Superbike-WM-Auftakt in Losail/Q (Archivversion) Wüstensturm

Wie ein Sandsturm überraschte der gefallene MotoGP-Held Max Biaggi die Superbike-Welt und fand beim WM-Auftakt in Qatar nur im jugendlichen Helden James Toseland einen ebenbürtigen Gegner.

Wird er sie alle eindosen, weil ein MotoGP-Star einfach zu gut ist für die Superbike-Welt? Kann er’s überhaupt noch nach einjähriger, zermürbender Wettkampfpause? Wird er mit seinen diven-haften Launen schon frühzeitig scheitern, auch und gerade im zwar perfekt funktionierenden, glamourös erscheinenden, aber sehr geradlinig und bodenständig geführten Corona-Extra-Alstare-Suzuki-Werksteam?
Das Comeback des Max Biaggi im
internationalen Rennsport, gleichzeitig sein Debüt in der Superbike-WM, warf jede Menge sehr kontroverser Fragen auf.
Einen Teil davon beantwortete der vier-
fache 250er-Weltmeister aus Rom beim Saisonauftakt in der Wüste von Qatar sehr eindrucksvoll. In der Startaufstellung nur von Troy Corser, dem König des Super-pole-Einzelzeitfahrens um die 16 besten Startplätze, bezwungen, brauchte Neueinsteiger Biaggi lediglich knapp fünf Runden, um sich in der Spitze der Superbike-Weltmeisterschaft zu orientieren.
Während die beiden Blitzstarter Corser und Noriyuki Haga auf ihren Yamaha R1 schon früh massive Reifenprobleme bekamen, nutzte Biaggi den Moment, um sich gemeinsam mit Vizeweltmeister James
Toseland auf Ten-Kate-Honda abzusetzen. In der 13. von 18 Runden übernahm der 35-jährige Italiener erstmals die Führung in einem Superbike-WM-Rennen, hatte aber in James Toseland gleich den richtigen Gegner. Der 25-jährige Brite gilt längst nicht mehr als zwar hochtalentierter, aber eher weichlicher Fahrer, der nicht umsonst auch fast professionellen Ansprüchen
eines Pianisten gerecht wird. Toseland
ist inzwischen zu einem der härtesten Fighter herangewachsen, der überhaupt auf einem Rennmotorrad sitzt – folglich der ideale Partner um MotoGP-Held Biaggi nachdrücklich in die Gepflogenheiten der Superbike-WM einzuführen.
Biaggi nahm den Kampf auf seine Weise an, glänzte mit gewohnt feinem, präzisem Fahrstil, der auch für die im Vergleich zu den MotoGP-Hightech-Geräten etwas rustikaleren Superbikes perfekt passt und rang den jungen Herrn Toseland schließlich nieder. Gleich im allerersten Superbike-Rennen also ein Sieg für Biaggi.
Auf der Auslaufrunde nahm er noch ziemlich cool die Gratulation von Toseland entgegen. In Victory Lane, der Siegerzone für die besten drei unmittelbar unterhalb des Siegerpodests, dauerte es jedoch eine ganze Weile, bis der Römer seinen neu
gestalteten Helm abnehmen konnte. Hemmungslos rannen die Freudentränen sein Gesicht herunter. »Welch ein unglaublicher Start in meine neue Superbike-Zeit. Ich wünschte, ich hätte diese Meisterschaftsserie schon vor Jahren entdeckt«, jubelte er staatstragend.
Das zweite Rennen am späteren Nachmittag brachte die Wiederholung des Duells unter der arabischen Mittagssonne. Das Yamaha-Duo Corser und Haga konnte zwar länger mithalten – die übermäßigen Reifenvibrationen, welche die beiden im ersten Rennen auf die Plätze neun und acht zurückgeworfen hatten, waren offensichtlich behoben. Allerdings noch nicht vollständig. Im letzten Renndrittel waren Toseland und Biaggi wieder allein im Kampf um den zweiten Superbike-Sieg des Tages. Diesmal gelang es dem Ten-Kate-Honda-Fahrer, bereits seit der ersten Runde in Führung, den Sieg bis ins Ziel
zu retten und den im Finale fast unwiderstehlich heranstürmenden Ex-Grand-Prix-Star sauber zu kontrollieren.
Der Italiener verringerte in den letzten beiden Runden seinen Rückstand gegen-über Toseland von knapp drei Sekunden auf fast nichts. Zum entscheidenden
