Straßen-IDM in Schleiz (Archivversion) Natur-Burschen

Einmal im Jahr macht die IDM ihren Ausflug ins Grüne. In Schleiz bringt der Auftritt zwischen Feldern und Wiesen Farbe in die Szene - auch für Michael Schulten (1) und Stefan Nebel (6)

Michael Schulten schmunzelt zufrieden. Mehr nicht. Auf den Putz hauen, mal die Sau rauslassen, das ist nicht sein Ding. Dabei hätte der Mann aus Bottrop allen Grund dazu. Trainingsbestzeit, Sieg in Lauf eins, Sieg in Lauf zwei. Früher wären nach solchen vernichtenden Feldzügen schnell Titel wie Mister Superbike oder sonstige glorifizierende Wortschöpfungen herausgekramt worden. Heute wird der Ball flacher gehalten. Ohnehin wäre Evergreen treffender: Der 42-Jährige lässt seit mittlerweile 24 Jahren die Knieschleifer über die Rennstrecken Europas schraddeln. Fünf DM- und drei Vize-Europameister-Titel ergatterte der gelernte Zweiradmechaniker in dieser Zeit. Und wohl genau deshalb wusste der Ruhrpottler, wie dieser Strecke in Schleiz bei-
zukommen ist. Einer Piste, die quasi als
Isle of Man Thüringens zum sportlichen Abschuss freigegeben war.
Seit zwei Jahren haben sich die Wogen geglättet. Verkürzt auf 3,8 Kilometer, zum Teil neu asphaltiert und mit akzeptablen Sturzzonen versehen, hat sich die An-
lage rehabilitiert, ohne ihren Charakter verloren zu haben: Rennsport im Grünen eben. Auch wenn sich die Natur an diesem ersten Wochenende im August zu sehr in den Vordergrund rückte. Von herbstlichen zwölf Grad und diversen Regenschauern gebeutelt, hangelten sich die Organi-
satoren und das Starterfeld mit Hoffen,
Warten und gelegentlichen Rennabbrüchen mühselig über die Runden.
Was das ohnehin angekratzte Nervenkostüm der Protagonisten der Superbike-Liga zusätzlich strapazierte. Denn ihren endgültigen Kandidaten für den Chefsessel hat die Serie in dieser Saison noch nicht gefunden. Mit Jörg Teuchert (MV Agusta), Andreas Meklau (Suzuki), dem Gaststarter aus der Supersport-WM Kevin Curtain (Yamaha), Philipp Hafeneger (Yamaha)
und Teamkollege Stefan Nebel teilten sich die Cracks die bisherigen Laufsiege zwar
sozialverträglich, aber allzu brüderlich, um klare Verhältnisse zu schaffen.
Doch auch wenn besagter Herr Schulten zumindest in Schleiz solche Verhältnisse schuf – um in der Gesamtwertung zu brillieren, bremst ihn noch die Aberkennung von 20 Punkten wegen einer nicht regelkonformen Motorrevision vor dem Lauf am Nürburgring ein. Wenigstens musste der Hobby-Crosser nicht für das um eine Runde verfrühte Abwinken auf dem Salzburgring büßen (MOTORRAD 15/2005). Dort fällten die Sportkommissare nachträglich ein salomonisches Urteil: Hinter Sieger Nebel erhalten sowohl Schulten als auch Hafeneger die Punkte für Rang zwei.
Weil bei derartiger Ausgeglichenheit des Felds Konstanz das Gebot der Stun-
de bleibt, taktierte Tabellenleader Stefan Nebel im meteorologischen Irrgarten von Schleiz goldrichtig. Der 24-Jährige blieb sowohl cool als auch im Sattel seiner R1 und baute mit den Rängen zwei und vier seine IDM-Führung sogar noch aus.
Was Verfolger Andy Meklau einen unfreiwilligen Respektabstand verschafft. Der Österreicher legte sich im ersten Lauf auf Platz acht unsanft mit Landsmann Günther Knobloch an und buchte in Heat zwei Rang vier. Dafür brannte – zumindest im ers-
ten Lauf – der immer hochmotivierte Jörg
Teuchert ein Feuerwerk ab. Der Franke, der
im November zum ersten Mal Vater wird, luchste dem beherzt kämpfenden Markus Wegscheider in der allerletzten Runde den zweiten Platz ab, bevor er die MV Agusta im zweiten Lauf mit Zündungsschaden an die Box stellen musste. Dagegen konnte sich Christian Kellner freuen. Der ehe-
malige Supersport-WM-Pilot in Diensten des Fahrwerks-Spezialisten Benny Wilbers findet sich mittlerweile auch bei den Big Bikes zurecht und feierte auf der Suzuki GSX-R als Dritter in Heat zwei seinen ersten Podestplatz.
Ein Ergebnis, das für die Kawasaki-Mannschaft mit Ex-Endurance-Weltmeister Jimmy Lindström auf dem Superbike vorläufig noch ins Reich der unerfüllten Träume gehört. Nicht so bei den Supersportlern. Dort ließ sich der zweite Skan-
dinavier im Team, der Norweger Kai-Børre Andersen, zwar in der allerletzten Kurve ausgerechnet von Routinier und Verfolger Herbert Kaufmann austricksen, mit Platz zwei steuert der Mann aus Oslo allerdings weiterhin auf Titelkurs.
Titelchancen besitzt vielleicht auch Stefan Bradl bei den 125ern. Der 15-Jährige, der gemeinsam mit seinem österreichischen Teamkollegen Michael Ranseder auf einen frisch unterzeichneten Vierjahres-Vertrag von KTM bauen kann, gab subito einen Nachweis in Sachen erfolgreicher Nachwuchsarbeit und holte sich völlig überlegen den Laufsieg.

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