Grand Prix in Valencia Höhenflüge auf dem Grand Prix in Spanien

Überflieger Marc Márquez fuhr im abschließenden Moto2-Rennen vom letzten zum ersten Platz und legte bei der anschließenden MotoGP-Probefahrt sofort schnelle Zeiten vor. Da wollte sein neuer Teamkollege Dani Pedrosa nicht hintanstehen - und lieferte im Rennen der Königsklasse eine ähnliche Show.

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Das Team von Marc Márquez johlte vor Begeisterung und warf seinen Helden wieder und wieder in die Luft. Die spontane Feier im Parc fermé von Valencia war die Fortsetzung eines Höhenflugs im Moto2-Rennen, bei dem der 19-jährige Spanier in ganz neue Dimensionen vorgestoßen war. „Die Weltmeisterschaft ist entschieden – klar, dass ich nicht übermäßig viel riskieren werde“, hatte Márquez nach der Qualifikation angekündigt. Hinter dem überlegenen Pol Espargaró hatte er die zweitbeste Zeit erreicht, musste sich wegen einer Sanktion aber auf dem letzten Startplatz anstellen.

Als er den Helm überstülpte und zum Rennen auf die Rennstrecke hinausfuhr, waren die guten Vorsätze und das, was ihm sein Manager Emilio Alzamora über Verletzungsrisiken vor dem bevorstehenden ers­ten MotoGP-Test eingeschärft hatte, schnell vergessen. Bei nasskalten Bedingungen und feuchtem Asphalt heizte Márquez den Konkurrenten ein, dass ihnen Hören und Sehen vergingen. Schon im ersten Teilstück der Strecke bis in die dritte Kurve zirkelte er wie im Riesenslalom an neun Piloten vorbei. Nach einer Runde war er schon Elfter, in der zweiten Runde Neunter. Und während Espargaró auf der rutschigen Piste stürzte, wieder aufsprang und halbherzig auf den achten Platz steuerte, griff Márquez weiter an, hatte nach 15 von insgesamt 27 Runden den tapfer Widerstand leistenden Dominique Aegerter besiegt und Rang drei übernommen.

Alzamora hoffte, seine Nerven für den Rest des Rennens schonen zu können, weil sich Julián Simón und Nico Terol an der Spitze bereits weit abgesetzt hatten. Doch Márquez ignorierte alle Boxensignale und trieb seinem Chef weiterhin Schweißperlen auf die Stirn. Unglaublich, aber wahr: Er ließ auch den Riesenrückstand auf die beiden Ex-Weltmeister zusammenschrumpfen, erwischte Terol neun Runden vor Schluss und setzte sich drei Runden vor dem Ende auch noch gegen Simón durch. Bei Espargaró herrschte ebenso wie bei den anderen ­Moto2-Piloten dennoch ein Gefühl der Erleichterung – darüber nämlich, dass sich Márquez aus ihrer Kategorie verabschiedete. Sollten sich doch die Fahrer der Königsklasse künftig mit dem Phänomen Marc Márquez auseinandersetzen.

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Foto: Jaime Olivares Camps

Die trieb vor allem die Sorge um, welche Kollateralschäden Márquez bei seinem MotoGP-Einstieg anrichten würde. Im freien Training am Freitag hatte Márquez aus purer Ungeduld Simone Corsi abgeschossen, was zu seiner Versetzung auf den letzten Startplatz geführt hatte. Falls er die 250 PS der MotoGP-Maschine genauso kompromisslos zur Anwendung bringen würde wie seine bisherigen 130 Moto2-PS, würde das unwägbare Gefahren heraufbeschwören.

Keine Frage war, dass sich Márquez schnell an die zusätzliche Power gewöhnen würde. Wegen des schlechten Wetters in Spanien ging er erst am zweiten Tag der anberaumten MotoGP-Tests in Valencia mit der Honda RC 213 V auf die Strecke, stand nach 27 Runden aber schon als Siebtschnellster in der Liste. Zu dem drittplatzierten Stefan Bradl fehlten ihm nur sechs Zehntelsekunden, womit absehbar ist, dass sich die beiden Moto2-Rivalen des Jahres 2011 in der kommenden Saison 2013 wieder auf Augenhöhe begegnen werden. Im Vergleich zu Márquez fehlte Bradl vielleicht das letzte Quäntchen an explosiver Schnelligkeit. Dafür aber hatte er in seiner ersten MotoGP-Saison mit konstant guten Leistungen überzeugt, die ungeachtet der jüngsten Rennstürze in Aragón, Malaysia und Valencia belohnt werden sollten: Zwei Tage nach dem letzten Rennen verlängerte Bradl seinen Vertrag mit Honda und Teamchef Lucio Cecchinello um ein weiteres Jahr bis einschließlich 2014. Das war ein kluger Schachzug von beiden Seiten. Das LCR-Team wird keinen besseren Fahrer, Bradl kein besseres Team finden. Darüber hinaus versprach HRC-Vizepräsident Shuhei Nakamoto, der einen Narren an Bradl gefressen hat, ab 2013 offizielle Werksunterstützung.

Im Kampf um die Weltmeisterschaft wird weiterhin das offizielle Repsol-Honda-Team die Kohlen aus dem Feuer holen, weshalb Márquez wohl zwangsläufig irgendwann an Bradl vorbeiziehen wird. Den stärksten Gegenwind hat der Spanier deshalb nicht von Bradl, sondern von Teamkollege Dani Pedrosa zu erwarten. Bei den Valencia-Tests hielt der Senior des Teams den Junior noch um gut eine Sekunde in Schach, was vielleicht auch daran lag, dass ihm das ständige Geraune, Márquez werde ihn bald in den Schatten stellen, auf die Nerven ging.

Denn wie Márquez in der Moto2-Klasse war Pedrosa in der MotoGP-Serie zuletzt der Mann der Stunde – keiner, dem man so leicht das Wasser abgräbt. Mittlerweile auch im Regen nicht mehr, wenngleich er sich auf feuchter Piste vor dem Start in Valencia im letzten Moment für Trockenreifen entschied. „Das hat mir mein Gefühl gesagt. Deshalb bin ich in der Aufwärmrunde aus der letzten Kurve in die Box abgebogen“, berichtete Pedrosa später.

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Dort parkte er seine Nummer-eins-Maschine mit Regenreifen, sprang auf das bereitstehende Ersatzmotorrad und startete wie Cal Crutchlow, Nicky Hayden und Álvaro Bautista aus der Boxengasse. Und während Hayden seine Ducati alsbald beerdigte, weil er bei einem Überholversuch auf einen nassen Fleck geraten war, rollte Pedrosa das gesamte Feld von hinten auf und feierte den sechsten Sieg im achten Rennen. „Ich wollte eine ähnliche Show bieten wie Marc“, sagte er gut gelaunt. Teamkollege Casey Stoner hatte erst in der vierten Runde das Motorrad gewechselt und fuhr als Dritter zu einem vergleichsweise leisen Abschied aus dem GP-Zirkus.

Ein härterer Gegner als Stoner hatte sich im Rennen selbst ausradiert. Ausgerechnet Jorge Lorenzo, als neuer Weltmeister gerade noch für seine Beständigkeit gerühmt, baute seinen ersten selbst verschuldeten Rennsturz des Jahres. Beim Überrunden von James Ellison geriet auch er auf einen nassen Fleck, worauf seine Yamaha erst empört schlingerte, bevor sie Lorenzo in hohem Bogen abwarf.

