Sportreport MotoGP-WM 2008 (Archivversion) Stoner gegen Rossi

Nach den Vorsaison-Testfahrten scheint bereits festzustehen: Die Entscheidung in der MotoGP-WM wird zwischen Jung-Champion Casey Stoner und Routinier Valentino Rossi fallen.

Honda-Star Nicky Hayden holt mehrere Bestzeiten. Loris Capirossi ist begeistert von dem Entwicklungstempo bei Suzuki. Superbike-Weltmeister James Toseland kommt nach der schwierigen Umstellung auf eine MotoGP-Yamaha endlich in Schwung. 250-cm³-Aufsteiger Jorge Lorenzo setzt sich als bester Mann aus den kleinen Kategorien in Szene – die Erfolgsmeldungen der einzelnen MotoGP-Teams lösen sich laufend ab.
Doch nach den Vorsaisontests für die neue Saison in der Königsklasse steht vor allem eines fest: Echte Chancen, Ducati-Pilot Casey Stoner von der Last des WM-Titels zu befreien, hat nur Valentino Rossi auf der Werks-Yamaha. Ein dramatisches Duell der beiden besten Fahrer auf den besten Motorrädern bahnt sich an. Ende Januar brannte Stoner eine Fabelzeit in den Asphalt seiner Heimstrecke im australischen Phillip Island. Anfang Februar konterte Rossi mit der schnellsten Runde in Malaysia. Bei der traditionellen Zeitenjagd in Jerez hatte Stoner wieder die Nase vorn und holte sich bei feuchten, ungemütlichen Wetterbedingungen als Preis für die Bestzeit einen BMW M4-Roadster ab. Ganze fünf Runden hatten dem 22-Jährigen gereicht, um den Rest des Feldes nach Strich und Faden zu demontieren. Bei trockenem Wetter am letzten Tag drehte Rossi den Spieß freilich wieder um und war als Gesamt-Fünfter um drei Zehntelsekunden vor Stoner. Auf der Rennstrecke herrscht also derzeit ein Patt, mit leichten Vorteilen für Stoner vielleicht. Aber für die Zukunft spielen noch andere Faktoren mit. MOTORRAD hat die Stärken und Schwächen der beiden analysiert – und kommt zum Er-gebnis, dass sich Casey Stoner im Kampf mit Rossi sehr warm anziehen muss.

Das Motorrad: Stoner +, Rossi –.
Während die japanische Konkurrenz auf angenehme Fahrbarkeit Wert legte, setzte Ducati zu Beginn der 800-cm³-Formel im letzten Jahr kompromisslos auf Topspeed – und landete einen Volltreffer. Stoner war auf den Geraden bis zu 15 km/h schneller als Rossi, radierte dank aufwendiger elektronischer Fahrhilfen und dank des überlegenen Grips seiner Bridgestone-Reifen aber auch rasant durch die Kurven. Für 2008 wurden Motor und Chassis in vielen Details verbessert, hauptsächlich, um Stoner auf langsameren, kurvigeren Strecken ebenfalls gutes Handling und viel Traktion zu bescheren.
Rossis Yamaha M1 war im Vergleich dazu stehend k.o. Mit konventionellem, über Schraubenfedern betätigtem Ventiltrieb war dem desmodromisch gesteuerten Kraftwerk von Ducati nicht beizukommen, worauf Yamaha hastig eine Version mit pneumatischem Ventiltrieb nachschob – die beim Renndebüt in Misano vor Zehntausenden von Rossi-Fans jämmerlich einging. Mittlerweile ist der neue Motor standfest geworden, der Speed-Rückstand schrumpft. Ob endlich Gleichstand herrscht, wird sich beim Saisonauftakt auf der schnellen Qatar-Strecke zeigen.

Die Reifen: Stoner ++, Rossi +.
Stabilität, Lenkpräzision, jede Menge Traktion und einen breiten Toleranzbereich für die optimale Arbeitstemperatur – das sind die Tugenden von Stoners Bridgestone-Reifen, die Valentino Rossi im letzten Jahr oft genug von hinten mit Neid beobachtete. Zum Saisonende nahm der Superstar das Schicksal in die eigene Hand, drehte Michelin den Rücken und setzte in einem dramatischen Machtkampf durch, als einziger Yamaha-Pilot ebenfalls mit Bridgestone-Reifen beliefert zu werden.
Rossi lehnte sich mit dieser Aktion weit aus dem Fenster und setzte sich selbst unter enormen Erfolgsdruck. Doch wer wagt, gewinnt: Bislang haben sich Rossis Erwartungen voll erfüllt, mit Rennreifen waren Bridgestone-Piloten bei allen Vorsaisontests unantastbar. Bei den Qualifikationsreifen hat Michelin jedoch einen Vorderreifen, der Bridgestone bislang fehlt. Aber die Japaner holen auf: Neben immer besseren Mischungen fürs Hinterrad arbeitet Bridgestone nun auch an geeigneten Qualifiern fürs Vorderrad.
Die einzige Gefahr für Rossi ist der Rückstand bei der Abstimmung. Während Ducati sämtliche Vorjahresdaten auswerten kann, muss sich Rossi das Set-up für seine Yamaha mit den Bridgestone-Reifen auf jeder Strecke neu erarbeiten.

