Superbike-WM Doppelsieg für Carlos Checa in Salt Lake City/USA (Archivversion) Jahrtausendsie GER

Carlos Checa, nach seinem MotoGP-Ausstieg noch neu in der Superbike-WM, hatte seit 1998 kein Rennen mehr gewonnen. Ausgerechnet bei der Heimkehr der Superbikes in ihr Geburtsland nach vierjähriger Pause konnte der Spanier diese Scharte auswetzen, noch dazu mit einem Doppelsieg. Und der deutsche Superbike-Held Max Neukirchner wiederum gibt Anlass zu Optimismus für sein kommendes Heimspiel auf dem Nürburgring.

Es war eigentlich nie jemand so richtig aufgefallen. Carlos Checa galt und gilt als respektabler Weltklasse-Rennfahrer. Sein letztjähriger Umstieg aus der MotoGP-WM ins Ten-Kate-Honda-Superbike-WM-Team wurde in der gesamten Szene als deutliche Aufwertung fröhlich angenommen, selbst wenn speziell die deutschen Fans seit seiner wenig durchdachten Harakiri-Aktion Anfang April in Valencia nicht unbedingt besonders gut auf ihn zu sprechen waren. In Spanien hatte er ihren Helden Max Neukirchner in der letzten Kurve in einen Sturz gezwungen und um den Sieg gebracht.

Dass es allerdings ganz tief drinnen im mittlerweile 35-Jährigen heftig brodelt, ist den wenigsten gegenwärtig. Denn in der vermeintlich etwas mehr Erfolg versprechenden Superbike-Welt will Checa endlich wieder mal ganz nach oben auf das Podium. Sein letzter Triumph liegt ganze zehn Jahre zurück. Der damals hoffnungsfrohe GP-Nachwuchsfahrer siegte auf einer Honda des Pons-Teams im 500er-GP von Jarama, Spanien. Außerhalb seines Heimatlandes hatte er noch nie gewonnen. Und im 21. Jahrhundert auch noch nicht.

Dies alles erklärt vielleicht das ungestüme Fahrverhalten von „El Toro“, wie nicht nur er selbst sich nennt. Phasenweise musste Checa noch weit schlimmere Schmähnamen ertragen, etwa „Checa the Wrecker“, was ungefähr „Checa, der Abwracker“ bedeutet. Beileibe nicht nur Max Neukirchner hat – siehe Valencia – so seine speziellen Erfahrungen mit dem neben der Rennstrecke eher zurückhaltend freundlichen Katalanen gemacht. Auch andere Piloten hatten schon unangenehme Begegnungen.

Das größte Problem seiner noch jungen Karriere als Superbike-WM-Fahrer bekommt plötzlich einen anderen Hintergrund. Er zeigte bei nahezu allen bisherigen Auftritten mit der Ten-Kate-Honda-Fireblade katastrophal schlechte Starts aus sehr guten Startpositionen und zwang sich damit regelmäßig zu aufreibenden Aufholjagden.

Die Nervosität, vor allem am Start, ist womöglich groß, weil Carlos Checa mit zunehmender Anspannung dieser sieglosen Ewigkeit nachjagt. Und genau so schien es auch im Miller Motorsports Park weiter zu gehen, dieser hochmodernen, vor vier Jahren gebauten Strecke rund 32 Kilometer westlich der Olympiastadt Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, die deutlich aus dem typischen Erscheinungsbild nordamerikanischer Rennstrecken – kurz, eng, mit Sicherheitsmängeln – heraussticht. Vor dem ersten Rennen schienen erneut die Nerven ihr Spielchen mit Carlos Checa zu treiben. Fast zwei ewige Minuten lang blieb er auf dem Weg in die Startaufstellung schon am Ausgang seiner Ten-Kate-Honda-Box stehen und hantierte am Einstellhebel der Kupplung seiner Werks-Fireblade herum. Greift sie nun, wie sie soll, oder nicht? Kann man das Problem durch Nachjustieren beheben oder nicht? Soll er doch lieber aufs Ersatzmotorrad umsteigen oder nicht? Viele Fragen, die ein Rennfahrer in Momenten wie diesem, nur eine gute Viertelstunde vor dem Start, nun wirklich nicht gebrauchen kann. Freund Checa zaudert herum – bis einer seiner Mechaniker, noch nicht einmal der Crew-Chief, endlich helfend eingreift. „Jetzt nimm halt die andere“, kommt in klarem niederländisch akzentuiertem Englisch die Anweisung. Der Start-Kampfstier gehorcht, rollt mit der zweiten Maschine auf seine Pole Position, kommt überraschenderweise sogar am besten von der Linie weg und schafft es dennoch, nur als Fünfter in die erste Linkskurve am Ende der recht langen Startgerade einzubiegen. „Ich weiß auch nicht, was los war“, erinnert er sich später. „Ich hatte jedenfalls das Gas voll offen.“

Das gewohnte Superbike-WM-Spiel, Jahrgang 2008, schien erneut begonnen zu haben. Vorn die Schnellstarter wie der überlegene Tabellenführer Troy Bayliss auf seiner Werks-Ducati sowie der deutsche Suzuki-Werksfahrer Max Neukirchner – und Checa zumindest vorerst in der Tiefe des Raumes.

Diesmal aber schlug sich das Schlachtenglück schon früh auf Checas Seite. Bayliss stürzte ausgangs der fünften von 20 Runden, weil er in der Zielkurve etwas leichtsinnig ans Gas gegangen war. Und der japanische Rennsamurai Noriyuki Haga folgte seinem Freund Bayliss weniger als eine Runde später. Haga fuhr nach einem Trainingssturz mit einem gebrochenen, von den Rennärzten gewagt mit Tape fixierten rechten Schlüsselbein und ließ bei dem Sturz der gesamten Szene den Atem stocken, als er – Glück im Unglück – auf die linke Schulter fiel. Danach trat er sogar noch im zweiten Rennen an und wurde immerhin Sechster.

Blieb also zwischen Carlos Checa und dem historischen Triumph nur noch Max Neukirchner. Aber der Sachsenpfeil wurde leider schnell stumpf. In der zweiten Runde an Bayliss vorbei in Führung gegangen, hatte Max schon zwei Runden später dem anstürmenden Checa nichts entgegenzusetzen und musste noch in der ersten Rennhälfte einen allmählich verendenden Vorderreifen an der Alstare-Suzuki erleben.

Carlos Checa eilte davon, schnappte sich tatsächlich den ersehnten Sieg nach – wie ein Rechenkünstler unter den spanischen Medienvertretern herausgefunden hatte – genau 3600 Tagen Abstinenz. Neukirchner dagegen musste zum Ende des Rennens auch Ex-Weltmeister Troy Corser auf seiner Werks-Yamaha sowie Ducati-Junior Michel Fabrizio ziehen lassen und sah einer intensiven Besprechung mit seiner Techniker-Crew zwischen den beiden Rennen entgegen.

Das Ergebnis: Auf einen Wechsel zur härteren Vorderreifenmischung wollte sich die Alstare-Junior-Crew – Neukirchners Techniker sind kaum älter als der 25-Jährige selbst – nicht einlassen, zumal Teamkollege Yukio Kagayama, im ersten Rennen nur Achter, sogar auf einen weicheren Gummi setzte. „Wir haben das Motorrad mit mehr Gewicht auf das Vorderrad abgestimmt in der Absicht, dass es dann sowohl besser einlenkt, engere Kurvenlinien zulässt und auch den Reifen weniger beansprucht.“

Die Einstellung zahlte sich aus. Der frische Sieger Checa war zwar trotz wieder einmal verbockter Startphase erneut nicht zu halten und wartete diesmal statt zehn Jahren nur dreieinhalb Stunden auf den nächsten Sieg. Max Neukirchner hatte aber im zweiten Rennen zu keiner Zeit die Aura eines blitzstartenden Opferlamms, das in der Schlussphase seinem hohen Anfangstempo Tribut zollen und wehrlos jeden vorbeilassen muss. Mit stabilen Rundenzeiten cruiste Neukirchner völlig ungefährdet auf einen souveränen Rang zwei und machte wie Doppelsieger Checa in der WM-Tabelle gewaltig Boden gut. Denn Troy Bayliss wurde mit zwei Runden Rückstand nur 22. und Letzter. An seinem Ersatzmotorrad blockierte in der sechsten Runde zwar der Schalthebel, seine Crew konnte das Teil aber wieder gangbar machen, und der australische Altmeister fuhr sogar noch die zweitschnellste Rennrunde hinter Checa.

Dennoch beklagte Bayliss den dritten Nuller in Serie. Sein ehemals komfortabler Vorsprung ist kräftig zusammengeschmolzen. Checa und Neukirchner sind vor dem deutschen Superbike-WM-Auftritt am 15. Juni auf dem Nürburgring in Schlagdistanz. Dort allerdings, stellte Max Neukirchner noch am Rande der großen Salzwüste in aller Öffentlichkeit fest, „gewinne natürlich ich.“ Und Max ist normalerweise nicht so nervös wie Kollege Checa.

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