Straßen-IDM auf dem Nürburgring (Archivversion) Halbzeit-Ergebnis

Die Superbike-Kategorie der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) hat sich endgültig als Königsklasse des Motorradsports in Deutschland etabliert. Bei den Rennen sieben und acht, die auf dem Nürburgring ausgetragen wurden und die Saisonmitte markierten, verdienten sich gleich drei Piloten erstmals in diesem Jahr die Einladung zu Siegerehrung und Champagner.

Starke Suzuki-Piloten hatten die ers-
ten Wettkämpfe der IDM Superbike in diesem Jahr geprägt, dazu Pech und technische Schwierigkeiten der Honda-Fraktion, eine schwächer als bisher auf-
gestellte Yamaha-Truppe sowie die kräftezehrende Annäherungsphase zwischen dem amtierenden Meister Stefan Nebel und seinem neuen Motorrad, der Kawa-
saki ZX-10R. Doch wer befürchtet hatte, die Saison könnte sich zu einem im Duett von Andy Meklau und Christian Kellner vorgetragenen Suzuki-Solo entwickeln, darf sich nach den Ereignissen auf der Eifelrennstrecke beruhigt zurücklehnen und auf weitere spannende Action hoffen.
Das liegt zum einen daran, dass der österreichische Honda-Fahrer Martin Bauer zwei makellose Start-Ziel-Siege hinlegte und so seine diesjährige Siegerehrungs-Premiere gleich im Doppelpack feiern konnte. Auf dem Fuße folgte ihm jeweils ein Alpha-Technik-Honda-Pilot, zuerst Werner Daemen, im zweiten Lauf Michael Schulten. Wie Bauer waren auch die jeweils Drittplatzierten in diesem Jahr Podestneulinge: Yamaha-Mann Didier van Keymeulen und Kawasakis Stefan Nebel.
Zum anderen ergibt sich die neue spannende Situation in der Zwischenwertung, die noch von Meklau mit 131 Punkten vor Kellner (114) und Jörg Teuchert (113) angeführt wird, weil einige Herrschaften Pech hatten oder patzten. Als in der zwölften Runde des ersten Rennens die Kürzel von Jörg Teuchert, Michael Schulten und Yamaha-Fahrer Günther Knobloch aus Österreich in trauter Gemeinsamkeit auf dem Zeitenmonitor von den Plätzen vier, sechs und acht nach unten wanderten, durfte angenommen werden, dass die drei einem einzigen Ereignis zum Opfer gefallen waren. Wie sich herausstellen sollte, war Teucherts Motor undicht geworden. »Ich bin sofort von der Ideallinie gefahren und habe die Streckenposten aufgefordert, die Ölfahne zu zeigen«, gab Teuchert zu Protokoll, »aber bis die sich sortiert hatten, waren Schulten und Knobi bereits auf meiner Ölspur ausgerutscht.«
Im zweiten Durchgang erwischte Teuchert einen Hinterreifen, dessen Grip schon nach fünf Runden deutlich nachließ. Der dritte Platz, den er am Start erobert hatte, war so natürlich nicht zu halten. Immerhin kam er noch als Sechster ins Ziel. Andy Meklau haderte mit seinen schlechten Starts, die ihm statt voller Punkteausbeute mäßig belohnte Aufholjagden bescherten. Und Christian Kellner stürzte im zweiten Lauf, nachdem er im ersten Rennen Siebter geworden war.
Mit seinem Doppelerfolg hat sich Martin Bauer auf Platz vier der Zwischenwertung katapultiert und damit zumindest in den Kampf um den Vizetitel. »Nach vielen Problemen Anfang des Jahres sind wir jetzt wieder da, wo wir hin wollten«, freute sich Bauer und fügte mit einem Grinsen hinzu: »Außerdem sollte sich die extrem weite Anreise an den Nürburgring auch lohnen.« Was der Österreicher nicht erwähnte: Nach dem Saisonauftakt in Hockenheim wechselte er von Bridgestone- zu Pirelli-Reifen. Dass dies einer der Schlüssel für den Erfolg ist, davon ist sein Landsmann Knobloch überzeugt: »In Hockenheim hatte ich Bauer das ganze Wochenende über unter Kontrolle – seit er Pirelli fährt, ist das vorbei.« Für Knobloch zum Haare raufen – 2006 hat er sich mit Bridgestone zusammengetan.
