Supebike-WM Magny-Cours/F (Archivversion) Alte Kammeraden

Seit neun Jahren ist Troy Bayliss eine Institution in der Superbike-WM. Drei Titel gewann der Australier in dieser Zeit für das Ducati- Werk. Von Anfang an war Noriyuki Haga sein Lieblingsgegner, natürlich auch im 2008er-WM-Finale in Magny-Cours. Jetzt tritt Bayliss als Champion ab, und der Japaner folgt ihm als Nummer eins im Ducati-Werksteam.

Seit der Superbike-WM-Saison 2000 erlebt Troy Bayliss immer wieder das Gleiche. Damals, zu Saisonbeginn, holte der Australier nach harzigem Einstand als unverhoffter Nachfolger des durch eine Verletzung zum Rücktritt gezwungenen Superhelden Carl Fogarty in Hockenheim seinen ersten Sieg. "Nach einem äußerst heftigen Kampf mit einem japanischen Yamaha-Fahrer namens Noriyuki Haga", grinst Bayliss heute.

So gesehen hat sich in der Weltmeisterschaft bis heute kaum was geändert. Denn der inzwischen 39-jährige Bayliss und Nitro-Nori Haga, auch schon 34 Lenze alt, bekämpfen sich nach kaum noch zu zählenden Duellen auch weiterhin bis auf den allerletzten Millimeter, ohne dass es dabei jemals zu Unfreundlichkeiten zwischen den beiden Kampfhähnen gekommen wäre. "Die Auseinandersetzungen mit Haga sind bei aller Härte absolut fair", erklärt Meister Bayliss, "und nur, weil wir das wissen, können wir überhaupt derart in den Infight gehen. Trotzdem weißt du vorher nie, wer das bessere Ende für sich hat", untertreibt Bayliss, hat er doch in Magny-Cours seinen dritten WM-Titel geholt, als Zweiter des ersten Rennens hinter einem überlegenen Noriyuki Haga.

Der Japaner selbst hat Bayliss drei WM-Gesamtsiegen lediglich den wegen eines leichtsinnigen Dopingvergehens am grünen Tisch verlorenen Titel im Jahr 2000 entgegenzusetzen. Und die Begründung ist klar. Haga ist im Vergleich der beiden Superbike-WM-Platzhirsche das geniale Vollgastier, das gelegentlich, zum Beispiel im ersten Rennen von Magny-Cours wie bei beiden Rennen in Vallelunga zwei Wochen zuvor, schlicht unschlagbar ist, aber auch ganz erhebliche Formschwankungen aufzuweisen hat.

Troy Bayliss dagegen gilt als auf höchstem Niveau extrem konstanter und überlegter Fahrer. "Nach dem ärgerlichen Sturz vor zwei Wochen in Vallelunga, der den vorzeitigen WM-Sieg verhinderte, habe ich zusammen mit meinem Teamchef Davide Tardozzi für Magny-Cours eine glasklare Losung ausgegeben: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen."

Routinier Bayliss hielt sich eisern an diese Vereinbarung. Im ersten Rennen ließ er den am Rande der Unwiderstehlichkeit zaubernden Haga an der Spitze gewähren, rollte als sicherer Zweiter und damit neuer Champion ins Ziel. Und freute sich schon aufs zweite Rennen: "Für die letzten drei Superbike-WM-Rennen meiner Karriere, das zweite hier und die anderen beiden Anfang November in Portugal, gibt es keine Sachzwänge mehr", feixte der neue dreifache Weltmeister, der sich ab dem kommenden Jahr in der australischen V8-Supertourenwagen-Meisterschaft versuchen will.

Die gut 50000 Fans, die den Weg tief in die zentralfranzösische Provinz gefunden hatte, durften anschließend genießen, was dies bedeuten sollte. Wieder zusammen mit seinem Spezialfreund Haga brannte Bayliss ein unglaubliches Feuerwerk ab. Trotz zahlloser, zum Teil schlicht unglaublicher Führungswechsel enteilten die beiden dem restlichen Feld. Nachweisliche Weltklassefahrer wie Hagas Yamaha-Teamkollege Troy Corser, immerhin Superbike-Weltmeister von 1996 und 2005, der spansiche Ten-Kate-Honda-Kampfstier Carlos Checa oder Deutschlands Zukunftshoffnung Max Neukirchner auf der Alstare-Suzuki hatten noch nicht einmal das Nachsehen.

"Einfach unglaublich", war Bayliss von der eigenen Vorstellung beeindruckt, "jeder von uns beiden hatte immer eine Antwort auf das, was der andere gerade versuchte." Im entscheidenden Moment aber zauberte der alte Fuchs Troy Bayliss einen Trick mehr aus der Kiste als Renn-Samurai Haga. Und noch dazu einen, den er vorher gar nicht aus-probiert hatte. In einer auf den ersten Blick unscheinbaren Rechtskurve, in der über beide Rennen gerechnet 42 Runden lang überhaupt nichts passiert war, presste der Australier seine Werks-Ducati 1098 an Hagas Yamaha R1 vorbei und konnte dieses wunderbare Duell mit einem Sieg krönen. "So völlig cool und wohlüberlegt, wie es ausgesehen hat, war es dann auch wieder nicht", gab Bayliss im Ziel zu. "Und mir war zwar klar, dass ich Nori nur schlagen konnte, wenn ich die Entscheidung nicht in einer der Kurven suche, wo wir uns vorher so intensiv gerauft haben. Denn dort hätte er immer ein Gegenmittel gewusst. Aber wenn gegen einen so starken Gegner praktisch die Hälfte der Runde als Erfolg versprechender Angriffsraum ausfällt, darfst du nicht mehr so wählerisch sein. Ich musste einfach auf die kleinste Chance warten und dann an einer Stelle zuschlagen, wo ich mir aufgrund der Runden unmittelbar davor einigermaßen Erfolgschancen ausrechnen konnte."

Haga, der wohl auch wegen des neuen, elektronisch unterstützten Öhlins-Fahrwerks an seiner R1 extrem stark auf der Bremse agieren konnte, war im Ziel tatsächlich beeindruckt: "Ich wusste, dass Troy im zweiten Rennen, ohne den Druck, den WM-Titel gewinnen zu müssen, bedeutend stärker auftrumpfen würde. Trotzdem hatte ich das Gefühl, die Geschichte zu kontrollieren. Sein Überholmanöver war absolut meisterlich."

Mit großem Respekt also begibt sich Noriyuki Haga in die Fußstapfen des dreifachen Weltmeisters, denn Ducati-Teamchef Davide Tardozzi hat sich für 2009 die Dienste des Japaners als Bayliss-Nachfolger gesichert. Und die Mission dabei ist für beide Seiten klar: Der Superbike-WM-Titel von Troy Bayliss soll unbedingt im Hause Ducati bleiben, Noriyuki Haga also endlich seine erste Weltmeisterschaft gewinnen. Etwaige Widersacher im WM-Streit 2009, allen voran Max Neukirchner, waren in Magny-Cours als Fünfter und Zehnter leider nicht in Schlagdistanz.

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