Sport: Die Deutschen in der Straßen-WM 2009 (Archivversion) Masken runter

Karneval ist vorbei, die Grand-Prix-Saison 2009 beginnt in wenigen Wochen, Schluss mit dem Versteckspiel: Stefan Bradl (17), Sandro Cortese (11) und Jonas Folger vertreten Deutschland in der 125-cm³-Straßenweltmeisterschaft und müssen sich zu ihren Zielen bekennen.

Bereits seit 2003 ist das Kiefer-Team im Motorrad-Grand-Prix-Sport aktiv – und seit Kawasaki Ende 2006 Harald Eckl in die Wüste schickte, den damaligen Chef der Kawasaki-MotoGP-Mannschaft, ist die von den Brüdern Stefan und Jochen Kiefer geleitete Truppe das einzige Team unter deutscher Führung in der Motorrad-Straßenweltmeisterschaft. Zwar waren die Kiefer-Auftritte in der 125er- und 250er-Klasse stets klein, doch immer solide finanziert. Trotzdem konnten sie das Image brotloser Kunst nie abstreifen – wer erinnert sich noch an die Resultate von Fahrern wie Chris Gemmel, Dirk Heidolf oder Alex Baldolini? Die Wende kam 2008, mit dem Durchbruch von Stefan Bradl.

Seit das jetzt 19-jährige bayerische Talent, das für 2008 nicht nur einigermaßen überraschend bei Kiefer unterschrieb, sondern auch Hauptsponsor Grizzly-Gas mitbrachte und mit zwei Grand-Prix-Siegen und Rang vier in der Endabrechnung der 125er-WM für ein sensationelles Erfolgserlebnis sorgte, wird man das Gefühl nicht los, dass gerade der fürs Organisatorische zuständige Stefan Kiefer ein Glückskind erster Klasse ist. Denn als Ende 2008 Geldgeber Grizzly-Gas Reißaus nahm, Verhandlungen mit Energy-Drink-Produzent Red Bull als Ersatzfinanzier scheiterten und es schon zappenduster um die Zukunft des Kiefer-Teams aussah, tauchte ein unerwarteter Retter in der Not auf. Wundert es da noch, dass am Freitag, den 13. im Februar 2009, bei der Vorstellung des neuen Hauptsponsors in Hockenheim so gutes Wetter herrschte, dass Bradl bei null Grad sogar Demorunden auf seiner Aprilia drehen konnte, während rundherum ganz Baden-Württemberg im Schneegestöber versank?

Dass mit der Allendorfer Heiztechnikfirma Viessmann ein branchenfremder Investor gewonnen werden konnte, ist wie bereits bei Grizzly-Gas Stefan Bradl zu verdanken. „Wir haben keinen Einstieg in den Motorsport geplant“, versicherte Gerd Hesselbach, Leiter des Viessmann-Sportsponsoring, „aber als wir von Stefans Notlage erfuhren, wollten wir helfen. Denn er verkörpert alles, was wir von einem Sportler erwarten: Spitzenleistung, Sympathie und Bodenständigkeit.“ Siegeswille und eine gewisse Souveränität kommen hinzu. „2009 müssen noch ein paar GP-Siege aufs Konto“, nennt der Sohn des ehemaligen 250-cm3;-Vizeweltmeisters Helmut Bradl seine Ziele, und: „Der WM-Titel ist sicher ein Thema für mich.“ Dass ihn die MotoGP-Exweltmeister Casey Stoner und Nicky Hayden in einem TV-Interview als Titelfavoriten genannt haben, macht ihn zwar stolz. „Aber letztlich hilft mir das nicht, die Arbeit muss ich selbst machen“, stellt er nüchtern fest. „Ich vermute, dass sechs bis acht Leute um den Sieg kämpfen werden.“ Vizeweltmeister Simone Corsi sowie die in der WM 2008 knapp hinter ihm platzierten Nicolas Terol und Bradley Smith erwartet er als starke Gegner.

Dass sein Motorrad Jahrgang 2008 ist, soll kein Problem sein. „Aprilia hat für 2009 keine speziellen Werksmaschinen produziert“, erklärt Techniker Jochen Kiefer, „wir haben daher die vorhandene 125er mit den neuesten Kit-Teilen aktualisiert und besitzen jetzt das beste Motorrad, das wir für diese WM-Saison bekommen konnten.“ Ein identisches Motorrad steht auch Sandro Cortese zur Verfügung, obwohl es unter dem Markennamen Derbi geführt wird. Ein rein optischer Unterschied, und was die technische Vorbereitung seines Renngeräts betrifft, hat der Schwabe aus Berkheim keine Zweifel: „Ich fahre 2009 im Team des amtierenden Weltmeisters Mike di Meglio. Der ist in die 250er-Klasse aufgestiegen, aber seine bisherigen Techniker sind jetzt für mich zuständig.“ Obwohl er in der zweiten Saisonhälfte des vergangenen Jahres immer stärker wurde, wagt er keine so ambitionierten Zielsetzungen wie Stefan Bradl: „Zuletzt bin ich mehrfach am Podest gescheitert – deshalb nehme ich mir von Anfang an Top-Drei-Plätze vor.“

Da klingt es schon ganz schön mutig, wenn der jüngste im Bunde, der 15-jährige Jonas Folger, sich für seine erste komplette WM-Saison als Ziel gesetzt hat, „an den anderen Deutschen dranbleiben“ zu wollen. Er wird im italienischen I.-C.-Team eine Aprilia 125 RSW fahren und damit – für einen Neuling normal – nicht ganz auf dem technischen Stand von Bradl und Cortese sein. Dafür, dass die Kommunikation mit dem neuen Team klappt, ist gesorgt. Alex Hofmann, sprachbegabter Ex-MotoGP-Pilot und 2009 als DSF-TV-Reporter in der GP-Boxengasse, hat bei Verständigungsproblemen Hilfe zugesagt.

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