Straßen-IDM auf dem Nürburgring (Archivversion) Rutsch-Partie

Hochsommerliche Temperaturen in der Eifel brachten 22000 Zuschauer ins Schwitzen und bereiteten den IDM-Superbike-Teams unerwartete Reifenprobleme. Während die Dunlop-Pneus auf Yamaha funktionierten, katapultierten sie MV-Agusta-Star Jörg Teuchert in beiden Rennen von der Piste.

Nach Runde vier des zweiten Superbike-Rennens stand an diesem Rennwochenende auf dem Nürburgring der Pechvogel des Tages fest. Wie schon im ersten Lauf am Vormittag war Jörg Teuchert auf seiner MV Agusta abgeflogen, diesmal ausgerechnet im Hatzenbach-
bogen, dem absolut schnellsten Stück der Kurzvariante des Grand-Prix-Kurses, auf dem die Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) ausgetragen wird. Glück im Unglück: Eine erste Untersuchung ergab, dass Teuchert von Knochenbrüchen verschont blieb. Dennoch ein
Wochenende zum Vergessen für ihn, der sich nach der Trainingsbestzeit durchaus hatte Hoffnungen machen dürfen, die Tabellenführung zu übernehmen.
Die holte sich mit einem zweiten
und einem dritten Platz Ex-Meister Stefan
Nebel. Ein Yamaha-Pilot, der ebenfalls auf Dunlop-Reifen unterwegs war. Die Kombination Dunlop/Yamaha war es, die es am Nürburgring zu schlagen galt, denn bis auf Pole-Mann Teuchert fanden sich nach dem Qualifikationstraining hinter der MV Agusta gleich sieben Dunlop-bereifte Yamaha YZF-R1, bevor dann als schnellster Honda-Mann ausgerechnet Werner Daemen erschien. Der ist amtierender Supersport-Meister und auf die Titelverteidigung scharf. Gelegentliche Superbike-Einsätze absolviert er nur, weil er im kommenden Jahr in diese Klasse aufsteigen will.
Der aktuelle Superbike-Champion, Michael Schulten, im vergangenen Jahr mit elf Podestplätzen in 16 Rennen fast schon erdrückend überlegen, haderte genau
wie sein Teamkollege Ralf Waldmann mit
den Pirelli-Reifen. »Pirelli hat so viele neue
Reifenkonstruktionen mitgebracht, dass
an einem IDM-Wochenende beim besten Willen keine Zeit ist, die auszutesten«, konstatierten Josef Hofmann von Schultens Alpha-Technik-Honda-Team und Stefan Prein von Docshop-Kawasaki unisono.
Eine knifflige Situation, die der anfangs ziemlich niedergeschlagen wirkende und vom Sturz am Pannoniaring zwei Wochen zuvor auch noch leicht verletzte Schulten dennoch gut meisterte. Die Plätze sechs und drei waren ein versöhnliches Ergebnis, zumal im ersten Rennen die Yamaha-Gastpiloten Kevin Curtain, Broc Parkes und
Didier van Keymeulen, die ihm keine Wertungspunkte wegnahmen, vor ihm lagen.
Supersport-WM-Pilot Kevin Curtain war wie schon im Vorjahr auf dem Nürburg-
ring unantastbar. In beiden Rennen lieferte er makellose Start-Ziel-Siege ab. Weder der Österreicher Günther Knobloch noch Stefan Nebel, die beide um IDM-Punkte kämpften und – der eine im ersten, der
andere im zweiten Lauf – als Zweite ins
Ziel kamen, verspürten gegen Rennende Lust auf einen desparaten Versuch, Curtain noch anzugreifen. Ihr knapper Rückstand spiegelt nicht die tatsächlichen Kräfteverhältnisse wider, da Curtain es in den letzten Runden gemütlich angehen ließ.
Der Zieleinlauf nach dem Supersport-Rennen zeigte dagegen deutlich, wohin
die Reise geht. Kawasakis Norweger Kai-Børre Andersen will sich dieses Jahr den Titel holen, den er 2004 um einen einzigen Punkt verpasst hatte. Schon im Training war er eine halbe Sekunde schneller
gewesen als Meister Daemen, »und er wird im Rennen ein Feuerwerk abbrennen«,
versprach Teamchef Prein. Für zwei
Runden gelang es Arne Tode, dem Sieger des Saisonauftakts auf dem Lausitzring, die Führung zu behaupten. Dann stürmte Andersen mit Macht an die Spitze und ließ sich nicht mehr belästigen.
Dass die beiden KTM-Junioren Michael Ranseder und Stefan Bradl die Showmaster des 125er-Wettbewerbs sein würden, war IDM-Insidern klar – doch nach welchem Drehbuch ihre Vorstellung ablaufen würde, stellte sich erst in der Startkurve heraus. Der Schweizer Honda-Pilot Randy Krummenacher bog nach dem Start als
Erster in die Rechtskurve ein, hatte aber dort bereits Bradl am Hinterrad und war von dem als leichte Beute klassifiziert worden. Bradl wollte das Missgeschick vom Catalunya-GP vergessen machen (siehe Seite 158) und Teamkollege Ranseder wie schon auf dem Pannoniaring schlagen. Der wollte eigentlich nur im Schlepptau von Bradl an Krummenacher vorbei. Als Bradl jedoch plötzlich langsamer wurde, weil
der Schweizer vor ihm in die Kurve lenkte, touchierte Ranseder seinen Teamkollegen und schickte ihn auf einen weiten Bogen über die asphaltierte Auslaufzone.
Während Bradl sich als 17. wieder einreihte und bis ins Ziel noch auf Rang fünf vorkämpfte, übernahm Ranseder für den Rest des Rennens die Führung. Dahinter duellierte sich Krummenacher in einem Zweikampf mit Patrick Unger, der bis in die letzte Runde nicht entschieden war. Krummenacher konnte schließlich Ungers letzte Attacke abwehren und freute sich diebisch: »Das hat einen Haufen Spaß gemacht.«
Währenddessen diskutierten die vereinigten Dreiradler aus IDM und Welt-
meisterschaft noch die Ereignisse in der letzten Runde des Gespann-WM-Laufs, der
als Zusatzattraktion für das IDM-Programm vor den 125ern gestartet worden war. In Abwesenheit des legendären englischen Gespann-Duos Steve Webster und Steve Woodhead – Webster war Trainingsbest-
zeit gefahren, hatte aber aufgrund von Konzentrationsproblemen auf einen Start verzichtet – sah es bis drei Runden vor Schluss so aus, als könne der deutsche Meister Jörg Steinhausen mit Beifahrer Trevor Hopkinson dem britischen Brüderpaar Tim und Tristan Reeves kaum Paroli bieten.
Doch dann holte der Deutsche plötzlich auf. In der letzten Runde stach er am Ende der Zielgeraden so beherzt innen
an Reeves’ Gespann vorbei, dass beide Maschinen kollidierten. Die Reeves-Brothers drehten sich, Steinhausen blieb in Fahrtrichtung und konnte auf Platz eins weiterfahren. Aber seine LCR-Suzuki hatte Schaden genommen, die Abdeckung des Seitenwagenrads streifte am Reifen, der sich in einer spektakulären Rauchwolke aufzulösen begann. In letzter Not demontierte Hopkinson auf der Zielgeraden
das Plastikteil – Steinhausen vor Reeves lautete der Zieleinlauf mit nur knapp zwei Zehntelsekunden Vorsprung.
»Ein dreckiger Angriff«, zischten die Reeves, protestierten gegen das Ergeb-
nis und boykottierten die Siegerehrung. »Ein Rennunfall«, urteilte die Jury, ließ das Resultat unverändert und brummte den Herren Reeves eine Sportstrafe von 1000 US-Dollar auf. Wegen Nichterscheinens bei der Siegerehrung.

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