Superbike-WM auf dem Nürburgring (Archivversion) Aufbauhelfer

Der altehrwürdige Nürburgring zeigte sich bei seinem Comeback als Superbike-WM-Strecke eher von seiner ungeschminkten Seite. Eine riesige Baustelle sowie Schmuddelwetter beeinträchtigten den Genuss für die Fans ganz gewaltig. Aber Fahrer wie Noriyuki Haga, Troy Corser und Max Neukirchner zeigten mit größtem Einsatz, dass der Ring doch Potenzial hat.

Die Strahlkraft des neuen deutschen Motorrad-Rennsporthelden Max Neukirchner wurde beim Heimspiel am Nürburgring auf eine harte Probe gestellt. Denn die Traditionsrennstrecke präsentierte Neukirchner auf seinem Weg zum Publikumsmagneten beim deutschen Gastspiel der Superbike-WM-Tour 2008 gleich zwei nur schwer zu überwindende Hindernisse. Eines davon kennen wir schon seit über 80 Jahren, und es ist nach wie vor nicht zu beeinflussen: Das unbeständige Eifelwetter zeigte sich wieder einmal von seiner übelsten Seite. Die heftigen und äußerst variantenreichen Wechsel zwischen den Extremen sommerlicher Sonnenschein und Hagel bremsten mit Sicherheit auch eingeschworenere Neukirchner-Fans in ihrem Drang zur Rennstrecke.

Dazu kommt, dass der Nürburgring derzeit die wohl größte Baustelle in ganz Deutschland ist. Unmittelbar neben den Zielgeraden entsteht ein gigantischer Freizeitpark. Die Tribünen in diesem Bereich wurden abgerissen. Stattdessen blickt die aktive Rennsport-Welt von der Boxengasse aus noch bis Juli 2009 auf über zehn Baukräne, Betonskelette und jede Menge zu bewegender Erde. Wenn dann noch die Wetterbedingungen entsprechend sind, ist das Areal nur als Dreck-, Matsch- und Schlammwüste zu bezeichnen.

Genau dort sollten Max Neukirchner und seine Superbike-WM-Freunde ein gewaltiges Rennsport-Fest feiern. Nun ja, sie haben es dennoch versucht. Und zumindest dieser Teil, der Sport und die Show auf der Strecke selbst, dürfen als äußerst gelungen bezeichnet werden. Die leider kaum 15000 Hardcore-Fans jedenfalls, die sich nicht vom Ring-Besuch haben abhalten lassen, waren dann doch begeistert. Denn Neukirchner, als Werksfahrer im Alstare-Suzuki-Team ja noch ein Frischling, hat sich schon während einer halben Saison als feste Größe unter den Spitzenfahrern der Superbike-WM etabliert. So war es für ihn wie auch für die Fans zwar ein Grund zum Jubeln, dass er auf dem Nürburgring die Pole-Position holte, aber eben schon keine Sensation mehr. Auch die beiden dritten Plätze in den beiden Rennen bestätigten sowohl seinen dritten WM-Tabellenplatz als auch seine wachsende Akzeptanz in der Weltklasse, selbst wenn er am Ende in beiden Eifelrennen nicht für den Sieg in Frage kam. Denn ein entfesselter Noriyuki Haga ließ sich an diesem Renntag mit seiner offensichtlich perfekt abgestimmten Werks-Yamaha R1 nicht überwinden.

Vielleicht war dabei kein Zufall, dass für Haga und seinen Yamaha-Kollegen Troy Corser, die vor allem im zweiten Rennen in einem für Teamgefährten außergewöhnlichen intensiven Infight um den Sieg kämpften, fünf Runden vor dem geplanten Ende die Eifel-Wettergötter wieder mal das Zepter übernahmen und mit einem weiteren heftigen Regenguss die Rennleitung zum Abbruch nötigten. Das machte Haga nach überzeugendem Sieg im ersten Rennen vor WM-Tabellenführer und Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss und Neukirchner zum Doppelsieger in der Eifel. Denn gerade diese beiden, Haga und Corser, waren außer dem spanischen Honda-Privatfahrer Gregorio Lavilla, der mit einem Sturz und Rang 14 äußerst diskret blieb, die einzigen Superbiker, welche schon 1999 mitfahren, als die Superbike-WM zum letzten Mal auf dem Nürburgring gastierte.

