Schwarzes Dragracing (Archivversion) Böse Jungs

Diese Männer scherzen nicht, sie meinen es ernst. Wenn sie zu ihren geheimen Treffen zusammenkommen, dann nicht, um nur ein bisschen Benzin zu plaudern. Sondern um Beschleunigungsrennen zu fahren. Illegal, versteht sich. Und natürlich um Geld.

Es ist zehn Uhr morgens am Sonntag, Dirtys einzigem freien Tag. Eine Textnachricht schüttelt sein Mobiltelefon wach: »Treffen Neils elf Uhr«. Im selben Moment erscheint die SMS auf 30 weiteren Handys in und um Miami. Eine Stunde später kommen mindestens die Hälfte der Empfänger in einem Industriegebiet 60 Kilometer nördlich des Stadtzentrums zusammen. Immer finden diese Treffen in eher ruhigen Ecken statt. Manchmal entlang eines Highways in den frühen Morgenstunden, manchmal nach Einbruch der Dunkelheit in Neubaugebieten und manchmal, so wie heute, in einem Gewerbegebiet. Bevor das Telefon klingelt, weiß keiner, wann und wo man sich treffen wird. Diese Aktionen sind definitiv keine, bei denen man gerne Zuschauer dabei hätte.
Als ich am Treffpunkt auftauche, fühle ich mich wie der Fisch auf dem Trockenen, nicht so wirklich wohl. Immerhin begrüßt mich einer der Männer, Jesse, derjenige, der die Nachricht für das heutige Treffen rumgeschickt hat.
Nichts, aber auch gar nichts läuft so, wie ich es
erwartet hatte. Um ehrlich zu sein: Ich wusste überhaupt
nicht, was ich erwartete. Um mich herum nur ein Haufen schwarzer Kerle mit gestretchten Maschinen. Zeit, abzuhängen und locker zu plaudern, bleibt nicht. Denn von dem, was hier abgeht, sollte die Polizei möglichst keinen Wind kriegen.
Kaum sind alle zusammen, setzen sich die ersten aufs Motorrad und hauen einen Burnout auf den groben Teer. Das bringt die Prozedur in Gang. Der Rest steht daneben und schaut wortlos zu. Zunächst. Doch dann: Stunk an der einen Ecke, Ärger an der anderen, Rempeleien, Imponiergehabe, der Ton wird lauter, die Ansage härter. Das bringt die nächsten auf ihre Mühlen, Reifen anrauchen. Mit jedem Augenblick kocht die Suppe heftiger.
Es vergeht fast eine Woche, bis ich mit Dirty über die Sache spreche. Er öffnet spät abends die Tür, und als Erstes springen mich zwei kläffende Chihuahuas an.
Dann sehe ich seine Dirty Red, eine umgebaute Kawa, im Wohnzimmer geparkt. »Da schläft sie?« frage ich ihn. »This where she sleep«, gibt er in seinem Slang zurück, schüttelt mir die Hand und stellt mich seiner Frau vor, Esther. Angesprochen auf das besondere Dekor im Wohnzimmer meint Esther nur: »Ich weiß nicht, wen er mehr liebt, mich
oder seine Maschine. Ich wage nicht, ihn zu fragen.« Sie schmunzelt, und das taut das Eis für den Rest des Abends. Das Seltsame ist, dass der Mann, der da vor mir sitzt, immer noch in seinen Arbeitsklamotten, so gar nichts hat von dem Mann, dem ich vor ein paar Tagen in dem Industriegebiet begegnet bin.
Inmitten von all dem Qualm, dem Ohren zerfetzenden Sound aus den offenen Endrohren und den Wortgefechten ist einer herausgestochen: Dirty. Was nicht allein und nicht vorrangig an seinem leuchtend roten Kopftuch lag. Sondern an der Art, wie er in diesem Durcheinander auftrat. Mit einer beeindruckend souveränen Ausstrahlung bewegte er sich zwischen Posen, Fingerzeigen, bösen Blicken und Ausdrücken, die nur versteht, wer dazugehört.
Immer mehr steigert sich die Aufregung, während sich Dirty direkt vor einem dieser Schränke aufgebaut hat. Der Tumult um sie herum heizt die Atmosphäre zusätzlich an, und die Sache sieht verdammt danach aus, als wäre da eine deftige Klopperei im Anflug. Doch bevor die Fäuste fliegen, setzt der Mann in Rot sich einfach auf seine Maschine, lässt das Biest an und den Hinterreifen brennen. Woraufhin der Typ, der ihm gerade noch in die Augen starrte, dasselbe tut. Sie nehmen Aufstellung, zwischen sich den Starter, der die Arme in die Höhe streckt. Und
fallen lässt. Die beiden reißen das Gas auf. Ein Schwarm Staren schießt in den Himmel, und Mister Red, die
Maschine quer, das Hinterrad rauchend, die Gerade runter. Sein Gegner hat den Start vergeigt.
Trotzdem ist Mister Red alles andere als zufrieden. Als er zurückrollt, sieht sein Gesicht böser aus als zuvor.
Es folgt ein Wortgefecht, von dem ich nicht einen Ton verstehe, und obwohl es schon wieder sehr den Anschein hat, bleibt auch dieses Mal körperliche Gewalt völlig aus. Stattdessen erhöht Mister Red den Einsatz, winkt mit einem Bündel von zehn Hundertern. Zu viel für seinen Kontrahenten, er ist raus, Mister Red sauer.
Ich erkläre Dirty, wie ich die Szene beobachtet habe. Er lacht. »Die machen mir Spaß, wollen Rennen, aber keinen Einsatz bringen.« Nur bei den Beschleunigungsrennen bricht Dirtys zweite Persönlichkeit durch. »Es braucht schon einiges, um mich einzuschüchtern oder aus der Ruhe zu bringen. Ich sage, was ich zu sagen habe, Punkt. Dann wird es halt laut. In meine Maschine habe ich totales Vertrauen. Wenn sie verlieren würde, käme sie mir nicht mehr ins Haus, dann stünde sie ratzfatz im Laden.« »Sie meinen es ernst, treffen sich nie, um bloß Worte zu
machen«, fügt Esther hinzu.
Eines der Probleme, mit denen Dirty sich gegenwärtig herumplagt, ist, dass die Rote mittlerweile schneller geht, als gut für sie wäre. Für sie beide. Seit drei Jahren fährt Dirty seine Maschine, und in dieser Zeit haben die Leute sie bestens kennen gelernt. Sie wissen genau, was dieser Untersatz kann. Hin und wieder muss Dirty folglich in die Trickkiste greifen, um die Konkurrenz, nun ja, etwas hinters Licht zu führen. »Manchmal ziehe ich ein Zündkabel ab, so dass die Karre verkackt. Das macht die anderen natürlich heiß.« Sobald das eigentliche Duell losgeht, fummelt er den Stecker wieder auf die Kerze und sahnt ab. Mit seinem Spitznamen haben diese Methoden übrigens nichts zu tun. Der kommt daher, dass Dirtys Haut zu Schulzeiten stets einen Hauch heller war als die seiner Kumpels. Als »dirty black«, schmutziges Schwarz, bezeichneten die seinen Teint. Das blieb hängen.
»Nicht mehr lang, und ich muss die Rote durch eine andere Maschine ersetzen. Doch sie bleibt in der Familie, immer. Vielleicht gebe ich sie meinem Sohn weiter«, sagt Dirty. In der Ecke des Zimmers steht eine weitere alte Kawasaki: »Die wird mein nächstes Projekt.«
Probleme mit der Zulassung einer Maschine wie der schwerstens umgebauten Dirty Red, eine 1978er-ZX1R, gibt es im Sunshine State Florida nicht. Obwohl die Schwinge mit 28 Zentimeter Überlänge, die massiven Streben statt der Federbeine und der komplett offene Auspuff die Absichten des Fahrers nicht eben verschleiern. Auch die übrigen Veränderungen, an der Front etwa oder die direkt vor das Hinterrad gequetschte Batterie, gehen als legal durch. Und trotz der Modifikationen findet Dirty seine Maschine alltagstauglich. »Nur«, sagt er, »solltest du zusehen, Schlaglöchern oder Kanaldeckeln aus dem Weg zu gehen. Mit Esther hintendrauf bin ich schon 230 gefahren.«
Wenn nicht Motorrad, dann fährt Dirty Müllwagen, seit 22 Jahren sechs mal 16 Stunden die Woche, aufstehen morgens um drei. Noch länger allerdings geht das mit den illegalen Rennen. Bei denen mischt Dirty, der kürzlich
seinen 42. feierte, mit, seit er 15 ist. Mit einem einzigen Lauf
hat er mal 4000 Dollar gewonnen, eine Ausnahme. Die
typischen Einsätze liegen zwischen 250 und 500 Dollar. Cash in der Regel. Nur manchmal passiert es, dass einer seine Maschine setzt. Legale Rennen interessieren Dirty wenig, einmal ließ er sich dazu hinreißen. Um es gleich wieder zu lassen. »Keine Kohle im Spiel, nur Stoppuhren.«
Weit mehr als diese überrascht Esthers Bemerkung, dass sie es gewesen sei, die Dirty die ZX1 gekauft habe. »Stimmt«, sagt er, »sie hat sie angeschafft, weil ich nicht aufgehört habe zu jammern.« »Ich wusste, es würde ihn glücklich machen. Wenn er gestresst ist, sage ich ihm, er soll eine Runde drehen. Danach kommt ein glücklicher Mensch zu mir zurück.«
Esther arbeitet als OP-Schwester im örtlichen Krankenhaus, und dort sieht sie nicht selten die Opfer von Motorradunfällen. »Aber wenn das die Art ist, wie du dein Leben leben willst, dann ist das vielleicht auch die Art, wie du es beenden musst«, meint sie und sieht dabei zu Dirty herüber. »Sie ist ein Engel«, sagt er leise. »Ohne sie könnte ich nicht sein. Ohne sie wäre ich nicht.“

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