Straße-IDM-Finale Hockenheim (Archivversion) Schmerzlicher Abschied

Die Nachricht vom Tod des Mitte September in Oschersleben gestürzten Superbike-Piloten Jürgen Oelschläger erreichte das IDM-Fahrerlager in Hockenheim am Sonntagmorgen – ein Schock, der die trotzdem gestarteten Rennen prägte. Für die Fahrer eine bittere Trennung von dem beliebten Kollegen und ein unschöner Abschluss der Saison 2004.

Eigentlich wollen hier alle nur noch
einpacken und nach Hause fahren.« Trauriger Kommentar eines Fahrerlager-Insiders, der die Stimmung am Vormittag des Rennsonntags beim Finale der Internationalen Deutschen Straßenmeisterschaft (IDM) 2004 im Camp der Piloten deutlich wiedergab. Kurz nach ihrem Warm-up hatten die Superbiker erfahren, dass einer ihrer Kollegen in der Nacht
zuvor gestorben war. Ein Konkurrent
hatte Jürgen Oelschläger nach dessen Sturz beim IDM-Lauf in Oschersleben 14 Tage zuvor überfahren, Oelschläger erlitt schwerste innere Verletzungen. Die Ärzte im Krankenhaus in Halle hatten ihn in künstliches Koma versetzt und darauf gehofft, dass der durchtrainierte Körper des Sportlers die unbeschreibliche Be-
lastung überstehen werde – vergebens.
Am späten Samstagnachmittag, rund um das erste der beiden Superbike-Rennen des Wochenendes, hatte alles noch nach »Business as usual« ausge-
sehen – bedingt, natürlich. Oelschlägers Alpha-Technik-Honda-Team stand in Ver-
bindung mit der Familie, die in Halle am Krankenbett wachte. Die Nachrichten von dort waren nicht gut, aber auch nicht
ganz schlecht – gerade genug Information, um den Funken Hoffnung am Glimmen zu halten. Für Sonntagabend war eine kleine Meisterschafts-Feier geplant, anschließend wollte die Truppe zum Superbike-WM-
Finale nach Magny-Cours abreisen, um mit Starts in den Supersport- und Super-
bike-WM-Läufen einen standesgemäßen Saisonabschluss zu zelebrieren.
Im Rennen hielt sich Michael Schulten, Oelschlägers bereits zum Meister ge-
kürter Teamkollege, zurück und ließ die beiden österreichischen Suzuki-Fahrer Andy Meklau und Robert Ulm an der
Spitze in Ruhe – die kämpften noch um den Vizetitel. Es war schließlich Meklau, als Zweiter in die letzte Runde gegangen, der mit einem Hockenheim-Klassiker den Sieg davontrug: erfolgreiche Attacke in der Sachs-Kurve, keine Chance für Ulm, zu kontern.
Am Sonntagmorgen interessierte das nicht mehr. Die schlimme Nachricht, trauergrauer Himmel, pitschnasse Strecke – zum Davonlaufen. Die 125er mussten als erste IDM-Klasse ran – The show must go on. Wer will es Überraschungsmann Silvio März übel nehmen, dass er sich über seinen ersten IDM-Sieg freute, mit dem er noch das vor der Saison gesteckte Ziel einer Top-Ten-Platzierung sicherstellte?
Und wer wollte in der Haut von Werner Daemen stecken? Der Belgier, als Alpha-Technik-Supersportler Teamkollege von Jürgen Oelschläger, musste zusammen mit Herbert Kaufmann und Kai-Børre Andersen zum Kampf um den Meistertitel in den Ring steigen – was für eine Aufgabe unter den gegebenen Umständen. Andersen startete mit glasklarem Plan: »Ich habe
den Titel in Oschersleben ins Kiesbett
geworfen, die einzige Chance, etwas zu retten, ist ein Sieg in Hockenheim.« Gesagt, getan. Kaufmann fasste sich in der 17. Runde ein Herz, fuhr an Daemen vorbei auf Rang zwei, doch das reichte nur zur denkbar knappsten Entscheidung: Vizemeister, punktgleich mit Daemen, der mehr Siege sammelte – immerhin verdrängte Kaufmann Andersen um einen Punkt auf Rang drei. Werner Daemen war trotz des knappen Gesamtsiegs verständlicherweise nicht nach Feiern zumute: »Das Team und ich müssen jetzt erst einmal die jüngsten Ereignisse verarbeiten. Es wird wohl einige Zeit vergehen, bevor ich mich über den Titel freuen kann.«
Vor dem sonntäglichen Superbike-Rennen ein gespenstisches Bild: Ohne ihre Motorräder waren die weitaus meisten Fahrer in der Startaufstellung erschienen, um an einer Gedenkminute für Jürgen Oelschläger teilzunehmen und anschließend direkt aus der Boxengasse in den Wettbewerb zu gehen. Der sich – auch durch Michael Schultens Startverzicht – irgendwie seltsam entwickelte. Jörg Teuchert übernahm auf der MV Agusta zunächst die Führung, fiel dann aber mit geborstenem Auspuffkrümmer weit zurück und musste nach 19 Runden aufgeben. Der Zwei-
kampf um den Vizetitel endete durch einen Sturz von Andy Meklau, worauf Robert Ulm sich ins Notlauf-Programm fallen und die beiden wild entschlossen wirkenden Yamaha-Piloten Stefan Nebel und Philipp Hafeneger passieren ließ.
Über 15 Runden sah es so aus, als würde Superbike-Youngster Hafeneger dem Vorjahres-Meister Nebel nichts anhaben können, doch in der letzten Runde tauchte Hafeneger als Führender im Motodrom
auf. Was folgte, war ein Showdown erster Güte: Mit einem desperaten Manöver bremste sich Nebel in der Sachskurve am Markenkollegen vorbei, der konterte, wurde von Nebel nochmals überholt, hatte aber eingangs der Zielgeraden und bis zur Flagge die Nase vorn.
Bei den Interviews am MOTORRAD-Truck auf die Aktion in der Sachs-Kurve angesprochen, blieb Stefan Nebel, als enger Freund Oelschlägers sichtlich bewegt, einige Sekunden stumm, bis er sich gesammelt hatte. »Ich wollte für ihn gewinnen. Wie ich da gefahren bin, das war der Oeli in mir.«
Gut vorstellbar, dass viele der Anwesenden in diesem Moment noch einmal die Situation im Motodrom wenige Minuten zuvor im Geist Revue passieren ließen – absolut sicher, dass diejenigen, die Oelschlägers Fahrstil kannten, im Stillen zustimmten: Dieser Einsatz am Limit hätte zu ihm gepasst.

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