Stefan Everts – eine beispiellose Karriere (Archivversion) 72 for Everts

In diesem Monat endet eine Motocross-Karriere, die alle bisherigen Rekorde brach. Der Belgier Stefan Everts tritt nach zehn WM-Titeln von der Bühne. Seine Startnummer 72 – die er in Anlehnung an sein Geburtsjahr 1972 seit Jahren verwendet – wird nie mehr an einen anderen Fahrer vergeben. MOTORRAD sprach mit dem Offroad-Superstar über wichtige Stationen seiner Laufbahn.

Erstes Supercross
Stefan Everts mag kein Supercross.
Vielleicht, weil sein
erster Versuch komplett daneben ging.

Die Situation bei meinem ers-
ten Supercross in Maastricht hat mich damals schlicht überfordert. Es war mein erstes Rennen bei den Profis und mein erster Einsatz auf einer 250er-Maschine. Ich war der Lokalheld, die Konkurrenz war erdrückend, und es war am Tag nach meinem 16. Geburtstag. All das war zu viel für mich. Ich stürzte einige Male spektakulär. Es war einfach katastrophal. Und zwar vor allem deshalb, weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, die Kontrolle verloren zu haben. Bis heute ist es für mich schrecklich, das Gefühl zu haben, nicht mehr der Herr der Lage zu sein. Das gilt übrigens auch für alle Dinge außerhalb des Rennsports.
Erster Grand-prix-Sieg
Mit 19 Jahren holte Stefan Everts seinen ersten
GP-Sieg. Vor den Amerikanern Bob Moore (links) und Donny Schmit (rechts) – 1991 in Kaposvar/Ungarn.

Natürlich, den ersten GP-Sieg vergisst man nicht. Donny Schmit (Anm. der Red.: Der Amerikaner starb 1996 im Alter von 29 Jahren an Blutkrebs) war damals mein härtester Gegner. An diesem Tag wurde ich erwachsen. Bis dahin war ich immer auf der Suche, welcher wohl der richtige Weg zum Erfolg für mich sein würde. Doch dies war auch der letzte Tag, an dem ich ohne den Druck leben konnte, erfolgreich sein zu müssen.
US-Supercross
Für viele Motocross-WM-Stars bedeutet der Wechsel in die weltweit populäre amerikanische Motocross- und Supercross-Meisterschaft erst die end-
gültige Krönung ihrer Karriere. Stefan Everts verpasste den richtigen Zeitpunkt.
Zu meiner Teenagerzeit war die amerikanische Serie nicht so wichtig, wie das heute der Fall ist. Klar, auch ich habe davon viele Jahre geträumt. Doch ich habe zu lange gewartet. Mein Rat an alle jungen Fahrer: Wenn ihr da rüber wollt, verschwendet keine Zeit. Je früher man sich an diese andere Welt anpassen kann, desto besser.

Ex-Teamchef Dave Grant
Unter der Leitung
des schillernden
Teamchefs Dave Grant (rechts)
initiierte Stefan Everts die aktuelle Professionalisierung des Motocross-Sports mit personalstarken Teams und aufwen-
digem Fuhrpark. Während
der Saison 2000 endete die
Zusammenarbeit mit dem
Engländer in einem finanziellen und menschlichen Desaster.

Wir hatten auch eine gute Zeit zusammen. Dave lehrte mich eine Menge über die geschäftliche Seite des Sports. Wir haben zusammen viel erreicht, und ich hatte ihm mein ganzes Vertrauen geschenkt. Plötzlich war alles weg. Das Geld, das Team, unser Geschäft. Doch das Bitterste war
die Erkenntnis, dass es mein Fehler war, dass ich zu blauäugig gehandelt hatte.
Es grenzt schon fast an Ironie: Bereits kurz nach dem Beginn unserer Zusammen-
arbeit hatte er mir gesagt, dass unsere
Beziehung einmal in Tränen enden würde. Zum Glück gab mir Yamaha diese zweite Chance für einen Neuanfang.
Yamaha
Obwohl Stefan Everts bereits für alle japanischen Hersteller WM-Titel holte, werden seine Erfolge vornehmlich mit Yamaha in Verbindung gebracht.

