Stunt-WM in Donington/GB (Archivversion) Hände weg

Auch wer glaubt, ein guter Motorradfahrer zu sein, sollte sich eines verkneifen: die Tricks zu probieren, die Christian Pfeiffer und Co. bei der Stunt-WM präsentierten.

Christian Pfeiffer lässt seine Ducati
immer engere Kreise ziehen, kippt die Monster dabei immer weiter ab. Noch schneller, noch tiefer, bis die Titan-Endkappe des Schalldämpfers Funken sprühend über den Asphalt streift. »Jaaaaa«, bricht es befreit aus ihm heraus, übertönt locker das Wummern des 1000er-V-Twins. Das ohnehin permanente Grinsen wandelt sich zu entspanntem Lachen. Der Funke sprang über. Im Wortsinn. Die Fans toben. Wie stets bei Christians Auftritten.
Geschafft? Natürlich. Alle Tricks geglückt, das Sonnyboy-Image transportiert, die Menge in den Bann gezogen. Doch das alles bleibt relativ. Hier in Donington, auf ein paar Hundert Meter Asphalt irgendwo auf dieser Grand-Prix-Piste in der Nähe von Nottingham.
Zweite und letzte Veranstaltung zur Stunt-Weltmeisterschaft 2004. Ein Anachronismus in sich. Nennen sich gerade diese Jungs nicht Freestyler? Die frei ihren eigenen Weg gehen wollen, sich um Resul-
tate, Bewertungen und Leistungsdruck einen Dreck scheren – und nun taxiert werden wie Eisprinzessin Kati Witt beim eingesprungenen Rittberger. Egal, durchhalten. Weil es sich eben gut macht auf der Visitenkarte: Stuntriding World Champion. Christian weiß das, als Weltmeister 2003. Ob’s auch wirklich alle wissen? Es darf gezweifelt werden. Zum Glück.
»Entscheidend ist, dass man gute Freunde hat, öfter mal eine nette Fete feiert«, grinst Edinaldo Dantas. Die Weltmeisterschaft? Wichtig, na klar. Aber es gibt eben Wichtigeres. Der bescheidene Brasilianer grinst ständig, nennt sich deshalb »Little laugh«, das kleine Lächeln. Und charakterisiert damit – selbst hier beim WM-Stress in Donington – die Grundstimmung im Stuntrider-Fahrerlager. Ein Land des Lächelns. Eine Szene, dominiert von Portugiesen und Brasilianern. Von Männern, die ihr Motorrad als Spielzeug sehen und nicht von Valentino Rossi träumen. Von Männern wie Edinaldo oder Antonio Carlos, kurz AC Farias, der Ikone des Stuntriding. Bereits 40 Jahre alt, gertenschlank und gesegnet mit einer Mischung aus fast übernatürlichem Gleichgewichtsgefühl und kindlichem Spieltrieb. Der es verstand, die primitiven Beschleunigungs-Wheelies und niveaulosen Burnouts von einst zur feinsinnigen Kunst auf zwei Rädern zu entwickeln.
Seitdem ist alles anders. Versuchen die Cracks, Künstlern gleich, ihren eigenen Stil zu kreieren, sich eine unverwechselbare Identität zu schaffen. Manche wagemutig wie der Ungar Nagy Becman, einige bedächtig wie AC Farias, wenige so extrovertiert und schwungvoll wie Christian. Alle auf der permanenten Suche nach dem persönlichen Kick, die Stunt-Kollegen mit ganz neuen Tricks aus der Reserve zu locken.
Die Latte liegt allerdings verdammt hoch. Wheelies in unzähligen Variationen, Stoppies, bei denen die Vorderradbremse mit der linken Hand gezogen wird –
für Otto Normalbiker bereits eine artistische Sensation. Für Stuntrider lediglich das Standardprogramm. Gigantisch der neueste Schrei: Kreise auf dem Hinterrad, der Radius wenig größer als ein Kanal-
deckel, das Tempo liegt nur knapp über Schrittgeschwindigkeit. Oder Coasting: ein Wheelie am Kipppunkt, lautlos mit ab-
gestorbenem Motor inszeniert. Balance in Vollendung. Kaum zu glauben, dass dreimal die Woche je drei Stunden Training
für die fahrerische Hochkultur ausreichen – eine entsprechende Überdosis an Talent wohl vorausgesetzt.
Rund siebzig Mal pro Saison bezaubert Christian seine Fans im Handstreich. So wie im englischen Donington. Er gibt alles, inszeniert als Einziger seinen Auftritt mit der Ducati Monster und einer Gas Gas-
Trialmaschine im Wechsel. Sieht den Auftritt ganz klar als Wettkampf. Doch der Portugiese Humberto Ribeiro, schon beim ersten WM-Auftritt in Tschechien nur haarscharf hinter dem Allgäuer gelandet, taktiert. Riskiert mit weniger anspruchsvollen, dafür aber ungewohnten Sequenzen viel – und wird tatsächlich besser bewertet. Er gewinnt die Weltmeisterschaft.
Christian Pfeiffer schluckt es tapfer. Immerhin: Der Titel des Vizeweltmeisters macht sich auf der Visitenkarte auch nicht schlecht.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel