Superbike-WM auf dem Eurospeedway Lausitz (Archivversion) Knapp vorbei, Troy

Troy Bayliss hätte nur sein Punktepolster verwalten müssen, um schon in der Lausitz Superbike-Weltmeister zu werden. Doch er patzte, und Noriyuki Haga und James Toseland bleiben im Rennen.

Es war eine Formsache. Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss kam mit 100 Punkten Vorsprung zum deutschen Gastspiel der Superbike-WM auf dem Eurospeedway Lausitz. Und genau dieser 100-Punkte-Abstand auf Ten-Kate-Honda-Fahrer James
Toseland und Yamahas Superhelden Noriyuki Haga, der weitere zwei Pünktchen zurücklag, hätte Bayliss vorzeitig zum Superbike-Weltmeister 2006 gemacht – wäre er am Sonntag nach den beiden Rennen in der südbrandenburgischen Abendsonne noch erhalten gewesen.

Doch der Superbike-Champion von 2001 patzte. Schnellste Motorradrunde aller Zeiten in der Lausitz, überlegene Pole Position, sichere Führung im ersten Rennen – Troy Bayliss ließ keinen Zweifel daran, dass er auf dem zügigsten Weg zum Titel wandelte. Freilich nur bis in die fünfte Runde des ersten Rennens: »Ich kam in einer eigentlich leichten Rechtskurve zu weit nach innen, fuhr auf die Kerbs, und schon war das Vorderrad weg.«

Bayliss brachte seine Ducati wieder in Gang, musste aber auf dem Weg zu Rang sieben im Ziel noch einmal über die Wiese, da ausgerechnet sein Teamkollege Lorenzo Lanzi, dessen Zukunft als Ducati-Werksfahrer alles andere als sicher ist
(siehe auch Seite 126), eben diesen siebten Platz mit dem Messer zwischen den Zähnen verteidigen wollte.
Eine zentrale, jedoch ebenfalls problematische Figur im Transfer-Karussell ist
Alstare-Corona-Extra-Suzuki-Fahrer Yukio Kagayama. Er konnte in den letzten beiden Runden Haga wie auch seinen Teamkollegen Troy Corser, bereits als Weltmeister entthront, niederringen und das Rennen gewinnen. Noch-Nicht-Champion Bayliss geriet derweil ins Visier der Häme. »Wieso ist der so nervös?« rätselte man in mancher Konkurrenz-Box.
Bei Ducati selbst wurde fast schon
demonstrativ Ruhe zur Schau getragen. »Ich brauche nur einen etwas härteren Hinterreifen für das zweite Rennen«, so Bayliss, »dann sollte alles klargehen.« Auch Teamchef Davide Tardozzi bemühte sich um Gelassenheit, selbst als Bayliss nach der Besichtigungsrunde zum zweiten Rennen statt in der Startaufstellung in der
Box auftauchte: »Troy wollte nicht auf die Ersatzmaschine umsteigen, so haben wir das gestürzte Motorrad repariert und nach der Besichtigungsrunde noch mal gecheckt. Wenn Troy jetzt gewinnt und Haga nur Dritter wird, haben wir es gepackt.«
Was Tardozzi in seinem Optimismus verschwiegen hatte: Troy Bayliss’ Wunsch nach einer härteren Hinterradmischung konnte nicht erfüllt werden – weil Pirelli zumindest in der Lausitz schlichtweg nichts Härteres mehr zu bieten hatte.
Bayliss hatte es auf seinem Weg zum vorzeitigen Titelgewinn im zweiten Lausitz-Rennen genau mit den beiden Herren zu tun, welche die WM-Party aufschieben konnten, indem sie ihre eigenen, wenn auch nur noch sehr geringen Chancen
aufrecht erhielten. James Toseland und
Nitro-Nori Haga setzten sich mit Blitzstarts sofort an die Spitze des Feldes und entschwanden zusammen mit Bayliss dem Rest der Superbike-Welt, nachdem der alte Weltmeister Corser durch eine Boxendurchfahrtsstrafe wegen Frühstarts weit zurückgeworfen worden war.
Troy Bayliss sah in diesem hochkarätigen Trio gegen Rennmitte wie der Chefkontrolleur aus, der am Ende sicher noch zulegen kann. Doch drei Runden vor Schluss ließ er plötzlich abreißen, fuhr schließlich mit einem Rückstand von drei Sekunden hinter Sieger Toseland und Haga und vor allem noch nicht als Weltmeister durchs Ziel. »Wir hatten es ja
geahnt«, so der Drittplazierte, »der Hinterreifen hat am Ende brutal abgebaut.«
Zur verdorbenen WM-Feier war dagegen nichts Bedauerndes zu hören. »Okay, wir haben hier einige Punkte verloren
und konnten den Sack nicht zumachen«, erklärte Tabellenführer Bayliss, »jetzt steigt die Feier halt in Imola. Ich denke, dass
ist für Ducati insgesamt sowieso viel besser, nur 30 Kilometer vom Werk entfernt. Da können dann alle Mitarbeiter kommen. Einen Titel bei einem echten Heimspiel
zu gewinnen ist etwas ganz Besonderes. Speziell bei uns im Motorrad-Sport passiert das schließlich nicht allzu oft.«
Böse Zungen könnten nun behaupten, die Roten und vielleicht sogar Pirelli hätten als gute Italiener insgeheim auf dieses Ziel hingearbeitet. Doch Vorsicht, obwohl Troy Bayliss selbst im ungünstigsten Fall, also bei einem Sieg Hagas, ein vierter Rang im ersten Imola-Rennen zum Titel reichen würde: Imola ist kein gutes Pflaster für Bayliss. 2002 verlor er dort beim Finale seinen WM-Titel noch an Honda-Fahrer
Colin Edwards, obwohl er in der damaligen Saison 14 Rennen gewonnen hatte.
Die Widersacher, James Toseland, Weltmeister im Jahr 2004, und Noriyuki Haga, 2000 wegen eines dummen Doping-Vergehens am Titel vorbeigestolpert, geben sich auf jeden Fall kämpferisch. Der Brite Toseland übernimmt die Rolle des Sprechers der Herausforderer: »Natürlich wissen wir, dass die Chancen nur noch sehr gering sind, aber wir werden auch
in Imola von uns aus alles tun, um
die Entscheidung im WM-Kampf so lange
wie möglich offen zu halten. Sollten wir es schaffen, die Sache bis zum Finale nach Magny-Cours zu tragen, ist alles möglich.«
Wie sein australischer Landsmann Bayliss kann auch Supersport-Fahrer Kevin Curtain den WM-Titel vorzeitig sichern. Der 40-jährige Yamaha-Deutschland-Held fuhr aus der Pole Position ein kontrolliertes Rennen, ließ schließlich dem Ten-Kate-Honda-Junior Kenan Sofuoglu den Vortritt, der damit nach seinem Premieren-Sieg eine Woche zuvor im niederländischen Landregen von Assen gleich zum zweiten Mal ganz oben auf dem Treppchen stand. Sofuoglus Teamkollege Séb Charpentier, Titelverteidiger und die eigentliche Honda-Supersport-Nummer-eins, zeigte sich nach seinem schlimmen Testunfall im Juni in Brünn endlich wieder halbwegs in Normalform, schoss allerdings im Rennen einen schier unglaublichen Bock. Auf Rang fünf eingangs der siebten Runde von der Strecke abgekommen und in den Notausgang, das Highspeed-Oval, gezwungen, scheiterte er an einer Barriere aus Reifenstapeln, die ihn zurück auf die Rennstrecke führen sollte. Obwohl ein riesiger roter Pfeil nach rechts wies, wollte der Franzose zwischen zwei Absperrblöcken durch. Was aber
viel zu eng war für die weiß-blaue Honda CBR 600 RR: Der Meister stak fest. Endlich befreit, nahm er schließlich den viel längeren Umweg über das Oval, war nur noch 31. und gab auf.
Kevin Curtain geht jetzt mit 27 Punkten
Vorsprung auf Charpentier in die letzten beiden Saisonrennen. Sollte der Yamaha-Deutschland-Fahrer auf die Honda-Nummer-eins nur einen Punkt verlieren oder gar vor ihm ankommen, geht möglicherweise auch dieser Titel schon in Imola nach Down under. Und Superbike-WM-Serien-Sponsor Corona-Extra dürfte im Fahrer-
lager mit seinem Bier für einmal gegenüber dem australischen Brauerei-Giganten Foster’s in Umsatzrückstand geraten.

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