Die Fans: Rossi +, Stoner –.
Wie sehr enthusiastische Fans einen Sportler beflügeln können, ist nicht nur von Fuß-ball-Heimspielen sattsam bekannt. Auch Rennfahrer werden von der Unterstützung des Publikums beflügelt, und in diesem Punkt hat Rossi gegenüber Stoner einen eindeutigen Vorteil: Dank seiner sieben Titel und seiner charismatischen Persönlichkeit ist er ein Weltstar, dem die Sympathie in allen Ländern und auf allen Rennstrecken entgegenschwappt. Neben den Rossi-Anhängern aller Länder kann Rossi außerdem auf seinen treuen Fanclub zählen: Der harte Kern des »Tribu« jettet mit seinem Idol um die Welt und sorgt auf sämtlichen Rennstrecken für eine gelbe Woge der Begeisterung.
Fern seiner australischen Heimat ist Stoner hingegen weitgehend auf sich selbst gestellt. Natürlich jubeln die Ducati-Fans, doch eigentlich wäre ihnen lieber, einer der ihren wie Marco Melandri würde die Rennen gewinnen. Stoner ist freund-lich, aber zurückhaltend und reserviert. Er scheut das Rampenlicht, statt sich wie Rossi darin zu baden.

Die Psychologie: Rossi +, Stoner –.
Weltmeister werden ist schon schwer, Weltmeister bleiben noch viel mehr, lautet eine Binsenweisheit im Rennsport. Als Sieger sind außergewöhnliche Anstrengungen nötig, um noch schneller zu werden, weil die Messlatte nach oben fehlt. Für den Verfolger hängt die Zielscheibe hingegen klar an der Wand.
Doch auch psychologisch ist Rossi der Jäger, Stoner der Gejagte. Bislang hat sich der Australier nervenstark und unangreifbar gezeigt, allerdings hatte er 2007 den Vorteil, aus dem Nichts nach oben zu kommen. Bis Publikum, Fans, selbst das eigene Team die Tragweite des Wunders begriffen, das da passierte, war bereits die halbe Saison verstrichen. Stoner wurde zum Sensationsweltmeister.
Diesen Vorteil hat er nicht mehr. Er steht in gleißendem Rampenlicht. Die Siege, für die er bislang bewundert wurde, werden jetzt von ihm erwartet. Rossi weiß längst, wie sich das anfühlt. Nach sieben WM-Titeln lässt ihn der Erwartungsdruck von Team, Sponsoren und Fans ziemlich kalt.
Außerdem: Immer dann, wenn sich Rossi in der Vergangenheit auf einen Rivalen einschoss, hat er ihn am Ende zerstört. Rossi martert seine Gegner mit spitzen Bemerkungen in der Presse, mit der kalten Schulter auf dem Podium. Rossi zermürbte Max Biaggi, Rossi vernichtete Sete Gibernau. Rossis Psycho-Druck zu widerstehen wird Stoners schwerste Aufgabe.

Das Fahrkönnen: Rossi ++, Stoner +.
Als »Fenomeno« kann man beide bezeichnen – sowohl Casey Stoner als auch Valentino Rossi sind Ausnahmetalente auf zwei Rädern, die sich gegenseitig kaum nach-stehen. Stoners Vorteil ist die selbstverständliche Nutzung der elektronischen Fahrhilfen. Am Kurvenausgang öffnet er das Gas früher als jeder andere. »Früher als jeder andere Pilot, den ich in 30 Jahren Grand-Prix-Sport beobachten konnte«, sagt zum Beispiel Altmeister Kenny Roberts, Ende der 1970er Jahre selbst dreimaliger Champion der Königsklasse. »Mich selbst eingeschlossen – wenn ich versucht hätte, derart früh am Gas zu drehen, wäre ich unweigerlich gestürzt.« Ob es an der Art liegt, in der Casey einen Kurvenverlauf sieht und empfindet, ob er spezielle Tricks mit dem Set-up gefunden hat – niemand weiß es. Tatsache ist jedenfalls, dass kein anderer Pilot mit der Ducati so schnell fahren kann, weder Loris Capirossi im letzten noch Marco Melandri in diesem Jahr. Mit seinem Fahrstil bewegt sich Stoner freilich auf einem schmalen Grat. Noch hat nichts sein Vertrauen in die Ducati erschüttern können.
Rossi fehlt ein ähnliches Urvertrauen in die modernen elektronischen Fahrhilfen. Im Gegensatz zur »Generation Traktions-kontrolle« kommt er aus einer Zeit, in der allein das rechte Handgelenk für den Kontakt zwischen Hinterrad und Fahrbahn zuständig war. Nicht von ungefähr sind die elektronischen Fahrhilfen bei der Yamaha auf ein Minimum beschränkt, der Großteil bleibt weiterhin dem Feingefühl des Fahrers überlassen. Am liebsten würde Rossi die elektronische Traktionskontrolle samt und sonders verbieten lassen.
Dass Rossi der ältere und reifere Fahrer ist, hat aber auch entscheidende Vorteile. Kein anderer Pilot ist so konzentriert, präzise und sicher in seinem Urteil, wenn es um Abstimmung und Weiterentwicklung des Motorrads geht. Außerdem ist Rossi ein schlauer Taktiker, der die möglichen Schwächen seiner Gegner immer aufs Neue auslotet. Dabei gelingen ihm unnachahmliche Meisterstückchen wie zum Beispiel sein Sieg beim letztjährigen Assen-Grand-Prix: Rossi wusste, dass er auf der Ziel-geraden einen Vorsprung benötigt, um von Stoners schneller Ducati nicht eingefangen zu werden. Deshalb überholte er nicht in der berühmten Schikane vor Start und Ziel, sondern schon 100 Meter früher. Die paar Meter, die er Stoner dann in der Schikane abnehmen konnte, reichten, um die Zielgerade zu überleben und als Erster in die darauffolgende Runde zu gehen. Den Beweis dafür, vergleichbare Kaninchen aus dem Hut zaubern zu können, muss Stoner erst noch erbringen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel