Sportreport: Motorradsport und Fitness (Archivversion) Qualverfahren

Supermoto-Weltmeister Bernd Hiemer und Motocross-GP-Sieger Max Nagl haben die Erkenntnis verinnerlicht: Wer körperlich nicht top in Form ist, schwächelt auch auf der Rennstrecke. Deshalb leben Deutschlands beste Offroad-Motorradsportler streng im fliegenden Wechsel zwischen quälendem Fitnesstraining und dem Sattel ihrer Werksmaschinen.

Es ist Freitag, der zweite Weihnachtsfeiertag 2008. Ganz Deutschland sitzt vor Gänsebraten, Restbeständen ausgepackter Weihnachtspäckchen und zieht sich am neuen DVD-Player die Christmas-Edition von Sarah Connor rein. Ganz Deutschland?

Im belgischen Lommel packt der 21-jährige Deutsche Max Nagl nach dem Frühstück um 7.30 Uhr seine Trainingssachen zusammen und radelt zur benachbarten Motorrad-Werkstatt, wo schon drei Schicksalsgenossen auf ihn warten: die Cross-Profis Shaun Simpson, Jeremy van Horebeek und Joel Roelands sowie ihr gemeinsamer Fitness-Guru Hugo America. Denn um neun Uhr beginnt im Fitnessraum neben der Werkstatt das tägliche Wintertraining der KTM-Crossprofis. Freitags stehen zehn Minuten Warm-up, 90 Minuten Zirkeltraining und, nach dem Mittagssnack, 90 Minuten Laufen sowie noch einmal eine Stunde Dehn- und Kraftübungen auf dem Programm.

„In den Monaten November, Dezember und Januar trainieren wir sieben Tage in der Woche“, erklärt Nagl, der 2008 als bester deutscher Cross-Fahrer nach Ex-Vizeweltmeister Pit Beirer in der MX1-Welt-meisterschaft fünf Podiumsplätze holte, um sich gleich darauf zu korrigieren: „Sonntags trainieren wir nicht. Da fahre ich in Belgien Mountainbike-Rennen über 60 Kilometer.“

700 Kilometer weiter südlich betritt am zweiten Weihnachtstag um neun Uhr morgens Bernd Hiemer die private „Folterkammer“ im Kellergeschoss seiner neu gebauten Nobelhütte, in der er seit einem Jahr mit Freundin Natascha Philipp neben dem elterlichen Motorrad-Geschäft im Allgäu-Dorf Friesenhofen wohnt. Der 25-jährige KTM-Supermoto-Profi wechselt sein Trainingsprogramm im Winter wöchentlich: Eine Woche plagt er sich zu Hause täglich bei 90 bis 120 Minuten Ausdauertraining, anschließend Krafttraining und Dehn-übungen, nach der Mittagspause Aufwärmen, noch mal 30 Minuten auf dem Ergometer, 60 Minuten Rudern, wieder 30 Minuten auf dem Fahrrad und zum Schluss 40 Minuten Koordinationstraining. Ergibt insgesamt sieben Stunden. In der Folgewoche absolviert Hiemer sein Programm im Red Bull Diagnostics Training Center in Thalgau bei Salzburg.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden derzeit erfolgreichsten deutschen Offroad-GP-Fahrern Max Nagl und Bernd Hiemer: Beide sind Profis, beide haben mit KTM und Red Bull den gleichen Arbeitgeber und Hauptsponsor, beide fahren reinrassige Werksmaschinen, und beide tragen die Nummer zwölf auf der Startnummerntafel – obwohl Hiemer die Nummer eins der Drift- und Nagl die Nummer sechs der Crosswelt ist.

Die augenscheinlichste Gemeinsamkeit der beiden Motorsport-Profis ist freilich ihre Beharrlichkeit, ihr Ehrgeiz, ihre Zielstrebigkeit. Der eine wie der andere fokussiert konsequent den Weltmeistertitel, von denen Hiemer schon zwei hat, Nagl indes in den nächsten zwei, spätestens drei Jahren erstmals Motocross-Weltmeister werden soll. Was nicht irgendjemand sagt, sondern Nagls Motorrad-Trainer und Grand-Prix-Teamchef Stefan Everts.

Der Flame mit den uneinholbaren zehn WM-Titeln soll seit seinem Karriereende 2007 für KTM die künftigen MX-Champions formen und konnte mit dem Südafrikaner Tyla Rattray als MX2-Weltmeister 2008 auch schon den ersten Erfolg für den österreichischen Motorradhersteller aus Mattighofen verbuchen. Er hat einen Masterplan aufgestellt, wonach Nagl in der kommenden Saison konstant unter die ersten fünf fahren und 2010 nach dem Titel in der Königsklasse der Stollenritter greifen soll.

Während Hiemer vom beschaulichen Allgäu aus operiert und von dort aus seine überwiegend in Italien stattfindenden Test- und Rennaktivitäten ansteuert, hat Nagl bereits als 19-Jähriger sein Domizil fernab des Elternhauses im oberbayerischen Hohenpeißenberg in Belgien aufgeschlagen: Schon als 18-Jähriger von KTM mit einem Profivertrag für die MX2-WM ausgestattet, kaufte sich Max kurz entschlossen ein Eigenheim in der Nähe des belgischen Lommel. Belgien – das ist für einen Cross-Profi ein Muss. In der Gegend gibt es ein halbes Dutzend Cross-Strecken, die innerhalb 30 Minuten erreichbar und beinahe täglich befahrbar sind. In Belgien sind Nagls KTM-Werkstatt, sein Mechaniker und Fitnesstrainer stationiert, und in Belgien ist vor allem Stefan Everts.