Während ihres begeisternden Duells im Rennen zwei durchaus erbitterte Gegner, zeigten sich die beiden in der Beurteilung der Strecke ziemlich einig. “Der Ring hat mir schon 1999 gefallen, ich schaffte als junger Yamaha-Werksfahrer Rang sechs“, erinnert sich der Japaner, “und ich mag ihn auch heute noch sehr. Er ist anspruchsvoll und sicher. Die erste Kurve, der Anfang dieses geänderten Abschnittes, ist allerdings sehr speziell: eine knallharte Haarnadel, in die du brutalstmöglich bremsen musst.“ Veteranen-Kollege Corser bestätigte: “Der neue Streckenteil, die Mercedes-Arena, ist ziemlich eigenartig, vor allem gleich die allererste Kurve. Du musst die Ecke blind anfahren, und es geht dabei bergab, bergab, bergab. Dann musst du sehr hart bremsen, wobei es extrem schwer ist, den perfekten Bremspunkt zu finden.“

Offenbar konnten die beiden alten Herren aber mit dieser neuen Problemstellung hervorragend umgehen und sich ansonsten auf ihre Erinnerung verlassen. Denn sowohl Hagas Doppelsieg als auch Corsers Ränge vier und zwei – sein bisher bestes Ergebnis in der WM-Saison 2008 – zeigten ganz klar: Auch wenn er durch seine weitläufigen Sicherheitszonen auf den ersten Blick einen klaren und einfach strukturierten Streckencharakter vortäuscht, gehört der Nürburgring wohl doch zu den schwieriger beherrschbaren Rennbahnen, wenn es um die letzten Zehntel- und Hundertstelsekunden geht. Dies wird weiter bestätigt durch die beiden dritten Ränge von Max Neukirchner, der vielleicht nicht den klassischen Heimvorteil vorweisen konnte wie englische Fahrer in Brands Hatch, Donington Park und Silverstone, aber immerhin 2003 hier bei einem Rennen zur 250er-EM Zweiter geworden war. “Mir ist aufgefallen“, so der Sachsenpfeil, “dass ich auf dem Ring wesentlich weniger Probleme hatte, mich mit dem Superbike auf die neue Strecke einzustellen als zum Beispiel vor zwei Wochen im Miller Motorsports Park in den USA. Möglichweise hat die Erinnerung an das 250er-Rennen damals doch etwas geholfen.“

Mit seinen beiden dritten Rängen ist Neukirchner im Übrigen auch sehr zufrieden. “Natürlich hätte ich gern gewonnen, zumal ich ja jeweils aus der Pole Position gestartet bin. Aber zumindest im ersten Rennen bin ich, vielleicht bis auf eine Zwischenattacke von Haga und Bayliss gegen Rennmitte, immer ganz gut mit den beiden mitgekommen und konnte die gleichen Rundenzeiten fahren. Für Rennen zwei haben wir die Fahrwerksabstimmung geändert und das Vorderrad etwas mehr belastet; das ging leider nach hinten los, sodass ich tatsächlich nicht in den Kampf um den Sieg eingreifen konnte.“

Neukirchners Enttäuschung hielt sich allerdings in Grenzen, denn am Ende waren die Eifelgötter doch wieder auf der Seite des neuen Superbike-Nationalhelden. “Mit dem Motorrad, wie es sich zum Ende des zweiten Rennens anfühlte, wäre ich gegen den von hinten anstürmenden Troy Bayliss und seine Werks-Ducati wahrscheinlich chancenlos gewesen. Aber dann war das Regenwetter mit mir, hat mir mit dem Rennabbruch die Erlösung gebracht und den Podest-Rang gerettet.“

Zu den etwas unglücklichen äußeren Umständen des Heimspiels fiel dem von seinem sportlichen Ergebnis her gut gelaunten Sachsen – immerhin hat er auf seinen direkten Widersacher in der WM-Tabelle, den derzeit zweitplatzierten Ten-Kate-Honda-Fahrer Carlos Checa, der auf dem Ring zweimal Fünfter wurde, insgesamt zehn WM-Punkte aufgeholt – dann auch Versöhnliches ein. “Sicher hat das Wetter viele Fans zuhause gehalten. Aber auf der anderen Seite spüre ich, dass es nicht nur auf der Strecke gewaltig vorangeht, sondern auch mit mir und hoffentlich dem Motorrad-Rennsport in Deutschland insgesamt. Große Boulevard-Zeitungen zum Beispiel wollen auf einmal mehrseitige Interviews mit mir veröffentlichen.“

So stehen die Zeichen gut, sogar für das Superbike-WM-Gastspiel 2009 in der Eifel. Dann hoffentlich vor der brandneuen strahlenden Kulisse des als beispiellos angekündigten Freizeitparks, neuer wunderbarer Tribünen, vielleicht sogar bei gutem Wetter und, wir wagen es kaum zu träumen, vielleicht mit einem WM-Leader Max Neukirchner. Wenn dann immer noch keine Fans kommen, sollen sie den Nürburgring halt zuschütten.

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