Superbike-WM Donington Park/GB (Archivversion) Durch den Monsun

Strömender englischer Landregen ließ der Superbike-Welt in Donington Park kaum eine trockene Minute. Damit hatten der deutsche Top-Fahrer Max Neukirchner und sein Alstare-Suzuki-Werksteam leider größte Schwierigkeiten.

Im VIP-Zelt des Alstare-Suzuki-Teams werden die Gäste während der Renn- oder Trainingspausen für gewöhnlich mit Rockmusik-Klassikern unterhalten. In Donington Park allerdings waren immer und immer wieder die deutschen Teenie-Idole Tokio Hotel mit „Durch den Monsum“ zu hören, passenderweise in Englisch. Der Song wurde zur Donington-Losung für die drei Suzuki-Werksfahrer, denn Max Neukirchner, Fonsi Nieto und Yukio Kagayama schafften es von Anfang an nicht, sich freizuschwimmen.

Schon im ersten freien Training am Freitagvormittag paddelten sie deutlich hinter ihren Gegnern her. Kagayama war 17., Sachsenpfeil Neukirchner und Nieto kamen gar nur auf die Ränge 22 und 24. Als es schließlich am Samstagnachmittag in der nach Regen-Regeln – 50 Minuten Zeit für maximal zwölf gewertete Runden – ausgefahrenen Superpole-Qualifikation um die besten 16 Startplätze ging, war Neukirchner gar der einzige aktive Suzuki-Werksfahrer. Nieto und Kagayama fehlten, da sie im Zeittraining auf die Ränge 23 sowie 24 abgestürzt waren. Wobei Max als 14. auch nicht überglücklich aus der Wäsche schaute. „Wir kommen im Nassen einfach nicht auf vernünftige Zeiten“, war der Deutsche fast am Resignieren, „zunächst wurde es etwas besser, als wir den härteren der beiden zur Verfügung stehenden Regenreifen verwendet und mit dem Luftdruck experimentiert haben.“

Aber der entscheidende Sprung vorwärts, wie wir ihn gerade von Neukirchner gegen Ende einer Trainingsitzung schon oft erlebt haben, blieb aus. Dafür ging die Fehlersuche bei Alstare fieberhaft weiter, zumal mit dem englischen Wild-Card-Fahrer Tom Sykes aus dem Rizla-Crescent-Team ein Suzuki-Pilot immerhin auf dem siebten Startplatz stand. Die eher aggressive Motorcharakteristik der Werks-Suzuki wurde als Erklärung in die Diskussion geworfen. Schließlich hatten schon im Vorjahr die beiden Suzuki-Werksfahrer, es waren Kagayama und der Italiener Max Biaggi, im ebenfalls verregneten ersten freien Training kein Land gesehen. Und dennoch hatte Biaggi in den trockenen Rennen 2007 die Podestränge drei und zwei geholt.

Das Phänomen Sykes, so wollten im Alstare-Lager viele gern glauben, erkläre sich von selbst. Denn der Brite erzählte jedem, dass er ja nur mit einem Motor nach den Regeln der britischen Superbike-Meisterschaft BSB, die er regulär bestreitet, ausgerüstet wäre und so knapp 25 PS weniger Leistung zur Verfügung hätte als die Werks-WM-Superbikes. Im Regen vielleicht nicht unbedingt ein Nachteil.

Schließlich wurde auch noch die Getriebeabstimmung zum Thema. Denn die Werks-GSX-R-1000 sind im Vergleich zur Konkurrenz vor allem in den beiden unteren Gängen deutlich länger übersetzt, was, und das gilt natürlich auf nasser Bahn verschärft, den Beschleunigungsvorgang unharmonischer macht.

Alles jedoch sollte gut werden für Max Neukirchner, und vielleicht sogar auch noch für Nieto und Kagayama. Denn für Sonntag sagte der sehr präzise Wetterbericht des führenden britischen Fernsehsenders BBC trockenes Wetter voraus. So wuchsen die Alstare-Hoffnungen auf eine Wiederholung des Vorjahres-Coups von Biaggi, diesmal eben durch den anderen Max. Aber selbst die große BBC kann keine Garantie auf Wettervorhersagen geben. Der englische Herbstregen ging am Renntag weiter, und die Suzuki-Alstare-Fahnen hingen schon vor dem Start auf Halbmast. Als Max Neukirchner bereits in der sechsten von 23 Rennrunden stürzte, schien endgültig alles vorbei zu sein.

Was allerdings danach geschah, brachte dieses erste Superbike-WM-Rennen von Donington Park 2008 ganz weit nach vorn in der Kuriositäten-Hitliste der gesamten Superbike-WM-Geschichte. In der zehnten Runde platzte der Motor an Noriyuki Hagas Werks-Yamaha. Dennoch bugsierte der Japaner, ganz sicher einer der erfahrensten WM-Rennfahrer überhaupt, seine öltriefende R1 an die Box. Mit der fatalen Folge, dass unter anderem sein Teamkollege Troy Corser und Ten-Kate-Honda-Fahrer Carlos Checa von der endgültig zur Rutschbahn mutierten Piste schlidderten und das Rennen abgebrochen wurde.