Ehrlich, Blau war schon als Kind meine Lieblingsfarbe. Yamaha wollte mich bereits seit vielen Jahren. Und sie hatten auch noch Vertrauen in meine Fähigkeiten nach den Jahren 1999 und 2000, in denen ich wegen Verletzungen fast nicht gefahren bin. Yamaha ist nicht nur das professio-
nellste Team, sie sind auch da, wenn man in Schwierigkeiten ist. Zum Beispiel, als ich zu Beginn der Saison 2003 nicht den richtigen Tritt fand. Es waren die Yamaha-Leute, die die Idee hatten, dass ich – quasi als Warm-up für das MX1-Rennen – doch den MX2-Lauf fahren sollte. Der Gedanke war goldrichtig. Yamaha und ich sind nun sechs Jahre zusammen. In dieser Zeit
holten wir sechs WM-Titel. Das sagt wohl alles über unsere besondere Beziehung.
JoEl Smets
Gemeinsam mit dem inzwischen zurückgetretenen
fünffachen Weltmeister Joël Smets (links) gehört
Stefan Everts zu den brillantesten Figuren des
Offroad-Sports. Dennoch trennen die beiden Belgier Welten. Everts gilt als eloquenter Gentleman-Racer, Smets als der volksnahe Kämpfer.
Joël hat bewiesen, dass man auch mit wenig Talent im Sport etwas erreichen kann – wenn man eben den unbedingten Willen zum Erfolg besitzt. Er ist fahrtechnisch nicht gerade überragend, doch er macht dieses
Handicap mit unglaublichem Einsatz wett. Dafür bewundere ich ihn. Für junge Sportler ist Joël ein Vorbild, indem er ihnen demonstrierte, dass sich maximales Engagement auszahlt.
Namur
Der belgische Motocross-WM-Lauf gehört zu den Klassikern des Offroad-Sports. Die Piste führt von der Zitadelle von Namur durch den Stadtpark und zieht jedes Jahr eine immense Zuschauermenge an.
Namur ist ein besonderer Ort. Die Strecke ist wirklich einzigartig, die Atmosphäre unvergleichlich. Erst 1998 startete ich dort zum ersten Mal und gewann auf Anhieb das 500er-Rennen als Gastfahrer. Damals fuhren wir auf einem Teil der Strecke noch auf der Asphaltstraße am Café du Monument vorbei. Auch der lange Aufstieg durch den Wald, der Sprung auf die Esplanade – so eine Strecke gibt es sonst nirgends auf der Welt. Ein Gefühl wie das, dort zu gewinnen, auch nicht.
50. Grand-prix-Sieg
Spätestens nach dem 50.
GP-Sieg war klar, dass Everts
den bisherigen Rekord von Landsmann Joël Robert (rechts, sechsfacher Weltmeister zwischen 1964 und 1972) mit 57 Gesamtsiegen einstellen würde.
Auch der 50. GP-Sieg meiner Karriere gelang mir in Namur. Das war in der Saison 2001. Bis dahin hatte ich nicht geglaubt, die
Rekorde von Joël Robert überbieten zu können. Ab diesem Tag war das mein Ziel. Als ich zwei Jahre später in Frankreich den siebten WM-Titel holte und damit die neue Rekordmarke setzte, war es ausgerechnet Joël, der aufs Podium stieg und vor allen
Zuschauern mit mir ein Glas Champagner trank. Es war ein sehr bewegender Augenblick.

Familie
Viele Rennfahrer brauchen ihre Familie als
ruhenden Pol, um dem Erfolgsdruck in ihrem Beruf standhalten zu können – auch Stefan Everts.

Meine Frau Kelly hat immer zu mir gestanden. Gerade in den schlechten Zeiten, als es die Probleme mit Dave Grant gab, und in den
Jahren, in denen ich verletzt war. Sie stärkt mir den Rücken, mischt sich aber nicht in den Sport selbst ein, nicht in mein Training, in nichts, was mit den Rennen zu tun hat. Was Liam, unseren zweijährigen Sohn betrifft, hat er mir so etwas wie den Sinn des Lebens vermittelt. Kinder sind der Grund, warum wir auf diesem Planeten sind. Es ist unglaublich, wenn man sieht, wie ein Teil von sich aufwächst. Und doch habe ich immer Angst um ihn. Kinder sind so verletztlich, können jeden Moment irgendwo herabstürzen, sich verbrennen. Es ist sehr wichtig für mich, ein guter Vater zu sein. Ob er auch Motocross fahren wird? Wenn er das möchte, schon. Allerdings nicht bereits mit sieben oder acht Jahren. Die Schule und genügend Zeit für sich selbst sind in diesem Alter wichtiger.

Vater Harry
Der Apfel fällt nicht weit vom
Stamm. Im Falle Everts stimmt die Lebensweisheit. Vater Harry Everts (Bildmitte, erhöht) holte zwischen
1975 und 1981 selbst vier WM-Titel.
Mein Vater ist der rote Faden in meiner Karriere. Er animierte mich nie zum Rennsport, als ich das aber wollte, kam er mit einer klaren Vorgabe: Er gab mir drei Jahre. Sollte ich in dieser Zeit keinen Erfolg haben, wäre meine Profi-Karriere beendet. Später lehrte er mich, nie zufrieden zu sein. Natürlich ist das schwer, solche Vorschläge zu akzeptieren. Ausgerechnet in der Zeit, in der man beginnt, sich von den Eltern abzunabeln. Erst heute weiß ich zu schätzen, was meine Eltern für mich getan haben.

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