Superbike: Tracktest Ten-Kate-Honda Fireblade (Archivversion) Spätzünder

Zu Beginn der WM-Saison 2008 hatte die neue, werksunterstützte Ten-Kate-Honda Fireblade deutlichen Entwicklungsrückstand gegenüber der Konkurrenz. Doch dann kam das japanische Superbike aus Nordholland umso gewaltiger. MOTORRAD-Tester Jürgen Fuchs durfte es erfahren.

Am Anfang war die Skepsis. Wobei Ronald ten Kate, Mitbesitzer des gleichnamigen Honda-Superbike- und Supersport-Teams, die eher mäßigen Resultate seiner drei neuen Superbiker beim Saisonauftakt Ende Februar 2008 in Qatar zunächst recht gleichgültig hinnahm – Carlos Checa war mit einem sechsten Rang noch der Beste. „Die völlig neuen Basis-CBR-1000-RR-Fireblade wurden erst Mitte Dezember geliefert. Da fängt die neue Saison natürlich mit gehörigem Rückstand an“, erklärte der Niederländer damals, „wir werden wohl erst in der Europa-Saison ab April in Valencia konkurrenzfähig sein.“ Nicht gerade das, was man vom Titelverteidiger erwartet. Ten-Kate-Honda hatte 2007 als erstes Team überhaupt sowohl die Superbike- wie die Supersport-WM gewonnen.

Der Ten-Kate-Finanzchef sollte Recht behalten. Pünktlich in Valencia zeigte Carlos Checa zum ersten Mal die beeindruckende Aufholjagd, die im restlichen Saisonverlauf sein Markenzeichen werden sollte. Der Spanier startete schlecht, um danach alles in Grund und Boden zu fahren, was der deutsche Superbike-Held Max Neukirchner in Valencia leider am eigenen Leib erfuhr: Checa nahm ihn im Kampf um den Sieg in der letzten Kurve mit in den Staub.

Schuldzuweisung hin, spätere Versöhnung her: Mit diesem Paukenschlag war Ten Kate wieder im Superbike-WM-Geschäft. Fünf Siege folgten, zwei von Checa, drei vom Japaner Ryuichi Kiyonari.

Das Geheimnis für den späten Erfolg der Fireblade ist wohl zweigeteilt. Zum einen verfügt die Honda über die im Superbike-WM-Vergleich wohl ausgefeilteste Elektronik. Ex-250er-Grand-Prix-Star und MOTORRAD-Testfahrer Jürgen Fuchs konnte dies schon nach wenigen Runden auf der neuen Rennstrecke im portugiesischen Portimão bestätigen: „Beim Beschleunigen zum Beispiel greift die Elektronik in perfekter Weise ein. Das Vorderrad hebt sich kaum mehr als fünf Zentimeter vom Boden, dann greift die Wheelie-Kontrolle ein. Trotzdem findet sich im nutzbaren Drehzahlband der Fireblade nicht die kleinste Delle. Der 1000er-Honda-Vierzylinder hat im unteren Bereich fast den Druck des in dieser Disziplin eigentlich überlegenen 1200er-Ducati-Twins. Und dreht trotzdem kraftvoll in höchste Regionen, wie es von einem 1000er-Vierer zu erwarten ist.“

Das elektronische Motormanagement und die äußerst fein agierende Traktionskontrolle machen die individuelle Abstimmung des aktuellen Honda-Superbikes zur komplexen Aufgabe. Der Fahrer kann mittels Drucktasten am linken Lenkerstummel in sämtliche elektronischen Fahrprogramme eingreifen, auch in die Anfahrhilfe, die sich vor allem für Spätstarter Checa im Laufe des Jahres als großer Vorteil erwies.

Den zweiten Teil zum gelungenen Gesamtwerk trägt das Fahrwerk bei. Weil elektronische Hilfen, wie vorab programmierbare variable Einstellungen für Gabel und Federbein, mit denen auch Ten Kates Ausrüster-Partner WP Suspensions expe-rimentierte, inzwischen für die Superbike-WM verboten sind, tritt bei Ten Kate das Spiel mit bis zu vier verschiedenen Hinterradschwingen in den Vordergrund. Jürgen Fuchs fuhr die Fireblade mit der Startnummer 65, wie sie einen Tag zuvor Ten-Kate-Junior und Supersport-Vizeweltmeister Jonathan Rea bei seinem allerersten Superbike-WM-Rennen auf den hervorragenden vierten Rang getrieben hat.

Fuchs, der auch in seinen besten Grand-Prix-Zeiten nicht zu den brutalsten Verzögerern gehörte, musste feststellen: „Die sehr straffe Abstimmung eines Spätbremsers wie Rea zwingt zu einem recht harten, aggressiven Fahrstil, anders bekommst du die Fuhre nicht in die Kurve.“ Fuchs weiter: „Die straffe Gesamtabstimmung ist konsequent durchgehalten. Aber ich bin sicher, dass sich die Fireblade mit dem hervorragenden Motor, der sehr gut funktionierenden Elektronik und einem grundsätzlich gut ausbalancierten Fahrwerk sehr unterschiedlichen Fahrern erfolgversprechend anpassen lässt.“

Genau in diese Richtung arbeitet die Ten-Kate-Crew derzeit noch mit ihrem Bauchladen an Schwingen. Gleich drei verschiedene Teile von KR, dem Spezialhersteller im Besitz des legendären 500er-Ex-Weltmeisters Kenny Roberts, mit jeweils unterschiedlichen Steifigkeitsgraden stehen den drei Fahrer Carlos Checa, Ryuichi Kiyonari und Jonathan Rea bisher und auch in der Wintertestsaison zur Verfügung. Außerdem können sie die auch für andere Honda-Teams erhältliche Superbike-Kit-Schwinge der Honda Racing Corporation HRC wählen. „Doch nach den Erfahrungen in diesem Jahr werden wir uns bemühen, am Ende der Wintertests unsere drei Fahrer auf einen Nenner zu bringen“, hofft Ronald ten Kate, „denn die große Varianz bei den Schwingen setzt sich naturgemäß in komplizierterer Arbeit mit den Hebelumlenkungssystemen und der Vorderradgabel fort. Dabei ist die Gefahr, sich zu verzetteln, mindestens so groß wie die Aussicht auf etwaige Vorteile durch die extrem vielfältigen Setup-Möglichkeiten.“

Auf jeden Fall wird das Ten-Kate-Trio beim Superbike-WM-Auftakt 2009 im März in Phillip Island an der Südspitze Australiens besser vorbereitet antreten als dieses Jahr. Wohin das führen kann, hat das Team 2007 mit zwei Weltmeistertiteln gezeigt.

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