Superbike- und Supersport-WM in Phillip Island/AUS (Archivversion) Glanz und Konstanz

Zwei Australier namens Troy setzen zu Beginn der Superbike-WM 2006 die Glanzlichter: Bei ihrem Heimrennen auf Phillip Island holten sich Suzuki-Pilot Troy Corser und Ducati-Triber Troy Bayliss je einen Sieg. Das heißt aber keineswegs, dass die beiden den Kampf um den Titel unter sich ausmachen werden. Denn sowohl das halboffizielle Ten-Kate-Honda-Team mit James Toseland als auch MotoGP-Umsteiger Alex Barros auf der Klaffi-Honda punkten beständig und sind in der Zwischenwertung dicht an der Spitze dran. Sollten die Yamaha-Stars Noriyuki Haga und Andrew Pitt die Abstimmung ihrer Renngeräte noch etwas besser hinkriegen, wird die Superbike-WM diesen Jahres die beste seit langem.

Troy Corser gewann den ersten Superbike-WM-Lauf in Australien und wurde übermütig. »So wie Troy Bayliss losgezischt ist, dachte ich mir gleich, dass das nicht gut gehen kann. Und siehe da: Er hat seinen Hinter-
reifen verheizt«, lachte sich der Weltmeister
ins Fäustchen. Corsers großer Herausforderer
hatte tatsächlich vom Start weg die Flucht ergriffen. Ab Rennmitte schmolz sein Vorsprung allerdings schnell wieder zusammen. Bayliss wurde einge- und überholt, von Corser und nicht weniger als vier weiteren Kollegen.
Dass er etwas falsch gemacht haben soll-
te, wollte der Ducati-Star nicht auf sich sitzen lassen. »Polemik ist nicht meine Sache, doch
anscheinend sind wir schon mitten drin«, knirschte er. »Wir haben gestern quasi eine Rennsimulation mit diesem Reifen gemacht, und er hielt wunderbar durch. Gott hat mir heute einfach eine grausam schlechte Karte zugespielt. Was Corser angeht: Wenn er hätte schneller fahren können, hätte er das sicher auch getan.«
Im zweiten Lauf zeigte sich, dass Corser tatsächlich keine Reserven mehr hatte. Und dass Übermut selten gut tut. Denn obwohl Bayliss bei dieser Gelegenheit den härtesten Hinterreifen drauf hatte, der bei Pirelli zu finden war, fuhr er abermals schneller und überholte Corser, der diesmal zunächst vorn lag, locker schon in der dritten Runde. Eine Runde später stürzte Corser in einer engen Rechtskurve und wäre dabei um ein Haar von Alex Barros überfahren worden – der Brasilianer rasierte mit dem Vorderrad über das Nackenpolster von Corser und riss die Lederkombi mit der Fußraste auf. Wie durch ein Wunder kam Corser unverletzt davon »Es sind nur Prellungen. In zwei Wochen bin ich wieder fit«, ließ er aus dem Albert-Hospital in Melbourne wissen.
So erlebten beide australische Stars Licht und Schatten bei ihrem Heimspiel. Ein Patt, mit dem die Namensvettern in ihrem Bruderkrieg um den WM-Titel 2006 zufrieden sein konnten.
Doch die Vormachtstellung von Corser und Bayliss, von Suzuki und Ducati, bröckelt.
Offiziell ohne Werksteam, schiebt sich Honda durch die Hintertür ins Rampenlicht, immer energischer, immer auffälliger. So blieb James Toseland, Laufsieger beim Saisonauftakt in Qatar, mit zwei Podestplätzen auf Tuchfühlung mit WM-Leader Bayliss. »Wir waren das ganze Wochenende mit vorn dabei, und jetzt fehlt
uns nur ein Punkt zur Spitze. Keine schlechte Ausgangsbasis«, rieb sich der 25-jährige britische Hobby-Pianist die Hände.
Verstärkung erhält Honda von Alex Barros, der nach 20 Grand-Prix-Jahren ohne Titel
eigentlich nur noch eines will: endlich irgendwo Weltmeister werden. Wie Toseland holte Barros zwei Podestplätze auf Phillip Island, doch während Toselands 214 PS starke Ten Kate Honda perfekt vorbereitet war, steckt Barros’ Klaffi-Honda-Team noch ganz am Anfang mit der
Abstimmung. »Für uns war dieses Rennen wie ein Test. Wir bauten eine andere Gabel und Hinterradschwinge ein und starteten mit dem Set-up bei null. Daran gemessen sind diese beiden Podestplätze für uns wie ein Doppelsieg«, freute sich Cheftechniker Stefan Kurfiss.
Bis Ende Januar hatte Barros erfolg-
reich um einige Spezialteile aus Hondas Technik-Schatztruhe gepokert. »Wir wollen dich in der Superbike-WM«, bot Honda-Europa-Rennmanager Carlo Fiorani schon nach dem
letztjährigen GP-Finale in Valencia an. »Ich will Werksunterstützung«, hielt Barros dagegen.
Er setzte sich durch. Die Gabel der Moto-
GP-Maschine RC 211 V wurde nach Australien geliefert; die nächste Stufe wird mit einem
privaten Motortuning in Belgien gezündet. Im Sommer, nach dem Acht-Stunden-Rennen von Suzuka, ist wieder Honda am Zug: Dann sollen neue, elektronische Fahrhilfen kommen.
Barros steht bei Klaffenböck auch für den Großteil des Teambudgets gerade. Im Gegenzug überließ ihm Klaffi 80 Prozent der Werbefläche – und es besteht kaum mehr Zweifel daran, dass sich der clevere Brasilianer refinanzieren wird. Petrobras heißt eines der beiden Unternehmen, mit denen Barros verhandelt, ein brasilianischer Mineralölkonzern. »Für mich ist die Superbike-WM kein leiser Ausstieg aus dem Rennsport, sondern ein Einstieg mit hundertprozentigem Einsatz. Ich will den Titel, und ich will etwas aufziehen, das Bestand hat.« Weil er selbst nur noch zwei, drei Jahre fahren möchte, hat der 35-Jährige bereits einen 15-jährigen Nachwuchspiloten namens Luizinho im Auge, der ihn eines Tages ersetzen könnte.
Kommen die Honda-Piloten in der Super-
bike-WM erst richtig in Schwung, so zeigt
sich der weltgrößte Motorradhersteller in der Supersport-WM bereits überlegen: Sébastian Charpentier feierte in Australien den zweiten Sieg im zweiten Rennen und hielt den Yamaha Deutschland-Piloten Kevin Curtain abermals souverän in Schach.

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