Superbike-WM-Finale in Magny-Cours/F (Archivversion) Punktlandung

Nach absolut dominanter erster Saisonhälfte in der Superbike-WM schwächelte Tabellen-führer James Toseland auf seiner Ten-Kate-Honda immer mehr, je näher das Finale in Magny-Cours rückte. Am Ende ging dann doch noch alles gut – und der WM-Titel ist wieder in England.

Mit seinem Doppelsieg beim Heimspiel in Brands Hatch Anfang August war der Engländer James Toseland samt seiner Ten-Kate-Honda mit 66 Punkten Vorsprung in der Superbike-WM-Tabelle für seine Verfolger Noriyuki Haga und Max Biaggi fast schon am Horizont verschwunden. Der zweite Titelgewinn nach 2004 schien nur noch Formsache zu sein. Genau der Zeitpunkt also, den weiteren Aufstieg in die MotoGP-WM im französi­schen Tech3-Yamaha-Team zu verkünden.
Danach kam der Toseland-Express jedoch gewaltig ins Stocken: schwache Vorstellung auf dem Eurospeedway Lausitz und gehemmter Auftritt im römischen Vallelunga, der Heimat von Suzuki-Werksfahrer Max Biaggi, mit dem Sturz aus der zweiten Position im zweiten Rennen als Tiefpunkt.
Zum Finale im zentralfranzösischen Magny-Cours hatte der Engländer nur noch 29 Punkte Vorsprung auf Biaggi und deren 33 auf Haga übrig, das Gesetz des Handelns schien auf die Verfolger übergegangen zu sein. »Solange auch nur die kleinste Chance auf den WM-Titel besteht, werden wir mit Volldampf angreifen«, so Nitro-Noris klare Losung.
Mit einer beeindruckenden Trainingsbestzeit ließ Toseland zwar erneut weltmeisterlichen Glanz aufblitzen und seine eigene Wettquote wieder steigen. Bis ihn gleich in der allerersten Kurve das Schicksal mit Namen Lorenzo Lanzi ereilte. Der scheidende Ducati-Werksfahrer startete aus der zweiten Reihe wie ein Blitz und stolperte in der ersten Linkskurve über das Vorderrad der Ten-Kate-Honda. Lanzi stürzte, vor allem aber riss er Toseland mit in den tiefen Kies der Auslaufzone.
Zweimal hart am Sturz vorbeibalancierend eierte der WM-Favorit mit Abstand als Letzter dem Feld hinterher. Dass Titel-rivale Max Biaggi ebenfalls zu einem zeit­rauben­den Ausweichmanöver gezwungen wurde, milderte das Entsetzen bei James Toseland und seiner niederländischen Mann­­schaft nur wenig. Denn an der Spitze roch Noriyuki Haga den Braten, übernahm das Kommando und fuhr einem ungefährdeten Sieg entgegen, während Biaggi und Toseland, teilweise im Paarlauf, noch auf die Ränge sechs und sieben vorfuhren. Damit war für den römischen Imperator der WM-Zug spät, aber doch noch ab­gefahren. Er hatte Toseland nur einen der 29 Punkte Rückstand abnehmen können. Für den Sieg im letzten Rennen der Superbike-WM-Saison waren indes wie immer nur 25 zu holen.
Samurai Haga dagegen war hellwach und genau wie seine Werks-Yamaha R1 in Top-Form. »Als ich realisiert hatte, dass James Toseland im ersten Rennen schon früh von der Spitze verschwunden war, wusste ich, dass die Jagd noch weiter geht und habe einfach versucht, auf und davon zu fahren.« Ein einfacher und effizienter Plan, der auch funktionierte und den Haga, nun mit nur mehr 17 Pünktchen Rückstand, auch im zweiten Rennen befolgte. Völlig entfesselt und im Alleingang holte Haga den zweiten Sieg in Magny-Cours, nur dass diesmal ein – in der sich immer mehr zuspitzenden Situation nicht unbe­dingt selbstverständlich – extrem kalt­blütiger und überaus vorsichtig agierender James Toseland auf seiner Honda mit der Nummer 52 saß.
Bereits Rang acht hätte den Engländer, dann punktgleich mit Haga, aber mit acht Einzelsiegen gegenüber sechs des Japaners, zum Weltmeister gemacht. Tatsächlich richtete sich Toseland im Laufe des Rennens mehr oder weniger bequem auf Rang sechs ein, ließ zum Beispiel seinen Vorgänger im Amte des Super­bike-Weltmeisters, Ducati-Werksfahrer Troy Bayliss, kampflos passieren und konnte so den längst erwarteten WM-Titel in allerletzter Minute retten. Schon Sekunden nach seiner Zieldurchfahrt war das eher diskrete Saisonfinale des neuen Champions vergessen. In frenetischem Jubel lag sich die gesamte Ten-Kate-Crew in den Armen. Denn sie hatte mit Super­biker James Toseland und Kenan Sofu­oglu, dem schon vorher feststehenden Supersport-Weltmeister, zum ersten Mal überhaupt beide WM-Titel der Superbike-Welt in ein Team geholt. »Dabei sind wir doch nicht mehr als ein kleiner Honda-Händler aus Nordholland«, pflegt Team-Besitzer Gerrit ten Kate in solchen Situationen immer gern das Understatement.
Ganz unabhängig von der WM-Entscheidung war das Saisonfinale auch für den deutschen Superbike-Helden Max Neukirchner von höchster Wichtigkeit. Als Ersatz für den verletzten Stammfahrer Yukio Kagayama durfte er erstmals eine aktuelle Werks-Suzuki, also sein Arbeitsgerät für 2008, fahren und holte vom fantastischen Startplatz zwei hinter Toseland im ersten Rennen einen starken vierten Rang. Rennen zwei beendete der Sachsenpfeil zwar vorzeitig mit einem Sturz, »weil wir uns mit der Wahl des Vorder­reifens vertan haben«. Die Stimmung und die Vorfreude auf 2008 im deutschen Suzuki-Lager waren dennoch grenzenlos. Und ab 2009 wird ja mit BMW, dies ist inzwischen offiziell erklärt, die deutsche Superbike-WM-Fraktion noch erweitert.

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