Dies wiederum führte dazu, dass zum Neustart über die restlichen 14 Runden, an diesem Monsun-Weekend ausnahmsweise mal auf fast trockener Bahn, keiner der auf den WM-Gesamträngen zwei bis fünf platzierten Fahrer mehr antreten konnte: Neukirchner war durch seinen Sturz eh draußen, Corser und Checa mussten wutschnaubend eine 2008 neu eingeführte, recht fragwürdige Regel akzeptieren, welche Fahrer von der Teilnahme an einem Re-Start ausschließt, wenn sie nach Abbruch des ersten Rennteils nicht innerhalb von fünf Minuten samt Rennmaschine wieder an ihrer Box stehen. Und Übeltäter Haga wurde das Opfer der ebenfalls neuen, aber richtigen Regel, dass der Verursacher eines Rennabbruchs grundsätzlich nicht weiterfahren darf.

Das Rennen mit diesem stark dezimierten Feld wurde so zur sicheren Beute von WM-Tabellenführer Troy Bayliss auf seiner Werks-Ducati, der den Suzuki-Wild-Cardler Sykes, beim Abbruch noch mit fast vier Sekunden in Führung, abfangen und distanzieren konnte, bis er bei wiederum einsetzendem Regen mit dem Recht des Führenden nach 19 Runden die Geschichte endgültig abbrach. Bayliss’ Vorsprung in der WM-Tabelle auf Neukirchner wuchs so auf schwindelerregende 107 Punkte.

Aber auch um das Resultat gab es ähnliche Unstimmigkeiten wie um die Startberechtigung zum Neustart. Zunächst einmal beschwerte sich Sykes über die Duplizität von Flaggensignalen. So bedeutet die weiße Flagge mit diagonalem roten Kreuz in der Superbike-WM „Vorsicht, einsetzender Regen“. In der BSB symbolisiert das gleiche Tuch ein wesentlich härteres Kommando: „Safety-Car auf der Strecke, langsamer werden, Überholverbot“. Tom Sykes hatte entweder in der speziellen Wild-Card-Fahrerbesprechung nicht aufgepasst oder ganz einfach gewohnheitsmäßig das Gas weggenommen und erst einige Zeit dem vorbeidonnernden Troy Bayliss hinterhergeschaut, bis er den Irrtum realisierte.

Neben dem zweitplatzierten Sykes rollte mit großer Freude Ruben Xaus mit seiner Sterilgarda-Ducati in die Siegerbox für die drei Erstplatzierten – um dann erfahren zu müssen, dass er ebenfalls ein Opfer der Fünf-Minuten-Regel sei und eigentlich gar nicht zum Neustart hätte antreten dürfen. Xaus wurde somit disqualifiziert und hektisch sein Teamkollege Max Biaggi zum Podest geholt.


Zum zweiten Rennen stiegen die Hoffnungen erneut bei Alstare-Suzuki, Max Neukirchner und den deutschen Fans. Zwar hielt der Rennleiter die Tafel „Wet Race – Regenrennen“ in den wolkenverhangenen Himmel, doch die Piste war trocken. Aber weder der Wetter- noch der Renngott waren mit Alstare-Suzuki an diesem Wochenende. Sekunden vor dem um 15.30 Uhr geplanten Rennen setzte ein Wolkenbruch ein. Der Start wurde verschoben, um dem komplett auf profillosen Trockenreifen angetretenen Starterfeld Gelegenheit zu geben, die nun wieder dringend benötigten Regengummis aufzuziehen. Max Neukirchner konnte trotz seines am Ende eher zurückhaltenden 14. Rangs den Schaden in der WM-Tabelle etwas begrenzen.

Während der Ten-Kate-Honda-Japaner Ryuichi Kiyonari nach einem Sturz aus der Führungsposition im ersten Rennen nun zu einem makellosen, überlegenen Sieg fuhr, ging diesmal Troy Bayliss zu Boden. Somit maß sich sein Vorsprung in der WM wenigstens nicht noch galaktischer aus. Den zweiten Tabellenplatz musste Max an Troy Corser abtreten, der im Rennen Rang drei hinter dem Honda-Wild-Card-Fahrer Cal Crutchlow belegte. Dagegen holte der weitere Verfolger in der Tabelle, Kiyonaris Teamkollege Carlos Checa, nur Platz neun. Und Noriyuki Haga, in diesem Rennen völlig von der Rolle, wurde gar mit der schwarzen Flagge gestoppt. Damit hat Max Neukirchner, obwohl während des Monsun-Wochenendes alles andere als konkurrenzfähig, das Kunststück fertiggebracht, in der WM-Tabelle kaum an Boden zu verlieren. Die Chancen auf WM-Gesamtrang zwei sind vor den letzten drei Ver-anstaltungen in Vallelunga, Magny Cours und Portimao nach wie vor intakt. Vielleicht sollte der Alstare-DJ dann doch wieder auf die Stones, die Kinks und andere ältere Herrschaft der Musikgeschichte setzen.

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