Rossi, Valentino: Analyse seiner Beliebtheit in Italien (Archivversion)

Rossi is good? No, Rossi is god!” In riesigen Buchstaben verkündet das Plakat in der Correntaio-Kehre in Mugello das
aktuelle italienische Credo. Ähnliche Botschaften finden sich rund um die Rennstrecke – die Rossi-Mania scheint überzukochen. Und die grenzenlose Bewunderung für Valentino Rossi hat nicht nur
Motorsportfans, sondern ganz Italien erfasst. »Il fenòmeno” nennen ihn die Zeitungen wegen seines gleichermaßen phänomenalen
Umgangs mit Motorrädern, Medien und Menschen. Der Twen mit dem Lausbubengesicht bezaubert staunende Dreijährige ebenso wie pubertierende Teenager, pastakochende Mamas oder sportbegeisterte Großväter.
Die kollektive Schwärmerei äußert sich auf viele Arten. Rossis Startnummer 46 prangt auf Hemden, T-Shirts und Jacken der Designer-Mode genauso wie auf Rollern, Autos und Ape-Cars in den
Straßen von Bozen bis Palermo. Lifestyle-Zeitschriften hieven den
Rennfahrer auf den Titel, Fach- und Diplomarbeiten beschäftigen
sich mit ihm. Der bekannte Zeichner Milo Manara entwickelte eine
ganze Comic-Serie über Rossi und seinen Hund Guido, die der
italienische »Rolling Stone” ab Juli häppchenweise unters Fanvolk bringt. Und die Universität Urbino verlieh dem 26-Jährigen Ende Mai gar die Ehrendoktorwürde im Fach Kommunikationswissenschaften. Schulabbrecher Rossi meinte, er freue sich sehr, vor
allem, weil nun seine Mama Stefania zufrieden sei – womit er wiederum eine ganze Generation von Müttern zu Tränen rührte.
Der Weltmeister hat diese Ehrung durchaus verdient – »dafür muss-
te ich immerhin sechs WM-Titel holen” –, denn die Rossi-Mania entspringt tatsächlich seinem virtuosen Kommunikationsvermögen. Der Italiener ist originell und schlagfertig, wirkt heiter und vergisst nie seine Fans. So erschien er nach seiner Rekordrunde im Zeittraining von Mugello entspannt vor den Fernsehkameras und meinte: »Das wird bestimmt ein tolles Rennen. Ich hoffe bloß, dass es nicht regnet, denn sonst ist hier den vielen Zuschauern der Spaß doch etwas verdorben.” Im Vergleich zu ihm wirkten die Konkurrenten
Biaggi und Gibernau verbissen, viel zu sehr mit ihren eigenen
Problemen beschäftigt, um noch an andere zu denken.
Mit seinen Fans kommunziert Rossi außerdem über seine Arbeitskleidung. In Mugello etwa trug er einen extra für dieses Rennen entworfenen Helm, hinten mit der Aufschrift »il laureato” (übersetzt etwa: »Der Akademiker”, außerdem der italienische Filmtitel von »Die Reifeprüfung”), vorn mit einer Comic-Figur in Talar und Doktorhut – Aufmerksamkeit und Lacher für solche Aktionen sind ihm
gewiss. Rossis größte Stärke bei der Verständigung mit dem
Publikum liegt jedoch in den Minishows, die er nach jedem ge-
wonnenen WM-Lauf mit Hilfe seiner Freunde veranstaltet, von der Ehrenrunde in der Badehose bis zum Stopp im schnell aufgebauten Toilettenhäuschen. »Man muss überraschen, wenn man erfolgreich kommunizieren will,” sagt der frisch gebackene Doktor weise.
Solche Auftritte sind nur möglich, weil der Megastar auf ein dichtes Netz aus Freunden und Familie zählen kann. Das hat seine Wurzeln in seinem kleinen Heimatort Tavullia in den Marken, rund zehn
Kilometer über den Adria-Stränden um Cattolica und Riccione. Nach Tavullia kommmt Rossi, der seinen Hauptwohnsitz in London hat, wann immer er sich in Italien aufhält, und dort – und nur dort – lebt er wie ein ganz normaler Twen. »Für uns ist er eben Vale,
den wir alle schon ewig kennen”, sagt Flavio Fratesi vom Fanclub. Während sich Rossi ansonsten in Italien wegen der regelrecht erdrückenden Fanmassen nur noch mit Body-Guards bewegen kann, geht er in Tavullia mit seinen Kumpels Pizza essen oder Fußball spielen – und denkt sich mit ihnen neue Gags aus. Seine Freunde schirmen ihn perfekt nach außen ab: »In der nationalen Presse
behandeln sie uns oft wie Trottel, weil wir immer sagen, dass wir nichts über ihn wissen”, erzählt Flavio verschmitzt.
Der MotoGP-Star dankt es ihnen mit dem einzigen autorisierten
Fanclub weltweit, was ein nicht zu unterschätzendes Geschäft mit Fanartikeln bedeutet. Vier Sekretärinnen beschäftigt der Club in-
zwischen, zählt über 6000 eingeschriebene Mitglieder. Eine goldene Nase verdienen sich die Tavullianer an ihrem berühmten Mitbürger allerdings nicht, denn der komplette Gewinn wird gespendet, aktuell an Schulen in Brasilien, die Valentino Rossi aktiv unterstützt, ohne groß darüber zu reden – ein weiterer Sympathie-Pluspunkt.
Doch was macht Rossi nun so einzigartig? »Vor allem hat Valentino begriffen, dass Sport Spaß ist und kein Krieg”, sagt der 84-jährige Dorfpfarrer Don Cesare, der den »ragazzo” von Kindesbeinen an kennt. »Mit seiner Freundlichkeit vermittelt er das auch seinen Fans.” Zu denen selbst Don Cesare zählt, der eine Messe schon mal schneller liest, wenn ein Rennen ansteht. Und bei einem Sieg seines Pfarrkinds die acht schweren Bronzeglocken der Kirche
läutet. Wie am letzten Sonntag. Da schlug das Phänomen wieder
zu – und gewann den 72. WM-Lauf seiner Karriere. Eva Breutel

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