Superbike-WM-Entscheidung in Imola/I und Magny-Cours/F (Archivversion) Familien-Feier

Souveräner Titelgewinn beim Heimspiel seines Arbeitgebers Ducati im italienischen Imola – so krönte Troy Bayliss seine Rückkehr aus dem Grand-Prix-Zirkus in die Superbike-Weltmeisterschaft.

Schon beim Auftakt der Superbike-WM 2006 im Februar in der Wüste von Qatar fühlte sich Troy Bayliss nach dreijähriger Abwesenheit sofort wieder zu Hause. »Ich bin unheimlich froh, wieder da zu sein«, freute sich der Australier, »alles ist genau so vertraut wie 2001 und 2002, vor meinem Wechsel in die MotoGP-WM. Das gilt sogar für meine Werks-Ducati.«
Bayliss wollte damals keinesfalls den mangelnden Entwicklungsstand der Ducati 999 F06 kritisieren, sondern nur vorsichtig andeuten, was in der ersten Saisonhälfte überdeutlich wurde – die wie vor fünf Jahren fast ideale Symbiose zwischen Ross und Reiter. Acht Siege in Serie noch vor Halbzeit des WM-Jahres 2006 legten den Grundstein zum Titel. Und ausgerechnet beim Heimspiel in Imola, der vorletzten Station der WM 2006, kaum 40 Kilometer vom Ducati-Werk in Bologna entfernt, sollte es zur Entscheidung kommen.
Von einer Entscheidungsschlacht allerdings, wie sie Troy Bayliss 2002 in Imola gegen den damaligen Honda-Werks-Superbiker Colin Edwards verloren hatte, war diesmal keine Rede. Selbst im Falle eines Sieges des vor Imola zweitplatzierten Yamaha-Superhelden Noriyuki Haga hätte Rang vier gereicht, um Bayliss schon nach dem ersten von zwei Rennen zum neuen Weltmeister zu machen.
Der Japaner wurde aber nur Vierter, hinter einem entfesselten Alex Barros, der den ersten Superbike-WM-Sieg für sich selbst wie für sein österreichisches Klaffi-Honda-Team einfahren konnte, James
Toseland auf der Ten-Kate-Honda, der
sogar noch mit Haga im Infight um den
Ehrentitel des Vizeweltmeisters lag und dessen Yamaha-Kollegen Andrew Pitt. So konnte Troy Bayliss entspannt an Hagas Hinterrad ins Ziel rollen und sofort nach der Zieldurchfahrt in Höhe seiner Ducati-Box auf der Piste anhalten. Mit dem vorbereiteten WM-T-Shirt und einem in Regenbogenfarben lackierten neuen Helm – ein von Fahrrad-Champions abgekupfertes
Ritual – begann er in der Auslaufrunde standesgemäß mit der Meisterfeier.
Das zweite Rennen von Imola, sein
erstes als neuer Weltmeister, gewann Bayliss souverän und in komplett weltmeisterlichem Outfit. Denn Ducati hatte für den Champion auch ein weißes Leder mit
den weltmeisterlichen Regenbogenfarben vorbereitet. Große Zweifel am zweiten Superbike-WM-Titel für Troy Bayliss hatte im Vorfeld niemand, schon gar nicht
bei Ducati Corse.
Viel weniger deutlich aber agieren die Ducati-Verantwortlichen, wenn es um die Besetzung des Werksteams für 2007 geht. Klar, Weltmeister Bayliss hat seinen Vertrag längst verlängert – sogar bis Ende 2008. Doch wer wird sein Teamkollege? Team-Manager Davide Tardozzi möchte trotz eher durchwachsener Ergebnisse gern den Nachwuchsfahrer Lorenzo Lanzi behalten, unter anderem mit dem Argument: »Wir haben mit Troy Bayliss den denkbar besten Superbike-Fahrer, das nimmt uns den Druck bei der Besetzung des zweiten Cockpits.«
Etwas anderer Meinung ist dagegen Tardozzis Auftraggeber. »Ducati braucht zwei absolute Spitzenfahrer«, sagt Paolo Ciabatti, bei Ducati Direktor aller Super-bike-Sportaktivitäten, »und Lanzi hat in dieser Saison konstante Leistungen auf Top-sechs Niveau vermissen lassen.« Ciabatti wünscht sich eher erfahrene Ducati-Haudegen vom Schlage des ehemaligen Weltmeisters Neil Hodgson, dem nach dem Rückzug des Werks-Teams aus der US-Superbike-Meisterschaft die Arbeits-losigkeit droht, oder Gregorio Lavilla, 2006 in der britischen Meisterschaft Dritter, auf der zweiten 999 F07.
Alex Barros hat sich zu diesem Thema selbst ins Gespräch gebracht. Ciabatti und Tardozzi allerdings dementieren derzeit Kontakte mit dem Brasilianer, wohingegen Ducati-General-Manager Claudio Domenicali durchaus Interesse am MotoGP-Altstar nachgesagt wird.
Ducatis Gegner dagegen formieren sich allmählich. Vizweltmeister James Toseland, beim Saisonfinale in Magny-Cours mit
einem Sieg und Rang drei im zweiten Rennen Tagesbester, wird auch weiterhin bei Ten Kate bleiben und die Honda-Armada anführen. Hier könnte Barros ebenfalls als Teamkollege auftauchen, wenn er nicht am Ende gar beim Klaffi-Honda-Team bleibt, wo mit dem Sieg in Imola-Sieg ja durchaus Aufwärtstendenzen zu sehen sind.
Ex-Weltmeister Troy Corser dagegen verlässt die Alstare-Corona-Extra-Suzuki-Familie, wenn auch nicht ganz freiwillig.
Da Teamchef Francis Batta dem Australier nach der Verpflichtung von MotoGP-Umsteiger Max Biaggi neben dem gesetzten Suzuki-Entwicklungsfahrer Yukio Kagayama keine Werks-Maschinen mehr zusichern konnte, unterschrieb Corser kurzerhand bei Yamaha Italia als Teamkollege von Nori Haga. Dort muss nun Andrew Pitt gehen, möglicherweise zu Klaffi-Honda.
Max Neukirchner ist aus dem Transfertrubel schon weitgehend heraus. Der Sachsenpfeil, in Imola nach starkem sechsten Startplatz zweimal gestürzt und beim Finale in Magny-Cours Zwölfter und 14. vom siebten Startplatz aus, wird 2007 weiter im Alstare-Engineering-Team fahren. Das ist Battas Junior-Crew mit weiter entwickelten Kit-Suzuki-GSX-R-1000. Ein Angriff auf Bayliss’ Meistertitel ist damit nur bedingt möglich. Nach dem sehr schwierigen Jahr 2006 sieht für Max die Zukunft jedoch
wieder etwas sonniger aus.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel