Stoner patzt unter Druck (Archivversion)

Die Bridgestone-Piloten waren der Konkurrenz auf Michelin-Reifen klar überlegen, doch Weltmeister Casey Stoner verspielte seine Siegchance – zugunsten von Valentino Rossi.

Dani Pedrosa humpelte und litt immer noch an den Nachwirkungen seines Sachsenring-Crashs, doch was den Repsol-Honda-Star beim Brünn-Grand-Prix am meisten schmerzte, war die indiskutable Performance seiner Michelin-Reifen. "Ich schäme mich schnell – und doch war mir in meiner ganzen Karriere noch nichts so peinlich wie diese Fahrt heute", stöhnte der Spanier nach dem Balanceakt zum 15. Platz, bei dem er nach dem Start kurz mal an sechster Stelle aufgetaucht war, um dann völlig wehrlos nach hinten durchgereicht zu werden. Am Schluss fürchtete der Mann, der die WM im ersten Saisondrittel souverän angeführt hatte, sogar überrundet zu werden.

Mit Andrea Dovizioso als bestem Michelin-Piloten auf Rang neun erlebte der französische Reifenhersteller ein bislang noch nie dagewesenes Fiasko, das sich eher mit Managementfehlern als mit dem Mangel an der nötigen Technologie erklären lässt. Schon für den US-Grand-Prix wurden viel zu harte Gummimischungen eingepackt, obwohl die weitgereisten Michelin-Techniker hätten wissen müssen, wie schnell sich die Streckenbedingungen bei dem vom Pazifik heraufziehenden Nebel ändern können. Für den Brünn-GP räumte Michelin-Renndienstchef Jean-Phillip Weber einen weiteren Regiefehler ein. "Wir haben hier im Juni getestet und Haltbarkeitsprobleme unserer Vorderreifen aufgedeckt, die Tragweite der Situation bei der Auswertung der Daten aber unterschätzt", seufzte er. Viel Kredit hat Michelin bei seinen MotoGP-Teams nicht mehr, Pedrosa fordert unverhohlen "aggressive Entscheidungen", sprich einen Wechsel der Reifenmarke. Selbst Einheitsreifen wurden in Brünn für die Zukunft plötzlich wieder ein Thema.

Angesichts der chancenlosen Michelin-Piloten wurde das Rennen zum Durchmarsch für Bridgestone. Loris Capirossi, der bei Suzuki noch um eine Vertragsverlängerung kämpft, nutzte die Gunst der Stunde und fuhr auf Platz drei. Toni Elias erwischte einen jener seltenen Momente perfekter Motorradabstimmung mit seiner Alice-Ducati und pflügte von Startplatz 14 auf Rang zwei. König der Bridgestone-Piloten war freilich Valentino Rossi, der genau ein Jahr zuvor die Trennung von Michelin beschlossen hatte und jetzt eine weitere Bestätigung seiner Entscheidung erlebte. Der fünfte Saisonsieg war gleichzeitig eine Vorentscheidung im Titelkampf, denn mittlerweile hat Rossi satte 50 Punkte Vorsprung in der WM-Wertung.
Nur ein Bridgestone-Pilot feierte nicht, und das war Rossis Gegner Casey Stoner. Der Weltmeister hatte das Training klar dominiert und die sechste Pole Position hintereinander erbeutet, führte vom Start weg überlegen, spürte aber doch den zweitplatzierten Valentino Rossi im Nacken, der im Abstand von einer Sekunde hinterherfuhr und sich einfach nicht abschütteln lassen wollte. In der zwölften Runde ließ sich Stoner dann ins Verderben hetzen: Ein Sturz übers Vorderrad setzte seinem Rennen und womöglich auch seiner verzweifelten Jagd nach der Titelverteidigung ein jähes Ende. "50 Punkte gegen einen so konstanten Fahrer wie Rossi aufzuholen wird ein hartes Brot", stellte er fest. "Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage – wir kämpfen weiter." fk

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel