Straßen-IDM in Hockenheim (Archivversion) Schrittmacher

Die Superbikes sind der Expresszug der IDM. Für 2006 sind die Fahrkarten neu verteilt. Wer ist Lokomotive, wer fährt Windschatten, und wer wird abgehängt? Einsteigen, bitte. Die Fahrt beginnt in Hockenheim.

Samstag, kurz vor 14 Uhr in Hockenheim. Das entscheidende zweite Qualifikationstraining der Superbikes steht an. Der Himmel zeigt sich pechschwarz, und mit dem Umschalten der Ampel auf Grün bricht der Donner los. Nicht vom Himmel, sondern weil annähernd das
ganze Superbike-Feld gleichzeitig, ohne Aufschub nach einer schnellen Runde
auf trockenem Asphalt giert. Der Winter war lang, die Testfahrten in Spanien, alles
endlich vorbei. Jetzt gilt es, und so öffnet
sich blitzartig das Ventil der aufgestauten Nervosität in Richtung Piste.
Einzig Meister Stefan Nebel trägt Gelassenheit zu Schau. Nach dem überraschenden Ausstieg des offiziellen Yamaha-Deutschland-Teams fährt er nun bei Doc-shop-Racing eine Kawasaki ZX-10R und hat mit Pirelli statt Dunlop auch noch eine neue Reifenmarke.
Während Nebel in Ruhe seinen komplett neuen Weg in die IDM-Saison 2006 sucht, schießt ein Urgestein der deutschen Szene nach nur einer Runde schon wieder zurück in die Box seines Alpha-Technik-Honda-Teams. 25 Jahre Racing machen
es auch Michael Schulten nicht leichter. Aufmerksam und angespannt lauschen
der Bitubo-Fahrwerkstechniker und ein Servicemann von Pirelli seinen Ausführungen, während Schultens Stakkato-Handbewegung auf ein stempelndes Hinterrad schließen lässt.
Nur scheinbar unverändert zum Vorjahr stehen die Suzuki-Mannen in den Start-
löchern. Gekommen um zu bleiben, das könnte für Christian Kellner gelten. Er wechselte von Bridgestone- auf Dunlop-Reifen und grinst zufrieden vor sich hin: »Die Dunlops harmonieren schon sehr
gut mit der Suzuki.« In Floskeln verfällt
auch Andy Meklau, wenn es um die Reifen
geht. »Wir waren letztes Jahr schon gut, ich fahre käufliche Standardreifen.« In der Teamstruktur gab es bei Suzuki allerdings nennenswerte Änderungen. Die Rennmotoren kommen nicht mehr von Tuner
Michael Schäfer. In der Nähe des Suzuki International Europe Headquarters in Bensheim wurde eine eigene Rennabteilung mit Motoren-Prüfstand installiert, um unter der Leitung von Evrén Bischoff intensiv an jedem Detail arbeiten zu können.
Das Zeittraining ist vorüber, Suzuki und Dunlop dürfen jubeln. Meklau vor Kellner, dahinter Supersport-Exweltmeister Jörg Teuchert, in diesem Jahr von MV Agusta auf eine Inghart-Yamaha zurückgekehrt.
Endlich Rennen. Der erste Lauf bei
den Superbikes ist kurios. Nach nur drei Runden gibt es den ersten Rennabbruch wegen des gestürzten Henrik Meyer vom MGM-Team. Beim Neustart fallen schon die ersten Regentropfen, aber der nun in Führung liegende Teuchert zieht, gefolgt von seinem früheren Yamaha-WM-Teamkollegen Kellner und Meklau, gnadenlos durch, bis sich die Geschichte aus Teucherts WM-Jahr 2000 wiederholt: Teuchert und Kellner stürzten gemeinsam – wie jetzt in Hockenheim. Das Rennen wird erneut abgebrochen. Lange Diskussionen darüber, ob die Verursacher der Unterbrechung in der Wertung bleiben sollen. Schließ-
lich gewinnt durch die Addition der beiden Teil-Rennen Kellner, der zweitplatzierte, leicht lädierte Teuchert fehlt bei der Sieger-
ehrung. Zur Unterhaltung im ersten Lauf trug auch Michael Schulten bei, der nach einem Beinahe-Sturz wie ein Berserker durchs Feld fräste, als 16. jedoch nicht mit Punkten belohnt wurde.
Das zweite Rennen auf komplett trockener Piste bestätigt die Formkurve von
Meklau, Kellner und Teuchert. Teuchert, wieder fit und angriffslustig, zieht Runde um Runde an der Spitze wie ein Stier.
Meklau lauert gelassen auf Rang drei, schont seine Reifen, um dann »eiskalt« zuzuschlagen, wie er später sagt. Kellner wird hinter Teuchert Dritter.
Die 125er-Klasse, das ist »Jugend forsch«. Die Schnellsten sollen oder wollen direkt in den GP-Sport aufsteigen. Aus einer rasanten Vierergruppe stechen Polesetter Randy Krummenacher und Georg Fröhlich hervor. Verfolgt von Kalab und Eitzinger, besorgen es sich die beiden rundenlang mit gegenseitigem Überholen,
bis KTM-Nachwuchsfahrer Krummenacher, begünstigt durch Überrundete, Fröhlich in der letzten Runde keine Chance mehr lässt und den Sieg einfährt.
In der Supersport-Klasse stellt sich dieses Jahr eigentlich nur eine Frage: Kann Arne Tode, der Dritte des Vorjahres, auf seiner Alpha-Technik-Honda den Sack zumachen? Eindeutig mit der Favoritenrolle ausgestattet, darf er sich keinen Fehler erlauben. Der nicht IDM-punktberechtigte Gaststarter Arie Vos aus Holland hatte somit leichtes Spiel. Pole und Sieg im Rennen. Tode fuhr nach anfänglicher Führung am Hinterrad von Vos und kassierte als Zweiter volle Punktzahl. »Auch ich werde älter und vernünftiger«, bekannte er hinterher verschmitzt.
Das Fazit der turbulenten Bahnfahrt? Ein starkes, ausgeglichenes Feld bei den Superbikes verspricht schon für die Rennen in Oschersleben am 27. und 28. Mai neue Spannung. An der Bahnsteigkante gibt es übrigens noch reichlich freie Plätze für Zuschauer.

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