Sportreport: Das Team hinter Jonas Folger (Archivversion) Gemeinschaftskunde

Mit gerade 15 Jahren startete Jonas Folger verblüffend erfolgreich in seine erste vollständige Saison in der 125-cm³-Straßenweltmeisterschaft. Auch deshalb, weil das bayerische Talent zum Glück von einem außergewöhnlichen italienischen Team aufgenommen wurde.

Jonas Folger war so niedergeschlagen, dass er eigentlich gar nicht mehr zum Rennen antreten wollte. Es war Samstagnachmittag beim Saisonfinale 2008 in Valencia, das Abschlusstraining war katastrophal verlaufen, und Raul Jara, Manager der spanischen MotoGP-Academy, hatte erklärt, dass GP-Promoter Dorna an weiteren Investitionen in Folgers Karriere kein Interesse mehr habe. Bei Red-Bull-KTM, wo Folger seit dem Brünn-Grand-Prix, seitdem er 15 Jahre alt ist, immer wieder als Wild-Card-Pilot zum Einsatz gekommen war, gab es wegen radikaler Budgetkürzungen auch keine Perspektive. Folger stand, so seine düsteren Befürchtungen, vor dem Ende seiner jungen Karriere.

Doch man trifft sich immer zweimal im Leben. Noch in Valencia ging Folger in der Team-Hospitality auf den zufällig dort beim Essen sitzenden Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz zu, um sich höflich für die drei Jahre als Red-Bull-KTM-Rookie zu bedanken. Mateschitz munterte ihn auf, er solle sich über die Zukunft keine Sorgen machen. Tatsächlich fischte Vater Jakob Folger Wochen später eine Zusage von Red-Bull-Sponsoring-Manager Thomas Überall aus dem Computer, die ein Spam-Filter um ein Haar ungelesen verschluckt hätte.
Am Renntag in Valencia fuhr Jonas Folger nicht nur angriffslustig vom 32. Startplatz auf den 17. Endrang vor, sondern bedankte sich anschließend vor laufenden Fernsehkameras abermals, diesmal bei der MotoGP-Academy. Stunden später rief Raul Jara an und verkündete eine Kehrtwende: Man habe sich mit den Dorna-Leuten auf das gute Rennen hin nochmals an einen Tisch gesetzt und beschlossen, Folger nun doch irgendwo unterzubringen.

Es war ein Glück, dass die Wahl auf das italienische Team von Fiorenzo Caponera fiel, wo sich ein WM-Auftritt mit vier Fahrern anbahnte. Denn Caponera startet 2009 nicht nur mit einer Aprilia-RSA-Werksmaschine für den Italiener Andrea Iannone, der im Vorjahr seinen ersten GP-Sieg gefeiert hatte und nun mit um den Titel kämpfen soll, sondern auch mit RSW-Production-Racern für Iannones Landsmann Lorenzo Zanetti, den Japaner Takasaki Nakagama, einen Freund Jonas Folgers aus der MotoGP-Academy, und Folger selbst.

Schon die technische Wahl erwies sich als Volltreffer. Bei den allerersten Tests im Februar in Estoril/Portugal fuhr Folger mit dem unbekannten Motorrad auf einer unbekannten Strecke in einem ihm unbekannten Team sofort unter die schnellsten fünf und wurde erst am zweiten Tag, als sich die Stars allmählich warm gefahren hatten, ins Mittelfeld verdrängt. „Der Motor der KTM war nicht schlecht, aber mit dem Fahrwerk, speziell mit dem Vorderrad, hatten wir immer Probleme. Ich habe einfach die Linie nicht halten können. Doch die Aprilia hat mir sofort getaugt. Sie ist wilder, härter als die KTM. In schnellen Ecken kannst du jederzeit einschätzen, wo das Limit ist. Ich habe noch keinen einzigen Crash mit der Aprilia gehabt, der sich nicht vorher angedeutet hätte“, erklärt Folger. Der auch körperlich über den Winter einen gewaltigen Entwicklungssprung machte, mit 15 Zentimetern zusätzlicher Körpergröße, um drei Nummern größeren Stiefeln, deutlich mehr Muskel-masse und einem Körpergewicht von nunmehr 56 Kilo-gramm, mit dem er endlich auf die das Fahrverhaltenstörenden Zusatzgewichte am Bike verzichten kann.
Was Folger außerdem weiterhilft, sind Iannones Abstimmungsdaten aus dem Vorjahr, als der selbst noch mit einer Aprilia RSW unterwegs war. „Wir haben einen sehr ähnlichen Fahrstil – spät bremsen, eng in die Kurve rein, und gleich wieder wild raus“, verrät Folger. Dank dieser Daten zeigte er nach dem durch einen Kurbelwellendefekt völlig verunglückten Training beim Jerez-GP sein bisher größtes Husarenstück und fuhr vom allerletzten Platz bis auf Rang zwei, bevor er im Endspurt bei einer Kollision mit Pol Espargaro zu Boden ging.

