Sportreport: Einheitsreifen in der MotoGP-WM (Archivversion) Gummi-Paragraph

Spannendere Rennen, mehr Spektakel, geringere Kurvengeschwindigkeiten, mehr Sicherheit, weniger der extrem aufwendigen Testfahrten, deutlich verringerte Kosten, Konzentration aufs Wesentliche: Mann und Maschine. All diese Segnungen soll die neue Einheitsreifenregel dem krisengebeutelten MotoGP-Zirkus bringen.

Es gibt ab der Saison 2009 eine Ausrede weniger im MotoGP-Fahrerlager. Die scheinbar immerwähren­den und endlosen Diskussionen um das Thema Reifen werden verstummen. Ist der Sachsenring eine Michelin-Strecke? Kann Bridgestone den Siegerpokal von Laguna Seca schon vor dem Start abholen? Braucht man wirklich Tri-Compound-Reifen mit unterschiedlichen Gummimischungen an beiden Flanken und einer dritten in der Mitte der Lauffläche? Liegt Valentino Rossis Erfolgsgeheimnis auch in seiner gegenüber der Konkurrenz viel härteren Reifenwahl?

Das alles ist vorbei. Ab 2009 gibt es für jeden MotoGP-Helden die gleichen Gummis. Der Hersteller Bridgestone bringt als Alleinunterhalter zu jeder Veranstaltung nur noch zwei verschiedene Trockenreifen sowie einen Regenreifen mit. Superweiche Qualifyer für die eine schnelle Chaos-Runde im Zeittraining wird es überhaupt nicht mehr geben. Der deutsche Renndienstleiter des japanischen Exklusiv-Reifenlieferanten, Thomas Scholz, erklärt die Idee des Hauses: „Wir werden zwar künftig das gesamte MotoGP-Feld, also zwischen 17 und 19 Fahrer ausstatten müssen statt wie bisher nur zwölf. Da wir aber wesentlich weniger verschiedene Reifenvarianten mit an die Strecke bringen werden als das in der Vergangenheit nötig war, werden wir mit der gleichen Anzahl an Mitarbeitern und Fahrzeugen auskommen. Dieser Teil des Aufwands bleibt also identisch, während im Bereich Entwicklung natürlich sehr viel eingespart wird.“ Positiv überrascht zeigte sich Scholz nach den Ergebnissen der ­MotoGP-Tests unter Einheitsreifenbedingungen Ende vergangenen Jahres auf der spanischen GP-Strecke in Jerez. „Auch mit den von uns vorbestimmten nur zwei ­Reifentypen waren alle Fahrer sehr schnell. Und die Rangliste entsprach im Wesentlichen den bisherigen Kräfteverhältnissen.“

Ein erstes Indiz dafür, dass durch die einheitlichen Pneus das MotoGP-Feld zwar – vor allem über eine Renndistanz betrachtet – weiter zusammenrückt. Die mehr oder weniger jugendlichen Helden in der zweiten Reihe aber, Daniel Pedrosa und sein neuer Honda-Werks­fahrer-Kollege Andrea Dovizioso, Yamaha-Junior Jorge Lorenzo oder Ducati-Neuling und Ex-Weltmeister Nicky Hayden werden sich weiterhin etwas Außergewöhnliches einfallen lassen müssen, um den letzten Schritt zu schaffen, heraus aus dem Windschatten der Über­flieger Valentino Rossi und Casey Stoner. Auch wenn zum Beispiel Hayden sich in seiner Situation sehr angetan zeigt von den Einheitsreifen. „Für mich, der ja in der neuen Saison zunächst einmal mit einem neuen Motorrad wie der Ducati und einem kompletten neuen Teamumfeld klarkommen muss, ist es natürlich sehr viel einfacher, wenn ich nicht auch noch wertvolle Testzeit zum komplizierten Aussortieren der Reifen investieren muss“, so der US-Amerikaner. Und: „Die zwei Reifentypen, die wir bei den letzten Tests hatten, funktionierten problemlos, so dass wir uns von Beginn an viel intensiver mit dem neuen Motorrad selbst beschäftigen konnten. Durch die Einheitsreifenregel wurde mir der Wechsel von Honda zu Ducati auf jeden Fall erleich­tert. Ich denke, dass die Regel für spannen­dere Rennen sorgen wird und damit für die gesamte WM nur gut sein kann.“

Auch Weltmeister Rossi freut sich auf die Standard-Reifen. „Bei den bisherigen Tests haben die für alle gleichen Reifen sehr gut gearbeitet. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass der Druck von uns Fahrern auf die Bridgestone-Techniker, den opti­malen Reifen zu bringen, jetzt schon ins Vorfeld der Rennen übergehen wird“, erklärt der Champion augenzwinkernd. Dies könnte, wenn es mal nicht läuft, dann doch wieder als Ausrede taugen.

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