Jede Menge Stoff für Renngeschichten also bei den IDM-Superbikes, aber auch die Kleinsten sind für Storys gut. Zum
Beispiel die über die praktisch perfekte
Jugendarbeit des KTM-Youngster-Teams in der 125er-Klasse. Erst beim Rennen vor dem Nürburgring, in der Lausitz, hatte Randy Krummenacher mit seinem zweiten Saisonsieg die Führung in der IDM 125 übernommen. Sie zu verteidigen war ihm erst mal nicht vergönnt: Weil im KTM-Grand-Prix-Werksteam die Maschine des verletzten Julian Simon verwaist war, wurde Krummenacher als Ersatzfahrer zum England-GP beordert. Dort schlug er sich mit Platz 20 im Rennen höchst achtbar.
Die Lücke, die der Schweizer im
IDM-Feld hinterließ, füllte sein Teamkollege
Robin Lässer mit einem Sieg auf dem
Nürburgring in bestmöglicher Weise. Zwar
hatte er mit Eric Hübsch einen Gegner zu schlagen, der in Abwesenheit seines verletzt fehlenden Teamchefs Patrick Unger das ganze Wochenende über stark aufspielte, im Rennen den Start gewann und sich bei Lässers Verfolgung mit persönlichen Bestzeiten bis in die Schlussphase des Rennens stetig steigerte. Doch am Ende war Lässer von seinem zweiten Saisonsieg so begeistert, dass er kesse Sprüche klopfte. Auf die Frage, ob der IDM-Titel möglich wäre und wie schwer der gegen
den demnächst GP-erfahrenen Teamkameraden zu holen sei, platzte es aus ihm
heraus: »Ich kann mich noch steigern. Und dann fahre ich Randy um die Ohren.«
Wie das praktisch aussieht, erfuhr Supersportler Arne Tode beim Nürburg-
ring-Rennen. Womit ein weniger glanz-
volles Kapitel der IDM-Chronik 2006 aufgeschlagen wird. Denn die IDM Supersport macht meist dann von sich reden, wenn besondere Umstände herrschen. Etwa der Gaststart der beiden Yamaha-Deutschland-Supersport-Piloten Kevin Curtain und Broc Parkes, in der WM aktuell Zweiter und Dritter. Dass die zwei Australier das IDM-Feld deklassieren würden, war zu erwarten. »Wir arbeiten in der WM mit dem dreifachen Aufwand der IDM-Teams«, erklärte Terrell Thien, Teamchef von Curtain und Parkes, »beispielsweise werden die IDM-Motoren 2000 Kilometer gefahren,
die WM-Triebwerke nur 600.« Dennoch, so Thien, sei das Niveau der IDM Supersport weit hinter dem anderer nationaler Serien in dieser Klasse zurück.