Anfang 2008, als Nagls Zusammenarbeit mit der lebenden Cross-Legende begann, hat er sich auch den KTM-Masseur Hugo America als Konditionstrainer engagiert und den Mittelpunkt seines Handelns und Lebens den Direktiven seines Chefs Everts untergeordnet: „Ich habe letztes Jahr mein komplettes Trainingsschema neu organisiert, weil ich vorher bei den Rennen nicht hundertprozentig fit war“, erklärt Nagl, der in der Szene als Inbegriff des trainingsbesessenen Cross-Profis gilt. „Anfangs war es nicht leicht, mit Stefan zusammenzuarbeiten. Ein zehnfacher Weltmeister akzeptiert es nicht, wenn du zu seinen Anleitungen eine andere Meinung hast. Aber mittlerweile kommen wir super klar miteinander, und er hilft mir enorm.“

Ein Everts verlangt von anderen immer das, was er selbst geleistet hat. Dabei ist Nagl einer, der sowieso schon an seine Grenzen und darüber hinaus geht. „Ich bin zu Hause von klein auf so erzogen worden, das, was ich mache, gescheit zu machen“, sucht der Oberbayer Erklärungen für extremen Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Darin sieht er die Ursache dafür, dass er seit Pit Beirers Karriereende die Nummer eins der deutschen Stollenfraktion ist. Nagl: „Es gibt viele deutsche Motocross-Fahrer, die mehr Talent haben als ich. Aber sie haben nichts daraus gemacht.“ Und erklärt weiter: „Der Unterschied ist meine extreme Disziplin und mein Wille, es besser zu machen als andere. Und der Erfolg ist es, der mich extrem motiviert.“

Während Nagl Trainingsfleiß und Disziplin vom Elternhaus fast schon in die Wiege gelegt bekommen hat, war es beim „Asphalt-Surfer“ Bernd Hiemer nicht immer so: Der Allgäuer, obwohl auch aus einer Motorsport-begeisterten Familie kommend – Vater Edy fährt heute noch Enduro-Wettbewerbe –, begann mit dem Leistungssport im Stil eines Wellenreiters in der Sonne der australischen Goldcoast. Nach seinen Motocross-Jahren in regionalen Jugendserien fuhr Hiemer 2001 sein erstes Supermoto-Rennen. In der zweiten Saison mischte er schon in der DM mit, 2003 wurde er Europameister und ein Jahr später Deutscher Meister. 2005 nahm er ein verlockendes Angebot als KTM-Werksfahrer in der S2-Weltmeisterschaft an. Aber trainingsmäßig war er noch immer ein Hobbyfahrer, der sich im Winter durch die Kurvenlabyrinthe von Kart-Trainingshallen schlängelte.

In seinem Vertrag mit KTM stand, dass er sich dem Test- und Trainingsprogramm von Partner Red Bull zu unterziehen hatte, was Hiemer skeptisch beurteilte: „Ich war Deutscher Meister, ich war Europameister, und jetzt war ich auch noch Werksfahrer. Was wollten die denn mit mir machen? Mir ging es gut“, war seine spontane Reaktion auf das Verlangen des Profiteams.

Sein Antrittsbesuch im Fitness-Center in Thalgau war ein Schlüsselerlebnis für Hiemer. „Nach den ersten Tests attestierte mir mein Trainer Michael Tschernkowitsch den Fitnessstand eines Rentners“, gesteht Bernd Hiemer. Da setzte bei dem Jungprofi ein Lernprozess ein: „Bei KTM standen 20 oder 30 Leute hinter dem Supermoto-Werksteam, Teammanager, Therapeuten, Masseure. Und ich saß zu Hause und spielte Playstation …“

Playstation spielt Friesenhofens berühmtester Bürger noch immer täglich: während seines mehrstündigen Ergometer-Trainings, um mit der Ausdauer gleichzeitig auch die Konzentration während der Rennläufe zu trainieren. Der Lohn für den Hiemer´schen Schweiß ist bekannt: 2006 wurde er erster deutscher Supermoto-Weltmeister, 2008 auch erster deutscher Weltmeister in der Königsklasse S1. „Man kann auch ohne Training in der WM mitfahren, doch zum Weltmeister hätte der Weg ohne das Trainingsprogramm bei Red Bull nicht gereicht“, so Hiemer.

Aber selbst eine noch so gute physische Verfassung des Fahrers kann Stürze und Verletzungen nicht in jedem Fall verhindern. Anders als Bernd Hiemer kann Max Nagl ein längeres Lied von Stürzen, Verletzungen, Operationen und verfrühten Comeback-Versuchen singen. Dazu hat der Wahlbelgier die Schattenseite seines Sports quasi täglich vor Augen: Papa Hubert Nagl fuhr Motocross, bis ein Unfall ihn für immer in den Rollstuhl zwang. Max´ Idol, KTM-Sportkoordinator Pit Beirer, ist seit seinem verhängnisvollen Sturz am 8. Juni 2003 in Bulgarien querschnittsgelähmt. Trotzdem geht Nagl junior seinen Weg weiter.

Am 24. Januar brechen Max, seine belgischen Trainingskollegen, Stefan Everts und Trainer America nach Spanien zum Saisonvorbereitungstraining auf, bei dem am Projekt „Nagl 2010“ weitergefeilt wird.

Erstmals wird dort auch Bernd Hiemer dabei sein. Der will nicht das Genre wechseln, sondern als erster Supermoto-Fahrer in diesem Jahr seinen WM-Titel verteidigen. „Auf dem Asphalt bin ich schnell. Aber im Geländepart habe ich Defizite. Ich will dieses Jahr extrem viel Motocross-Training fahren, um mich da zu verbessern“, verkündet Hiemer der vermutlich wenig amüsierten Konkurrenz. Für ihn selbst heißt das freilich: noch mehr quälende Trainingsstunden als im vergangenen Jahr.

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