Straßen-IDM in Oschersleben (Archivversion) Wechsel-Spannung

Für Propheten und angebliche Alleswisser ist die IDM Superbike dieses Jahr ein heikles Pflaster. Wer steht wann, wie und wo ganz oben auf dem Siegertreppchen? Von Platz eins bis zehn ist es nur ein Wimpernschlag, ruck, zuck gibt es statt einer Champagner-Dusche lediglich Sprudelwasser. Auch in Oschersleben wurde beides serviert.

Seit 25 Jahren hämmert Michael Schulten nun schon mit diversen Zweirädern auf Rennstrecken herum – zum Volksredner ist er dabei nicht geworden. Beim zweiten Termin der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) 2006, in Oschersleben, fuhr er im zweiten der beiden Superbike-Läufe zum Sieg, im ersten Durchgang holte er Platz drei. Für Schulten normalerweise kein Grund zum Plaudern. Gut, bei der Siegerehrung, da hatte er einen mächtigen Schluck Schampus runtergespült, die Zunge geschmeidiger gemacht. Und meldete sich dann nach der Pressekonferenz freiwillig zu Wort. »Seit ich Superbike fahre, ist dieses Jahr das mit der härtesten Konkurrenz«, erklärte Schulten, »aber Oschersleben ist meine Strecke – wenn ich hier nicht gewinnen kann, wo denn sonst?«
Obwohl es dem immer ruhig, manchmal fast leblos wirken-
den Bottroper nicht anzusehen war: Da muss ihm schon eine Geröllhalde vom Herzen gerutscht sein. Nach seiner doppelten Nullnummer beim Saisonauftakt in Hockenheim musste etwas passieren, und der fahrerisch so anspruchsvolle Kurs in der
Magdeburger Börde kam Schulten dabei entgegen. Es ist kein Kurs für Hacker. In Oschersleben gilt es, immer auf Angriff zu
fahren, selbst ohne direkten Gegner vor Augen. Der Speed am Kurveneingang ist hoch, die Einlenkpunkte und Kurvenradien verlangen vom Steuermann hohe Präzision.
Unabdingbar für eine schnelle Runde ist ein fein justiertes Fahrwerk – und der richtige Reifen. »Wir sind noch nicht da,
wo wir letztes Jahr waren«, sagte Michael Schulten und führte fort: »Die Motorräder im Feld sind nahezu chancengleich.« Über seine Rennabstimmung, die gegenüber Hockenheim sicher härter
war, erzählte Schulten nichts. Wie sich aber beim Auftaktrennen schon andeutete, erhöhen passende Reifen die Chancen auf Podest-Sekt.
Was in der MotoGP-Weltmeisterschaft passiert, hat Auswirkungen bis in die IDM. Dunlop, in der Top-Klasse des Zweiradsports zurzeit auf verlorenem Posten, drückt nun in den nationalen Meisterschaften aufs Tempo. Bridgestone dagegen forciert seine Anstrengungen in der WM und verliert in der IDM. Nicht nur Rennen, weil der Hinterreifen nicht funktioniert. Sondern bisweilen sogar Fahrer. So fuhr der Österreicher Martin Bauer, offiziell Bridgestone-Pilot, auf seiner Honda am Freitag angeblich nur zum Testen Pirelli-Pneus. Doch dann wurden auch für die Rennen italienische Gummis aufgezogen. Reichlich pikant war somit das Duell gegen Landsmann Günther Knobloch, der mit seiner Yamaha den Bridgestone-Japanern treu blieb.
Orkanböen sorgten am Rennsonntag für zusätzliche Probleme. Hockenheim-Sieger Christian Kellner: »Du triffst eigentlich auf der Strecke nie den Punkt, den du anvisiert hast – und schwups, ist das Vorderrad weg.« Blitzstarter Martin Bauer, der später führende Schulten und Kellner fanden in Lauf eins kein Mittel gegen den
extrem stark und konstant fahrenden Andreas Meklau. Schulten erkämpfte sich mit zu weichen Reifen, nachlassendem Grip und rutschendem Moped wie erwähnt noch Platz drei, knapp vor Bauer.
Im zweiten Lauf fand sich dann wirklich alles, was ein Rennen so hergeben kann. Besonders die drei Österreicher Bauer, Meklau und Knobloch rumpelten in diversen Situationen zusammen,
als ob sie möglichst nicht Gefahr laufen wollten, auf dem Podest
ganz oben zu stehen. Michael Schulten, jetzt mit härteren Reifen
und geändertem Set-up unterwegs, zog derweil energisch von dannen, um mit einem Sieg neues Selbstvertrauen zu tanken.
Während bei den Superbikes gleich eine Hand voll Fahrer für den Gewinner-Schampus in Frage kommen, entwickelt sich die Supersport-Klasse durch die aktuelle Dominanz von Arne Tode auf seiner Honda eher eintönig. Immerhin punktete Rigo Richter wie bereits in Hockenheim konsequent auf Platz zwei, und Jesco Günther stand nach seinem Hockenheim-Crash nun mit auf dem Podium – insbesondere Richter liegt auf der Lauer, sollte sich Tode einen Fehler erlauben. Das Geschehen in der 125er-Klasse ist durch die Frage überlagert, ob KTM werksseitig aus der IDM aussteigt. Die Österreicher verweisen jedoch auf langfristige Fahrerverträge und wollen auf jeden Fall mit den Youngsters Randy Krummenacher und Robin Lässer in irgendeiner Form weitermachen, eventuell in der Europameisterschaft. Für die IDM soll künftig weit weniger Aufwand betrieben werden als bisher.
Dass die überlegenen Fahrer des Rennens, Krummenacher und Georg Fröhlich, sich beide auf die Nase legten, machte die Bahn frei für den 15-jährigen Robin Lässer, der so seinen ersten IDM-Lauf vor Igor Kalab und Joshua Sommer gewann.

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