Der technische Charakter der Aprilia ist allerdings nur ein Grund für den schlagartigen Wechsel zum Besseren. Als Folger seine staunenden Tech-nikern zum Abschied in Estoril wissen ließ, dass er die Strecke überhaupt nicht gekannt hatte, machte einer der Mechaniker einen Kniefall und schaute gestikulierend in Richtung Himmel zur heiligen Madonna: Welche Überraschungen hat dieser Junge denn noch parat? Folger muss bis heute lachen, wenn er diese Anekdote erzählt. Sie zeigt ein bisschen vom Ambiente im Team, von der lockeren Begeisterung, mit der die Italiener bei der Arbeit sind.

Vielleicht hat diese Lockerheit etwas mit der Teamgeschichte zu tun. Als Caponera in den GP-Sport einstieg, tat er das nämlich nicht um der Siege und Podestplätze willen, sondern weil er als Vermarkter des italienischen Gesangs-Stars Vasco Rossi eine neue Werbe-Plattform suchte (siehe Interview). Und auch in all den Folgejahren, in denen Caponera dank seiner Überzeugungskunst als Marketing-Spezialist immer wieder neue Sponsoren wie die Kühlschrank-Firma Riva Cold, die Seidenspinnerei Ongetta oder das Aluminiumwerk I.S.P.A. auftat, die aus heiterem Himmel plötzlich ihre „Passion für den Motorrad-Rennsport“ entdeckten, ging es immer an erster Stelle um den Zusammenhalt und erst danach um Ergebnisse.
„In einem deutschen Team konnte ich nie arbeiten. Andere Nationen verstehen es besser, auf einen Fahrer einzugehen“, erklärt zum Beispiel Steve Jenkner, der 2003 im Team von Caponera einen Sieg in Assen, insgesamt sechs Podestplätze und alles in allem die beste Saison seiner Grand-Prix-Karriere gefeiert hatte. „Wenn’s bei den Italienern ein Problem gibt, wird es gemein-sam aus der Welt geschafft. Ich konnte damals auch nachts um halb eins noch auf die Mechaniker zugehen und sagen: Mir ist was fürs Getriebe eingefallen – fürs nächste Training am Morgen war’s dann gemacht.“

Anders als Jenkner, der extra Italienisch lernte, redet Folger auf Englisch mit seinen Mechanikern. Trotzdem klappt die Kommunikation besser als früher bei KTM, wo dem Vernehmen nach teils unerfahrene Techniker eigene Fehler wie einen unbefestigt auf dem Rahmen sitzenden Benzintank oder eine verspannt eingebaute Vordergabel zu vertuschen suchten und dem Fahrer die Schuld an den enttäuschenden Ergebnissen zuschoben. „Schon zu meiner Zeit herrschte bei den deutschen Teams die Mentalität: Wir haben unsere Arbeit gemacht, und wenn du jetzt nicht richtig Gas gibst, gibt’s eine auf den Sack. Bei den Italienern wirst du dagegen geschützt, auch vor den Medien“, erklärt Jenkner.

Anders als der sensible Jenkner ist Folger freilich hart im Nehmen. So ertrug er den Drill von Alberto Puigs und Raul Jaras spanischer MotoGP-Academy, in der die Kinder zum Teil wochenlang nicht zuhause waren und bei Jerez-Tests und Sommer-Temperaturen von 40 Grad 320 Streckenkilometer abspulten. „Er ist halt ein Bayer aus echtem Schrot und Korn“, sagt Vater Jakob stolz, der seinen Buben zusammen mit Mama Anka betreut und so oft wie möglich auf die Rennen begleitet. Den Verweis darauf, dass Stefan Bradl, der dem spanischen Trainingslager frühzeitig wegen mangelnder Nestwärme den Rücken gekehrt hatte, auch ein Bayer ist, begegnet Jonas Folger wie aus der Pistole geschossen: „Bayer ja – aber kein Oberbayer.“
Für die Zukunft träumt er von Siegen, Titeln und einer MotoGP-Karriere – wie jeder junge Fahrer. Direkt gefragt, gibt Jonas für seine Zukunftshoffnungen dagegen eine kluge und überraschend zurückhaltende Antwort. „Natürlich wünsche ich mir, als Fahrer der 125er-Klasse in die Top drei vorzustoßen und dann in die Moto2-Kategorie aufzusteigen. Das werden richtig leichte, schnelle Maschinen, und ich glaube schon, dass das gut wird“, überlegt Jonas. „Doch zunächst will ich mich vor allem konstant steigern. Andere Fahrer wie Scott Redding und Esteve Rabat, womöglich auch Stefan Bradl, waren schon ganz oben und haben jetzt einen Durchhänger. Ich hoffe, dass mir das nicht passiert.“

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