Angriff kam es trotzdem nicht mehr, weil Toseland ebenfalls noch etwas zulegen konnte. »Ich hatte schon vor der Ankunft hier in Qatar klargestellt, dass ich wie im Vorjahr unbedingt mindestens ein Rennen gewinnen will«, erläuterte Toseland, »und dies galt es vor allem im Finale des zweiten Rennens dann tatsächlich umzusetzen. Biaggi war eine äußerst harte Nuss, aber ich konnte ihn auf Distanz halten.«
Neben Max Biaggi erlebte auch sein Namens- und Markenkollege Max Neukirchner einen erfreulichen Saisoneinstieg. Im neu formierten Team Suzuki Deutschland fuhr der Sachse im ersten Rennen vom achten Startplatz auf Rang sechs und ließ auf seiner Vorjahres-Suzuki immer-
hin Ten-Kate-Honda-Neuling Roberto Rolfo sowie die Yamaha-Helden Haga und
Corser hinter sich. »Dieser sechste Platz war natürlich der Hammer als Saisoneinstieg«, freute sich Suzuki-Verkaufsdirektor Bert Poensgen, der Mann im Hintergrund der von Mario Rubatto und Motoren-Guru Kurt Stückle geführten Crew, »doch es
ist für uns alle im Team gefährlich, schon wieder viel zu viel zu erwarten. Der zehnte Platz im zweiten Rennen, in dem wir wie viele andere etwas Schwierigkeiten mit den Reifen bekamen, ist ebenfalls absolut im grünen Bereich.«
Und natürlich stieg auch Max Neukirchner selbst bestens gelaunt ins Flugzeug weiter nach Melbourne, wo an der australischen Südspitze auf Phillip Island eine Woche später der nächste Superbike-WM-Auftritt steigt. »Der Auftakt war für
unsere neue Mannschaft schon mal sehr gelungen, und an Phillip Island habe ich
ja sehr gute Erinnerungen.«
2005, damals noch auf Honda, donnerte er in seinem vierten Superbike-WM-Einzelrennen überhaupt auf den Podestrang drei. Aber klar, Herr Poensgen, wir wollen es ebenfalls nicht übertreiben mit den
Erwartungen. Alles wird gut.
Gar nichts gut war dagegen im Ducati-Werksteam. Nach überlegenen Vorstellungen bei den Vorsaison-Testfahrten, auch
in Qatar, wähnten sich die Roten um Weltmeister Troy Bayliss und Nachwuchsmann Lorenzo Lanzi auf der sicheren Seite. So beunruhigten die eher diskreten Start-
plätze fünf und sechs von Lanzi und
Bayliss weder die Ducati-Corse-Granden Paolo Ciabatti und Davide Tardozzi noch Chefingenieur Ernesto Marinelli und schon gar nicht die Fahrer.
Platz drei im ersten Rennen für Lanzi kaschierte wenigstens noch einen komplett katastrophalen Wüstentrip von Ducati. »In Rennen eins wäre sicherlich einiges mehr drin gewesen als der fünfte Rang über 17 Sekunden hinter dem Sieger«,
relativierte der enttäuschte Champion, »aber nur mit unverantwortlichem Risiko. So habe ich mich mit den Punkten begnügt. Das zweite Rennen gingen wir dann mit völlig neuer Abstimmung der Hinterhand an, dazu vorn den härtesten Reifen, den wir überhaupt zur Verfügung haben. Mit dem bin ich im Vorjahr übrigens
zweimal Zweiter hier geworden.« Doch es half alles nichts. Troy Bayliss rutschte nach
einem noch dazu schwachen Start im Mittelfeld herum und konnte seine Werks-Ducati 999 F07 erst mit einem Brachialakt gegen Rennende – vielleicht trieb der
Familienvater dann das Risiko doch mal kurz in den roten Bereich – in die Top Ten prügeln. Rang acht, direkt hinter seinem Junior-Partner Lorenzo Lanzi, war der spärliche Lohn der Kraftanstrengung.
Ausgerechnet der unfreiwillige MotoGP-Umsteiger Biaggi deklassierte also gleich beim Debüt den Superbike-Herrscher Bayliss, der ja seinerseits als Ersatzfahrer mit seinem Sensations-GP-Sieg beim Finale
in Valenica im vergangenen November das MotoGP-Selbstverständnis gewaltig durcheinandergebracht hatte.

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