Superbike: Max Neukirchner siegt zum ersten Mal (Archivversion) Jetzt geht's los

Zum allerersten Mal in der Geschichte der Superbike-WM siegte mit Max Neukirchner ein deutscher Fahrer – und das ausgerechnet noch in Monza, wo der deutsche Motorsport bisher fast nur Tragödien erleben musste und mit Noriyuki Haga ein vermeintlich unschlagbarer Platzhirsch herrschte.

Fast 21 Jahre lang ist es nicht passiert – und jetzt wollen es alle kommen gesehen haben: den ersten Sieg eines deutschen Fahrers in der Geschichte der Superbike-WM überhaupt. Zugegeben, Max Neukirchner war reif für den großen Erfolg. Schon in Valencia Anfang April wurde er nur durch die hirnlose Last-Minute-Abräum-Aktion des spanischen Honda-Fahrers Carlos Checa in der letzten Kurve des Rennens vom Triumph abgehalten. Dazu verfügt er über eine bärenstarke Alstare-Werks-Suzuki GSX-R-1000, deren überlegene Höchstgeschwindigkeit ihn im Wortsinne zum Sachsenpfeil macht und auf einer Bahn wie Monza, wo das Durchschnitttempo pro Runde an der 200-km/h-Marke nagt, zum natürlichen Favoriten.

Aber: Die älteste aktuell noch genutzte Rennstrecke der Welt hat andere Gesetze als die heute weit verbreiteten Retortenbahnen. Zwar wollen wir nicht die knorrigen Eichen im königlichen Park von Monza bemühen und schon gar nicht, was die alles an Rennsport-Historie erzählen könnten – wenn sie denn könnten. Doch Tatsache ist: Monza war bisher nicht unbedingt ein guter Platz für den deutschen Rennsport. Mit Wolfgang Graf Berghe von Trips im Jahr 1961 und Jochen Rindt 1970 – ja, er war Österreicher, aber nicht nur als gebürtiger Mainzer lange vor der Schumi-Zeit unser aller Held – starben hier zwei Ikonen der deutschen Fans.

Ganz abgesehen von der schwierigen Strecke gibt es dann auch noch Noriyuki Haga und Troy Bayliss. Der überlegene Superbike-WM-Tabellenführer aus Australien hatte seine Werks-Ducati 1098 F08 auf die Pole Position gejagt. Obwohl der 1200-cm?-Zweizylinder in der Spitzenleistung den 1000er-Vierern aus Japan nicht ganz ebenbürtig ist, zeigte sich Bayliss während der Trainingstage als Einziger in der Lage, das von Max Neukirchner vorgelegte Tempo mitzugehen.

Und Nitro-Nori Haga ist in Monza zu Hause. Er hat sein Europa-Quartier nur wenige Kilometer entfernt aufgeschlafen. Sein Yamaha-Italia-Team sitzt einen Steinwurf von der Strecke entfernt, weshalb Hagas für einen Japaner ganze erstaunliche Italienisch-Kenntnisse vom typisch lombardischen Singsang-Zungenschlag geprägt sind. Außerdem hat er hier im Vorjahr zweimal gewonnen.

Trotzdem redeten vor dem Start zum ersten Rennen alle von Neukirchner. Und auch Max hatte wohl am Sonntagmorgen eine klare Ahnung, dass der historische Tag für einen deutschen Superbiker gekommen war. „Max ist einer der coolsten Hunde unter den Rennfahrern, die ich kenne“, berichtete seine persönlicher Trainer Mario Rubatto, „aber heute morgen war er richtig nervös, wollte nichts frühstücken und so weiter.“

Bei der Startaufstellung selbst herrschte dann ein völlig anderes Bild. Max Neukirchner stellte seine GSX-R 1000 auf den zweiten Startplatz in Reihe eins und verschwand mit fröhlichen Grinsen noch mal kurz in seiner Box.

Aber auch die Kollegen in der ersten Reihe demonstrierten geballte Entspannung. Pole-Mann Bayliss scherzte mit seinem Cheftechniker Ernesto Marinelli übers Wetter und ob der wie ein Damokles-Schwert angekündigte Regen denn nicht doch noch kommen würde. Anschließend begrüßte er herzlich zwei private Freunde, die sich bis in die Startaufstellung durchgemogelt hatten.

Haga gab derweil, vielleicht vier Minuten vor dem Start, noch lockere Fernseh-Interviews, in lombardischem Italienisch, versteht sich. Keine Rede von heftigster Anspannung vor einem ganz besonders harten Rennen, das bereits in der ersten Kurve, dieser furchtbaren Erster-Gang-90-Grad-Rechts zu Beginn der Schikane Rettifilo, vorbei sein kann, wenn irgendeiner beim Anbremsen die Nerven verliert. Oder von den alle Sinne im Übermaß beanspruchenden Windschatten-Manövern, von in jeder Rennsekunde höchster Konzentration oder rennstrategischer Übersicht.

Es sah vielmehr nach einem fröhlichen Sommerausflug aus in der Startaufstellung, bei dem die einzige Sorge, wir erinnern uns an Bayliss, das drohende Regenwetter war – was, so viel vorweg, nicht kam.

