wer hinten fährt, muss auf den vorne aufpassen.« Dann nickt Herr Speer aufmunternd und erkundigt sich, ob es dazu denn Fragen gebe. Die Umstehenden gucken ihn an, niemand sagt was, aber es wabert durch den Raum, dass noch keiner richtig verstanden hat, wie das ohne Katastrophe funktionieren soll.
Bevor die Gruppe ihre ersten Runden dreht, sie haben in der Zwischenzeit alle gelbe Hemdchen über die Kombi gezogen, damit jeder später weiß, wem er hinter-
herzufahren hat, bevor es also raus geht, erinnert Werner Koch die Anfänger noch mal an Wesentliches. »Es geht um nix.
Niemand setzt euch unter Druck.« Mit
dem Druck ist das allerdings so eine
Sache. Denn
wie überall, erfreuen sich auch im improvisierten Fahrerlager – nicht mehr als ein Parkplatz eigentlich – eines solchen Amateurtrainings so einige als primitiv apostrophierte Rituale ungebrochener Beliebtheit. Nach wie vor zieht primatenhaftes Imponiergehabe. Natürlich läuft keiner laut brüllend im Baströckchen durchs Fahrerlager und versucht, feindliche Stämme mit Kriegsbemalung, Löwenmaske oder einem durch die Nase gezogenen Elefantenzahn zu erschrecken. Die Muster indes sind im Prinzip dieselben.
Ein paar Schweizer zum Beispiel sind mit Reifenwärmern angerückt, auf ihren Ducatis steht riesengroß irgendwas von Dingsbums-Racingteam und Corse und Speed. Die haben ihre Knieschleifer schon richtig runtergeschmurgelt und auf der Hightech-Kombi sogar Aufnäher, die aussehen wie von echten Sponsoren. Daneben
jagt einer unter
Höllengeplärre
seiner RGV 250 das Gemisch durch die Membrane, wieder andere
bringen eine Batterie voll bestückter
Werkstattwagen in Stellung. Dies mag im
Nachhinein affig wirken. Nicht jedoch, wenn man bis vor einer halben Stunde noch nicht wusste, warum man denn, bitteschön, sein Bremslicht abkleben muss. So was wirkt, wenn die eigene Profiausrüstung sich auf drei Klappstühle beschränkt und eine Keksdose mit Flachzange drin. Und so was wirkt, wenn
man selbst, des gelben Leibchens wegen weithin als Anfänger zu erkennen, in zwei
Minuten zum Vorstart rollen soll.
»Zufahren«, ermahnt Werner, »nicht irgendwo warten und umdrehen, wo der Spezl bleibt, das ist ein typischer Fehler, und da hat man dann gleich einen im
Heck stecken. Also nicht machen.«
Dann klappen sie
ihre Visiere runter, und hinter ihren Visieren sind alle allein mit sich und allein mit ihrem Schweinehund, der lauter kläfft als vorher: Du hast hier nix
verloren, du stinkst ab, geh aufs Klo.
Nobel, Sigi, Blondie und die anderen fahren als letzte Gruppe auf die Strecke, kurz Gas, dann Gas zu, eine Rechts, die Links im Anschluss öffnet sich auf eine kurze Gerade heraus, dann eine 200-Grad Links, eine 180-Grad rechtsrum. Locker bleiben, niemand setzt euch unter Druck, keine Rennstrecke, eine Übungsstrecke, nicht rennen, nur üben, ganz entspannt, wie im Schwarzwald.
Es ist nicht ganz klar, an welcher Stelle der Strecke und in welcher Runde aus
den Beruhigungsfloskeln, den unablässig in den Helm gemurmelten Mantras,
Realität geworden ist. Vielleicht auf der
Gegengeraden, vielleicht in der Schikane oder vielleicht in der Start-Ziel-Kurve. Aber
eigentlich ist das auch völlig egal. Wichtig
ist nur, dass es passiert ist, dass alle in der Gruppe bereits nach einer Viertel-
stunde ihren Vorbehalten, ihren Be-
fürchtungen und ihrer Nervosität davon-
gefahren sind.
Als Sigi absteigt und das Visier öffnet, platzt sie heraus, dass sie gerade das erste Mal über 11000 gedreht habe. »Das tut mir weh, wie sie weint«, sagt sie und zeigt
auf ihre Z 750. »Ah wah«, meint Hopfe, »da musst du reißen, bis der Drehzahlmesser kotzt, das macht der Motor mit, dafür ist der da.« Nobel hält eine Hand auf den Hinterreifen seiner R6. Den Daumen der anderen Hand schiebt er vor sein grinsendes Gesicht, und ohne mit dem Grinsen aufzuhören, fällt ihm ein »Super, echt so super« aus dem Mund. Blondie ist nicht weniger von den Socken. Nach weiteren zehn Runden berichtet sie, man habe sogar mal überholt. Überholt! Derweil zieht Sigi einen Gummipopel vom Hinterreifen ihrer Kawasaki und beschließt: »Den nehme ich mit als Erinnerung.« Hopfe hingegen ärgert sich – nach außen hin – wieder ein biss-
chen: »Ist doch Mist, dass wir immer so
lang rumstehen
müssen zwischen den Turns. Ich könnte dauernd fahren. Das habe ich nicht zum letzten Mal gemacht.«
Achim, der nach 22 Jahren Pause erst seine zweite Saison fährt, wohl auch nicht. Brutal sei es, befindet er in der Mittags-
pause. Und als er den Kampf gegen den Käse der Pizza gewonnen hat, die er neben seiner Aprilia stehend von einem Pappdeckel runterisst, fügt er hinzu: »Ich hätte nie gedacht, dass man derart schnell solche Fortschritte macht. Beim Rausbeschleunigen habe ich eben gemerkt, dass der Hinterreifen schon an seine Grenzen kommt.« Auch Nobel – man erinnere sich, morgens noch mit voller Hose – scheint seinen
Verdauungsapparat mittlerweile bestens im Griff zu haben: Er gibt sich ein ordentliches Kaliber von Zigarre und erklärt, er wisse
genau, was er mit sechs Richtigen im Lotto anfangen würde. »Erstens eine eigene Insel, zweitens eine eigene Rennstrecke.“

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