Ebenso wie Pedrosa kann sich auch Lorenzo künftig auf harten Gegenwind in der Box einstellen. Zwei Tage nach dem Saisonfinale drehte Valentino Rossi die ersten Genussrunden auf seiner geliebten Yamaha M1, was wichtig für die Weltpresse war, dem Team wegen der nassen Piste aber kaum verwertbare Daten bescherte. Danach reiste Yamaha auf der Suche nach besserem Wetter zum Motorland Aragón weiter und geriet vom Regen in die Traufe – denn während die Strecke in Valencia nun abtrocknete, hatte es mittlerweile auch im Norden zu schütten begonnen.

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"Honda verspricht mir Werksunterstützung"

Für Sandro Cortese verlief das Saisonfinale fast nach Plan. Der erste Moto3-Weltmeister der GP-Geschichte verwandelte das nasse Valencia-Rennen zu einem Schaulaufen, bei dem er fast den sechsten Saisonsieg erbeutet hätte. Nur den Überraschungsangriff von Teamkollege Danny Kent hatte er nicht vorhergesehen. Der Brite wiegte seinen Gegner noch in der letzten Runde mit einem Abstand von mehreren Motorradlängen in Sicherheit, bis in der letzten Kurve aber so ansatzlos zu wie eine Schlange und war am Zielstrich um einen Wimpernschlag vorn.

Corteses erster Groll war schnell wieder verflogen, denn für ihn stand bereits die erste Sitzprobe auf seiner neuen Kalex-Moto2-Maschine bevor. Die Lücke, die er bei KTM hinterlässt, wird vom spanischen Vizeweltmeister Luis Salom ausgefüllt. Doch die deutschen Fans können sich auf neue Spannung in der kleinsten Klasse freuen: Philipp Öttl, der 2013 seine erste Grand Prix-Saison bestreitet, fuhr bei der Feuertaufe in Valencia hinter Salom auf den elften Platz.

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Kolumne: Stefan Bradl

"Honda verspricht mir Werksunterstützung"
Beim Saisonfinale in Valencia lag ich schon an dritter Stelle, als ich auf den überrundeten Aoyama auflief und beim Überholen auf dem feuchten Asphalt neben der Ideallinie übers Vorderrad wegrutschte. Statt mit einem Highlight habe ich die Saison mit einem Sturz beendet, was mir sehr leidtut.

Im letzten Saisondrittel hatten wir eine etwas schwierigere Phase, trotzdem bin ich „Rookie of the Year“ geworden. Wir haben einiges gelernt und wichtige Infos fürs nächste Jahr gesammelt, in dem ich gleich um zwei Stufen höher einsteigen will als dieses Jahr. In der Qualifikation habe ich mich über die Saison von den Plätzen sieben, acht und neun auf die Ränge fünf und sechs gesteigert und hoffe, dass es in dieser Richtung weitergeht.

Bereits in Japan durfte ich das Werksmotorrad von 2013 probieren, das mir etwas steifer vorkam, mehr Bremsstabilität vermittelte und einfacher einzulenken war – Eindrücke, die sich bei den Valencia-Tests bestätigten. Ich bin froh, dass wir nicht nur meinen Fahrervertrag bis 2014 verlängern konnten, sondern dass Honda uns offiziell Werksunterstützung zusichert. So kann ich dem LCR-Team etwas von dem zurückgeben, was es für mich getan hat.

Dass Marc Márquez ein verdammt schneller Rennfahrer ist, der sofort gut zurechtkommen wird, steht außer Frage. Trotzdem ist er ein Gegner wie jeder andere, und anstatt mich mit ihm zu beschäftigen, werde ich mich auf mich selbst konzentrieren. Als Nächstes wird mich Dr. Xavier Mir in Barcelona wegen des Kompartmentsyndroms im rechten Unterarm operieren. Zum Saisonstart 2013 will ich topfit sein.

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Kolumne: Jonas Folger

„Mehr Pech als ich kann man nicht haben ...“
Die Pole Position, die mir im Qualifying von Valencia gelang, machte mich zuversichtlich, im Rennen mindestens einen Podestplatz holen zu können. Doch mehr Pech, als ich am Sonntag hatte, gibt es nicht: Motorschaden im Warm-up, in der Besichtigungsrunde blieb ich abermals stehen, startete aus der Boxengasse und hatte nach sieben Runden den nächsten Defekt. Doch Technikprobleme sind nun mal Teil des Rennsports, und weil wir nicht um einen der Top-Plätze in der Endwertung gekämpft haben, war die Enttäuschung zu verkraften.