Die Ernsthaftigkeit kehrte allerdings schlagartig zurück, als die Helmvisiere geschlossen wurden. Natürlich saß Max Neukirchner pünktlich wieder auf seiner Rennmaschine. Und spätestens, als er nach noch nicht mal einer halben Runde und gewaltig verpasstem Bremspunkt in der Roggia-Schikane abkürzen musste, war auch den selbstgefällgsten Optimisten im deutschen Fan-Lager schlagartig klar geworden, dass die zwingende Vorhersage eines Rennsiegs ganz allgemein und erst recht in Monza eher in die Abteilung Kaffeesatz-Leserei gehört.

Max indes behielt die Spielübersicht, ordnete sich regelkonform auf dem dritten Rang hinter seinem aus der zweiten Reihe blitzartig gestarteten Alstare-Suzuki-Kollegen Yukio Kagayama sowie Bayliss wieder ein und vemied so eine Boxendurchfahrtsstrafe.

Glücklicherweise fand der Sachse sofort zu seiner Konzentration zurück und konnte im weiteren Verlauf andeuten, dass er strategisch perfekt auf das Rennen eingestellt war. „Ganz wichtig ist in Monza, dass du nicht blindwütig in den Windschatten des Vordermanns reindonnerst“, referierte Coach Rubatto noch während sein Schützling auf der Strecke war, „durch die Länge der Geraden hier solltest du am Anfang rund 20 Meter Rückstand haben. Erst dann funktioniert die Sogwirkung perfekt, und du kommst an der richtigen Stelle mit Geschwindigkeitsüberschuss am Gegner vorbei. Wenn du zu nah dran bist, läufst du zu früh auf und kannst kaum schneller fahren als der vor dir. Aber Max weiß das“, beruhigte Rubatto alle Skeptiker, „wir haben das im Vorfeld genauestens analysiert.“

Tatsächlich zeigte Neukirchner einige solche Manöver in Perfektion, während insbesondere Haga, der sich im Laufe des Rennens zusammen mit Neukirchner und Bayliss von Kagayama und dem Rest der Welt absetzen konnte, ganz dicht an die Konkurrenten ranging. „Ich hatte einen geringen Leistungsnachteil gegenüber Neukirchners Suzuki“, erklärte der Japaner seine etwas andere Renntaktik, „da musste ich schauen, dass ich überhaupt dabei bleibe, und mein Heil auf der Bremse suchen.“ Troy Bayliss dagegen schien zwar den Kontakt zum Spitzenduo halten zu können, war allerdings nicht mal mit Verzweiflungstaten in der Lage, Siegansprüche anzumelden.

Die Karten waren also verteilt für das Finale des ersten Laufs. Das Gemeine bei Rennen in Monza ist, dass es in der Schlussphase keine Geheimnisse mehr gibt, wenn sich die Herren Fahrer 17 Runden lang beharkt, belauert und provoziert haben. So galt diesmal: Neukirchner hatte das schnellste Motorrad, musste folglich auf der Geraden vor der trickreichen Parabolica-Zielkurve klar vor dem Bremspunkt an Haga vorbei, um sauber als Führender durch die sich allmählich öffnende Rechtskurve in Richtung der sehr früh kommenden Ziellinie zu ziehen.

Haga dagegen musste alles tun, um sich als brutalstmöglicher Bremser, der er ist, an Max vor der Parabolica vorbeizuzwängen, um dann die kurze Kampflinie zur Ziellinie zu finden. Bayliss konnte nur hoffen, dass sich die beiden irgendwie vertun und er dann eventuell abstauben kann.

Die besten Karten hatte somit Max Neukirchner, und er wusste es. Schon ausgangs der Ascari-Schikane passte der Vorsprung auf Haga, der Japaner kam nicht mehr heran. Max bog als Erster in die Parabolica ein, und der historische erste deutsche Superbike-WM-Sieg war perfekt. „Natürlich war es eine nervenzerfetzende Geschichte mit Haga, Bayliss und anfangs ja auch noch meinem Teamkollegen Kagayama, aber die Strategie war klar, und ich konnte sie perfekt umsetzen“, jubelte Neukirchner im Ziel. „Das lag vor allem daran, dass meine Crew um meinen Chefmechaniker Sébastien verdammt gut gearbeitet und mir ein Motorrad hingestellt hat, das einen Tick besser war als die anderen.“

Mitten in der Euphorie behielt übrigens Alstare-Teambesitzer Francis C. Batta ebenfalls die Spielübersicht. „Heute abend werden wir mit Max einen Vertrag unterschreiben, der ihn bis einschließlich 2010 an uns und Suzuki bindet“, erklärte der clevere Belgier fast beiläufig, während der Rest in der Alstare-Box längst in eine Jubelorgie verfallen war.

Inzwischen ist der Neukirchner-Suzuki-Deal perfekt, BMW muss sich zumindest vorerst eine andere Superbike-Gallionsfigur suchen. Alles war gut im Neukirchner-Lager, und auch der zweite Platz im zweiten Rennen, nur neun Tausendstelsekunden hinter Haga, wurde wie ein Sieg gefeiert, hatte Max doch den Silberrang nach einem leichten taktischen Fehler zu Beginn der letzten Runde quasi noch auf der Ziellinie gegen den Japaner Kiyonari auf Honda erkämpft.

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