Report: European Women’s Cup (Archivversion) Lady-Land

Das weibliche Element im Rennsport bestand bislang vornehmlich aus dekorativen Grid-Girls und effizienten Managerinnen. Doch inzwischen gehen die Frauen selber ans Gas – im European Women’s Cup, professionell von der Italienerin Paola Furlan (rechts) organisiert, sogar mit echten Werksteams.

Es besteht noch Hoffnung für den deutschen Rennsport: Die Allgäuerin Nina Prinz entpuppte sich beim ersten Lauf zum European Women’s Cup in Vallelunga bei Rom als Schrecken der Konkurrentinnen. Im Training legte die Pilotin auf ihrer MV Agusta F4 Rundenzeiten von 1.44,00 Minuten hin und war damit gut zwei
Sekunden schneller als alle anderen – ein satter Vorsprung.
Die betreffende Rennserie, kurz EW-Cup genannt, wendet sich ausschließlich an Frauen; in vier Läufen (siehe Kasten Seite 194) wird ein inoffizieller Europa-Titel ausgefahren. Die Initiative dazu kam aus Italien, wo die Römerin Paola Furlan seit 2004 eine nationale Rennserie für Frauen organisiert. »Klar sind die Männer derzeit noch schneller«, gibt Furlan unumwunden zu. »Aber genau deswegen machen eigene Rennserien Sinn: Wenn die Frauen ein ähnliches Niveau erreichen sollen, brauchen sie Erfahrung, also regelmäßiges Training und den Wettkampf.«
Erste Erfolge stellen sich bereits ein, in der italienischen Meisterschaft steigern sich die Rundenzeiten jedes Jahr um zwei bis drei Sekunden. Auf der härter umkämpften und schnelleren europäischen Ebene
melden pro Rennen um die 20 Frauen
aus Deutschland, Frankreich, Slowenien, Ungarn, den Niederlanden und Italien.
Sie starten in der 600er- und der 1000er-
Klasse, gemäß Reglement auf fast un-
veränderten Serienmotorrädern. Wobei bei den Rennen beide Klassen gemeinsam fahren, weshalb sich das Feld schon nach wenigen Runden stark auseinander zieht.
Ähnlich weit driften die Motive und
Ziele der Fahrerinnen auseinander: Die
einen streben, wie Nina Prinz, eine echte Rennsportkarriere an. »Diese Saison ist hauptsächlich ein Aufbaujahr für mich«, sagt die 1,75 Meter große Blonde, die vergangenes Jahr als Privatfahrerin auf einer Yamaha R6 in der deutschen IDM antrat. Anfang 2006 wurde sie von MV Agusta Deutschland unter Vertrag genommen und verfügt nun über ein fünfköpfiges Werksteam. »2007 steht die Superbike-IDM auf dem Programm, aber ich werde auch
dieses Jahr schon ein paar Rennen mitfahren.« Und das aktuelle Ziel? »Klar würde ich den Frauen-Cup gern gewinnen. Bloß weil keine Männer dabei sind, ist das noch lange keine Veranstaltung für Weicheier.«
Das Gros der Teilnehmerinnen stellt keine so hohen Erwartungen an sich selbst. »Auf eine Rennsportkarriere kann ich wohl kaum mehr hoffen«, meint Roberta aus Pisa lachend. Die 45-jährige Kawasaki-
ZX-6R-Pilotin stieg vor sechs Jahren zum
ersten Mal auf ein Motorrad, seit drei
Jahren fährt sie Rennen. » Es ist vor allem die Geschwindigkeit, die mich anmacht«, sagt die Lehrerin. »Und das Gefühl, ganz intensiv zu leben. Wenn ich nur dran
denke, kriege ich schon eine Gänsehaut.« Ihr Ziel für das Rennen in Vallelunga: »Ankommen. Und nicht runterfallen.«
Unterschiedlich wie die Ziele präsentieren sich die Teams. Roberta wird von ihrem Lebensgefährten Vittorio unterstützt. Der Kawasaki-Händler begleitet sie im Wohnmobil zu den Rennen und fungiert als Mechaniker, Koch und Betreuer in Personalunion. Noch spartanischer wirkt die Ausrüstung bei Fiorella aus dem nahen
Viterbo. Gemeinsam mit ihrem Freund
ersteigerte sie kürzlich einen ausgedienten Polizeibus, der nun als bescheidenes
Motorhome dient. »Gewinnen? Ach was«, winkt die Suzuki-Pilotin fröhlich ab. »Letztes Jahr wäre ich in der italienischen Meisterschaft mit meinen jetzigen Zeiten noch ganz gut gelegen. Aber inzwischen sind die Besten deutlich schneller geworden.«
Wie purer Luxus nimmt sich neben
solchen Privatfahrerinnen das Werksteam von Ducati aus. Die Roten aus Bologna, mit zwei Pilotinnen im Cup vertreten, verfügen über zwei leibhaftige WM-Trucks und ein insgesamt zehnköpfiges Team;
im großen Hospitality-Zelt im Fahrerlager bewirten sie am Abend vor dem Rennen sämtliche Teilnehmerinnen des Frauen-Cups – ein Hauch von GP-Zirkus in Vallelunga. »Wir glauben an diese Rennserie, sie wird noch mehr Zuspruch finden«, sagt Teamchef Claudio de Angeli. »Und wenn wir mitmachen, dann richtig.«
Etwas bescheidener geht es beim
Aprilia-Team zu. Die 22-jährige Samuela
de Nardi, die letztes Jahr den EW-Cup in
der 1000er-Klasse gewann und für Aprilia zudem beim Acht-Stunden-Rennen von Suzuka startete, bekommt vom Werk die RSV 1000 und Mechaniker Carlo gestellt; um den Rest kümmert sich ihre Familie. Nardi kämpft in Vallelunga mit dem Set-up ihres Motorrads. »Das Heck bewegt sich, das sieht man mit bloßem Auge«, klagt sie. »Fürs Rennen erwarte ich mir daher nicht allzu viel, da gewinnt sowieso Nina.«
Dritte wird Samuela aber doch, und der Rennsport folgt auch im Frauen-Cup seinen eigenen Gesetzen. Favoritin Prinz, am Start nicht so gut weggekommen wie die Konkurrenz, stürzt nach einem Überholmanöver in der ersten Runde, schafft mit einer furiosen Aufholjagd noch den sechsten Platz. Doch der Sieg bei den 1000ern geht an die Ducati-Pilotin Paola Cazzola auf der 999, Teamkollegin Chiara Valentini räumt auf der 749 R in der 600er-Klasse ab. »Mir ist das Vorderrad weggerutscht«, gibt Prinz zerknirscht zu. »Die Reifen waren noch
kalt, und ich hab’ zu viel Gas gegeben. Mein Fehler.« Doch noch ist nichts verloren: Die Deutsche holte immerhin zehn Punkte. Gewinnt sie die drei verbleibenden Rennen, wie all ihre Konkurrentinnen erwarten, ist sie uneinholbar Erste – und Deutschland hätte wieder mal einen internationalen Motorrad-Erfolg vorzuweisen.

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