Am Nürburgring genau so weit, wie ein Supersport-Motorrad in 36,114 Sekunden fahren kann. So lange dauerte es, bis nach der Zieldurchfahrt von Sieger Parkes und Verfolger Curtain auf dem Nürburgring der deutsche Titelanwärter Arne Tode abgewunken wurde und damit bereits im vierten von vier Rennen die volle Punktzahl kassierte. Die Gaststarter bekommen ja nur die Siegerehren, IDM-Punkte bleiben ihnen vorenthalten. Eine knappe Sekunde pro Runde hinter den WM-Profis zu bleiben wäre für Tode in Ordnung gewesen. Das klappte nur im Warm-up am Sonntagmorgen, im Zeittraining waren es fast 1,7, bei der schnellsten Rennrunde 1,8 Sekunden. Damit war er sogar langsamer als 2005 am gleichen Platz. »Ich renne meinen Zeiten vom Vorjahr hinterher«, klagt der Alpha-Technik-Honda-Fahrer, »das Team hat von Showa- auf Bitubo-Federelemente gewechselt. Es dauert halt seine Zeit, bis wir mit den Bitubo-Teilen auf den Stand kommen, den wir mit Showa erreicht hatten.«
Aber nicht nur deshalb sind die Vor-
jahresleistungen Todes Maßstab. Die Leistungsdichte der Supersportler ist Licht-
jahre von der bei den Superbikes entfernt, deshalb muss Tode seinen vier bisherigen Maximalergebnissen vier weitere folgen lassen – alles andere würde völlig zu Recht als Pleite betrachtet. Unter diesen Umständen traut sich Tode nicht einmal, an
einen Wild-Card-Einsatz beim deutschen WM-Lauf auf dem Eurospeedway Lausitz zu denken: »Da würde ich mich beim jetzigen Stand unserer Technik fahrerisch unter Wert verkaufen.« In welcher Kategorie könnte ein Talent wie Tode Zukunftsperspektiven haben? Tode ist da bestimmt: »Es gibt viele Möglichkeiten – nur die IDM Supersport garantiert nicht.«
Auch die Teamchefs der wichtigen japanischen Importeure haben der Supersport-Klasse entweder bereits den Rücken gekehrt oder denken mit Blick auf die
Saison 2007 darüber nach. Für den Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) als IDM-Ausrichter besteht Handlungsbedarf. Und nicht nur in dieser Hinsicht. Am Freitag
vor dem IDM-Wochenende, das offiziell erst samstags beginnt, gab es auf dem
Nürburgring eine bemerkenswerte Demon-
stration der IDM-Superbiker. Praktisch
alle Top-Piloten hatten sich leuchtfarbene Warnwesten über ihre Kombis gestreift und fuhren nebeneinander in langsamem Tempo um die Strecke, womit sie die zu dieser Zeit angesetzten »Test- und Ein-
stellfahrten« blockierten.
Der Protest der Superbiker, die von
ihren Teamchefs unterstützt wurden, richtete sich gegen die Art der Einstellfahrten. Um Geld zu sparen, hatte der MSC Freier Grund als Veranstalter den Nürburgring erst ab Freitagmittag gemietet. Um trotzdem möglichst vielen Fahrern ein freies Training bieten zu können – und die Möglichkeit zu haben, von möglichst vielen Fahrern dafür zu kassieren –, wurde eine gemeinsame Session für alle Viertaktklassen von den Hobby-Racern des Speer-Cups über die Yamaha-Cup-Fahrer bis hin zu den IDM-Superbikern ausgeschrieben und letztlich mehr als 70 Fahrer auf die Piste geschickt. »Unter den Umständen können wir nichts Sinnvolles ausprobieren«, schimpfte Fahrersprecher Teuchert. »Sicherheit ist oberstes Gebot«, stellte Yamaha-Sportchef Jost Schaper klar, »wir haben unseren Yamaha-Cup-Fahrern ge-
raten, auf eine Teilnahme zu verzichten.«
Die Aktion führte dazu, dass beim DMSB jetzt darüber nachgedacht wird, den Freitag offiziell in das IDM-Wochenende zu integrieren und einen standardisierten Zeitplan einzuführen. Die daraus für
die Veranstalter entstehenden Mehrkosten sollen über eine Erhöhung der Nenngelder den Fahrern belastet werden. »Ein Plan, den ich schon vor Jahren vorgeschlagen habe«, sagte dazu Bernd Schwan vom MSC Freier Grund, »aber das war dem DMSB damals wohl zu heiß, weil die Nenngelder gerade erhöht worden waren.«
Immerhin ist IDM-Serienmanager Hendrik Többe ziemlich sicher, dass der Plan bis 2007 umgesetzt werden kann: »Die IDM wird professioneller, darauf müssen wir reagieren. Ich bekomme aus allen Teilen des Fahrerlagers positive Rückmeldungen auf meine dementsprechenden Fragen.« Die DMSB-Führungsriege sollte sich allerdings auf Arbeit einstellen. Es gilt, die Inte-
ressen vieler Parteien unter einen Hut zu bekommen. Allen voran die der Top-Fahrer und der Reifenfirmen, für die der Freitag ein unverzichtbarer Testtag ist.

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