Reportage Mofa-Endurance (Archivversion) Verrückte Kisten

Mofa: Fahrrad mit Hilfsmotor, bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h Hubraum nicht mehr als 50 Kubikzentimeter – gähn. Rennmofa: ehemals Fahrrad mit Hilfsmotor, Topspeed 113 km/h – oha!

Rennmofa? Hört sich so an wie Tourencrosser oder Geländetretroller. Das ist ein Witz, oder? Kein Witz, aber witzig. Ein Blick ins Reglement des zehnten Acht-Stunden-Mofarennens im badischen Liedolsheim bei Bruchsal zeigt, wohin die Sache geht: Motorblock und Zylinder müssen original von einem Mofa sein, und die Anzahl der Gänge darf nicht verändert werden, der Rest ist fast egal. Es wird also getunt, was das Zeug hält – und oft auch darüber hinaus.Als Ausgangsbasis für die Schraubarbeit dient vielen Teilnehmern der Motor eines Peugeot 103, das Mofa in Frankreich. Dessen Automatikgetriebe wird erst einmal mit einem Drehmomentwandler aufgemotzt, der vielen noch aus den eigenen Mofa-Zeiten bekannt sein dürfte. Damals besaßen ihn allerdings nur die Furchtlosesten. Er sorgt zwar für ein besseres Drehmoment und eine höhere Endgeschwindigkeit, aber bei jedem Polizisten läuten spätestens dann die Alarmglocken, wenn er das unübersehbare Schwungrad des Wandlers zu Gesicht bekommt. Auf der 1060 Meter langen Kartbahn gibt’s aber keine Gesetzeshüter, sondern nur einen technischen Kommissar – und der hat nix dagegen.Manche Teams setzen statt auf Automatik lieber auf das Dreiganggetriebe und den Motor einer Kreidler Flory. Noch schnell die Serienhandschaltung durch eine rennmäßige Fußschaltung ersetzt, schon macht das Mofa mehr her. Wandler und Fußschaltung – ein guter Anfang. Jedoch noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Etliche der 49 startenden Teams nehmen bereits seit Jahren mit demselben Mofa teil und haben es immer weiter entwickelt. Zum Beispiel »Team 20«. Die Erfahrung aus acht Rennen und mindestens 500 Stunden Arbeit jährlich hievten das gelbe Rennmofa auf die jetzige Evolutionsstufe: Lenkungsdämpfer von White Power, das Fahrwerk eines 125er-Production-Racers, selbst gefräste Getriebezahnräder, Auspuff und Vollverkleidung Marke Eigenbau und und und. 14 PS am Hinterrad bei 73 Kilogramm Kampfgewicht schießen die Nummer 20 mit 113 km/h durch die Lichtschranke – schneller ist an diesem Tag keiner. Nach fünf Stunden Rennzeit liegt »Team 20« bereits drei Runden vor den Zweitplatzierten. Eine Stunde später sind es schon 53 – Rückstand. Und das trotz trickreichster Komponenten. Der Hinterreifen – ein Michelin Pilot Race 3 F (F für Front) – erhielt eine Spezialbehandlung: »Den Reifen ein paar Jahre abhängen lassen, damit er härter wird. Dann hält er bestimmt die acht Stunden durch.«Stimmt – der Reifen hielt, die Zündspule nicht. Ausfall nach 285 Runden. Andere schaffen nicht einmal die Hälfte. Von den 49 Mofas, die um zehn Uhr zum Le-Mans-Start bereit stehen, rollen bei weitem nicht alle aus eigener Kraft über die Ziellinie. Etliche Zweiräder werden um 18 Uhr zur schwarz-weiß karierten Flagge geschoben, um noch in die Wertung zu kommen. 13 Teams verzichten auch darauf und bleiben in den Boxen.Wie das »Racing Chicken«, die Nummer 57. Eine halbe Stunde nach Rennbeginn geht es in ihrer Box schon hoch her. »Kopf runter!« lautet der Befehl. Gemeint ist der Zylinderkopf. Den muss man nämlich abschrauben, wenn man einen neuen Kolben einbauen will. Diagnose: Kolbenfresser. Aber kein Problem, man ist ja auf alles gefasst. »Schließlich haben wir uns seit drei Monaten intensivst vorbereitet. 15 bis 20 Stunden pro Woche sind gar nix. Und eine Woche vor Rennbeginn hab’ ich mich dann auch offiziell von meiner Freundin verabschiedet«, so ein Fahrer des Teams.Ob es der Enthaltsamkeit zu verdanken ist, die letztlich zu diesem Rennmofa führte, ließ sich nicht klären. Sicher ist dagegen, dass diese Crew nur in Super-lativen denkt. Das Kettenrad zum Beispiel. Eine Spezialanfertigung für 300 Euro mit 90 Zähnen. Das Teil ist fast so groß wie die Felge. Zusammen mit dem Drehmomentwandler geht’s dann zwischen 10500 und 13500/min auch richtig vorwärts. Für die standesgemäße Verzögerung sorgt eine Sechskolben-Zange. »Wir sind zwar nicht die Schnellsten, dafür bremst keiner so spät wie wir«, grinst ein Fahrer.In der Tat – wo andere schon längst gen Kurvenausgang schielen, wartet die Nummer 57 noch auf den Bremspunkt. Dann das Knie raus, den Schleifer schön über den Asphalt schliddern und den Gegner stehen lassen, fertig.Wie beim MotoGP. Das gilt nicht nur für »Racing Chicken«, sondern auch für die komplette Veranstaltung. Was die Organisatoren da auf die Beine gestellt haben, lässt astreines Rennklima aufkom-men. Streckenposten, die diesen Namen verdienen. »The Voice«, ein Stadionsprecher, ein technischer Kommissar, dem man besser nicht widerspricht, und eben die Mannschaften, die mit immensem Einsatz acht Stunden lang um die Plätze kämpfen. Ein Kampf um die Ehre, denn Geld gibt’s nicht zu gewinnen. Das dürfte zumindest der Startnummer 19, dem »Knallpott«, ziemlich egal sein. Die 200 Euro Jahresbudget für das Gefährt sind nicht wirklich schwer aufzubringen. »100 Euro für die gebrauchten Slicks. Dazu diverse Kleinteile. Ansonsten haben wir nicht einmal die Zündkerzen vom letzten Rennen ausgetauscht.«Never change a running system – schließlich fährt der Flory-Motor im Florett-Rahmen schon seit vier Jahren einigermaßen erfolgreich mit. Von kleineren Missgeschicken mal abgesehen. Bei einer Kollision bricht der Bremsflüssigkeitsbehälter. Silikon, Klebeband und eine halbe Stunde Arbeit machen den »Knallpott« wieder fit. Ein gebrochener Kolbenring sorgt ein weiteres Mal für 30 Minuten Aufenthalt in der Box. Dass sich ein Gabeldichtring gelöst hat, wird erst nach Rennende bemerkt, und der Ausfall eines Gangs wirkt sich sogar positiv aus: »Komisch, den Dritten können wir zwar nicht mehr benutzen, trotzdem haben wir un-seren persönlichen Rundenrekord gefahren.« 359 Runden in acht Stunden – 91 weniger als die Sieger M & M Racing – bedeuten Platz 21, und das mit nur zwei Gängen zum Schluss.Laut Reglement darf deren Anzahl eigentlich ja nicht verändert werden, doch Team 57 sorgt unterm Strich letztlich für den Ausgleich. Kurz vor Rennende spielt nämlich die Zündung verrückt. »Racing Chicken« bedeutet dann nur noch: Rennmofa mit einem Hubraum von nicht mehr als 50 Kubikzentimeter und einer tuningbedingten Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h – gähn.

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