Straßen-IDM auf dem Sachsenring (Archivversion) Bis später

Die Vorfreude auf das Rennsport-Comeback von MV Agusta war groß.
Die Enttäuschung darüber, dass die Marke frühestens im Juni gewinnen kann, auch.

Unübersehbar prangte der schwarze Schriftzug auf der Verkleidung der MV Agusta von Jörg Teuchert: 750 ccm. Ein äußeres Zeichen der Rebellion. 750 ccm. Nüchterne technische Spezifikation und dennoch eine unmissverständliche Botschaft an die Fans: keine Chance.
Keine Chance. Wo doch ein Gutteil der Rennfreaks gerade wegen dieses Traums in Rot-Silber zur Eröffnung der IDM-Saison an den Sachsenring gekommen waren. Verständlich, schließlich hatte die Meldung vergangenen Winter gewaltige Kreise gezogen: MV Agusta ist zurück. Die Marke, die mit 37 WM-Titeln so erfolgreich war wie kein zweiter Hersteller. Zurück im Rennsport – und das ausgerechnet in Deutschland. Wie eine Art Stargast in
der Superbike-Klasse der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM), in der sonst ausschließlich japanische Maschinen den Ton angeben.
Deshalb sind sie zu verstehen in ihrer Euphorie. Die Fans, die diesen Mythos
erleben wollten. Die Truppe um MV-Geschäftsführer Patrick Porten, die sich zum Einstand mit Jörg Teuchert, dem Supersport-Weltmeister des Jahres 2000, gleich die Dienste eines der besten deutschen Viertakt-Piloten sicherte. Und sogar die Verantwortlichen des Deutschen Motor Sport Bunds (DMSB), die mit diesem Coup die IDM weiter aufzupäppeln hoffen. Doch genau deshalb hätte er nicht passieren dürfen, dieser sportpolitische Offenbarungseid am Dienstag, drei Tage vor dem ersten Training am Sachsenring.
An diesem Tag wurde offenbar: Die MV Agusta F4 1000 S besitzt keine Homologation für die IDM-Superbike-Klasse. Statt der vor dem ersten Renneinsatz geforderten Stückzahl von 1000 gebauten Serienmaschinen existierten bis dahin gerade mal vier. Und die Chance auf ein Gentleman’s Agreement wischten die per Dringlichkeitstermin einberufenen Importeure der japanischen Hersteller vom Tisch. »Hätte man mit offenen Karten gespielt und uns vier Wochen früher informiert, wer weiß«, fühlte sich auch Suzuki-Verkaufs-
leiter Bert Poensgen überrumpelt und pochte zu Recht auf das Reglement. Die IDM hatte ihren ersten Skandal – und Jörg Teuchert 250 cm3 Hubraum weniger.
Will heißen: Die deutsch-italienische Verbindung musste schmollend auf die seit Jahren gebaute 750er-Version, die F4 S, umsatteln. Nur vorübergehend, hieß es. Schon beim dritten Rennen der Saison, am 20. Juni auf dem Nürburgring, soll der erste Einsatz der 1000er steigen. Sei’s drum, schließlich ist es die Festlegung auf eine extreme Seriennähe, mit der sich die IDM-Superbikes mittlerweile zur Vorzeige-Liga gemausert haben. Von ihren Serienpendants dürfen sich die etwa 180 PS starken Renner nämlich nur durch Verkleidung, Auspuff, Zündanlage, Bremsscheiben und Räder unterscheiden. Motortuning im großen Stil bleibt tabu und damit die Kosten im Rahmen. Ein konkurrenzfähiger IDM-Racer dürfte kaum mehr als 5000 Euro über dem Einstandspreis des Standard-Superbikes von etwa 13000 Euro liegen.
Die Kehrseite der Medaille: Chancen auf Rennerfolge besitzt lediglich der Hersteller, der eine extrem sportlich konzipierte Serien-1000er im Programm hat. Und
das galt bislang nur für Suzuki. Sieben
der Top-Ten-Fahrer saßen im vergangenen Jahr auf einer der blau-weißen Maschinen. Doch für diese Saison gab’s bei der Konkurrenz Nachschlag. Honda präsentierte eine völlig neu auf die Räder gestellte
Fireblade, Kawasaki hielt mit der ebenfalls brandneuen ZX-10R dagegen, und Yamaha komplettierte den Generalangriff mit
der Neukonstruktion der YZF-R1.
Verständlich, dass die hiesigen Importeure für die Saison 2004 gewaltig aufrüsteten. Honda mit den Piloten Michael Schulten und Jürgen Oelschläger. Beide längst arrivierte Haudegen im Team des bayerischen Tuningteile-Spezialisten Alpha-Technik. Kawasaki setzt den Franzosen Bertrand Sébileau und Youngster Andreas Hahn in der neu formierten Truppe des deutschen Sebring-Importeurs Mizu ein. Bei Suzuki drehen der hoch dekorierte
österreichische Routinier Andreas Meklau und der Südtiroler Markus Wegscheider
in der ebenfalls neu aufgestellten Equipe der deutschen Suzuki-Niederlassung am Gasgriff. Als quasi hausinterne Konkurrenz obendrein noch Norbert Fritz und der
Österreicher Robert Ulm unter der Betreuung der saarländischen Yoshimura-Dependance Schäfer. Für Yamaha kämpfen
der amtierende Superbike-Meister Stefan
Nebel und Hoffnungsträger Philipp Hafeneger, beide betreut vom Kölner Yamaha-Händler Emonts, sowie Urgestein Stefan Scheschowitsch im Sebring-Team.
Insofern hätte die rasante Truppe für ihren ersten Auftritt der Saison mehr verdient gehabt als die grob geschätzt knapp 4000 Fans, die sich rund um den fahrerisch anspruchsvollen Kurs nahe Chemnitz verloren. Stichwort fahrerisch anspruchsvoll: Dass Jörg Teuchert die eigentliche Bereicherung der Superbike-IDM darstellt, dürfte diesen Zuschauern und der Kon-
kurrenz spätestens nach dem Zeittraining
bewusst geworden sein. Denn dort ließ
der hoch talentierte Franke – 250 cm3
Hubraumnachteil hin, 40 PS Leistungsdefizit her – zunächst einmal seine Klasse aufblitzen. Platz vier brachte vor allem persönliche Genugtuung.
Und doch sollten die Rennen den
aufkeimenden Enthusiasmus dämpfen. Demonstrierte Platz neun im ersten Heat angesichts des leistungsmäßigen Handicaps noch das sportlich Machbare, warf ein losvibriertes Kabel der Bordelektrik
die italienische Diva im zweiten Durchgang bereits in der ersten Runde aus dem Rennen. Was die Beachtung endlich wieder auf das eigentlich Wichtige im Rennsport lenkte: Wer gewinnt, wer verliert?
Um’s kurz zu machen: Die Alpha-
Technik-Delegation Michael Schulten und Jürgen Oelschläger dominierten dieses Wo-
chenende einträchtig. Oelschläger, Rennsportprofi aus dem bayerischen Ainring,
sicherte sich den Sieg in Lauf eins, Schulten, trotz immerhin 41 Lenzen und Halbtagsjob in einer Schreinerei so motiviert wie eh und je, gewann Heat zwei. Der
Rest der Truppe blieb bei wechselhaf-
tem Wetter, Reifenpoker und verkürzten Rennen weniger cool. Meklau verpatzte nach dem vierten Platz mit einem Frühstart
in Lauf zwei seine Chance, Nebel und
Hafeneger beschieden sich mit den Rängen sechs, sieben und acht, Wegscheider hüpfte nach einem guten ersten Lauf
gemeinsam mit Herrn Scheschowitsch im zweiten Rennen aus dem Sattel.
Monsieur Sébileau rettete die Kawa-Ehre mit einem fünften Platz zwar leidlich, ließ mit einem zehnten Rang letztlich aber auch den österreichischen Privatfahrern Christian Zaiser und Günther Knobloch den tabellarischen Vortritt – was für den zweiten Auftritt der IDM-Superbiker am 22./23. Mai in Hockenheim aller Voraussicht nach ein kräftiges Stühlerücken verspricht. Infos dazu und über die gesamte IDM-Saison gibt’s übrigens im kostenlosen 32-seitigen IDM-Spezial von MOTORRAD. Erhältlich bei allen Vertragshändlern der beteiligten Hersteller oder zum Herunter-
laden unter www.motorradonline.de.

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