Abgesehen davon verliefen die ersten Rennen in meinem neuen Team wie am Schnürchen. Wir waren überall vorne dabei und haben dabei immer geschaut, was wir am Motorrad noch verbessern können. Die Kalex war am Anfang zwar leicht zu fahren, aber auch ein bisschen nervös. Besonders bei meinem Fahrstil ist sie teilweise sehr unruhig geworden. Wir haben deshalb mit der Hilfe von Kalex-Konstrukteur Alex Baumgärtel in Richtung Stabilität gearbeitet, das Fahrwerk länger und den Lenkkopfwinkel flacher gemacht. Beim Einstellbereich sind wir jetzt überall am Limit, erhalten für 2013 aber einen neuen Rahmen, der uns mehr Möglichkeiten gibt.

Nach meinem Sieg in Brünn habe ich noch darauf gedrängt, im nächsten Jahr in der Moto2-Klasse fahren zu können, vor allem wegen meiner Größe. Im Endeffekt machen zwei, drei Kilo aber keinen Riesenunterschied. Man kann trotzdem vorne mitfahren, weshalb ich nicht nur dem Aspar-Team gefolgt bin, sondern mich auch persönlich für ein weiteres Jahr in der Moto3-Klasse entschieden habe.

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Interview mit Sandro Cortese

Der Italo-Schwabe beendete seine Weltmeistersaison mit einem kleinen Schönheitsfehler – und freut sich auf 2013.

Nach der Zieldurchfahrt in Valencia waren Sie enttäuscht. War es so schlimm, auf den sechsten Saisonsieg verzichten zu müssen?
Cortese: Ich hatte vor der letzten Runde eine Sekunde Vorsprung und rechnete nicht damit, dass mich meine Verfolger noch einmal angreifen würden. Als mich Danny Kent in der letzten Kurve überholte, war ich völlig überrascht. Und als ich hinter ihm an der Zielflagge vorbeifuhr, war ich tatsächlich sauer, denn als Rennfahrer willst du immer noch mehr. Doch die Enttäuschung hat sich schnell gelegt. Danny hat den Sieg verdient. Ich für meinen Teil habe noch nie ein Regenrennen auf dem Podium beendet, auch das muss man einmal geschafft haben. Natürlich wäre der Sieg traumhaft gewesen, doch wir haben auch so eine stolze Bilanz vorzuweisen. Zwei deutsche Weltmeister in zwei Jahren, da muss man zufrieden sein. Es hat Jahrzehnte ohne solche Erfolge gegeben.

Sie sind als einziger KTM-Pilot mit dem neuen Fahrwerk für 2013 ins Rennen gegangen. Wie hat es sich angefühlt?
Cortese: Gut! KTM hat für die Zukunft bereits wieder Top-Arbeit geleistet. Es ist ein komplett neues Motorrad. Wir haben bei null angefangen, und mit einem solchen Motorrad sofort fast den Sieg zu holen, ist etwas Unglaubliches.

Sie haben auf die erste Ausfahrt mit Ihrer neuen Kalex-Moto2-Maschine am Test-Montag nach dem Valencia-GP verzichtet. Warum?
Cortese: Am Sonntagabend haben wir uns für die offizielle Weltmeisterehrung in Schale geworfen, die extrem spät anfing. Danach gab’s ein Essen mit dem Team und schließlich die traditionelle Party zum Saisonende. Ich wollte am Montag nicht halb tot aufs Motorrad steigen. Ich kann es aber kaum erwarten, in Almería nächste Woche zu fahren und über drei Tage hinweg zielstrebig mit der Arbeit anzufangen.

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