Superbike-WM in Assen/NL (Archivversion) Der Mann und die Mission

Trotz bisher 37 Siegen in der Superbike-WM seit 1997 konnte Noriyuki Haga den Titel noch nie gewinnen. In diesem Jahr, seinem ersten als Ducati-Werksfahrer, kann alles anders werden. Der Japaner führt nach den Rennen in Assen/NL bereits mit 60 Punkten Vorsprung. Und seine vermeintlichen Hauptgegner, der Texaner Ben Spies und der Deutsche Max Neukirchner, stürzten beide.

Obwohl Noriyuki Haga seit über zehn Jahren zu den absoluten Publikumslieblingen in der Superbike-WM zählt, gilt er nicht als Meister extrovertierter Auftritte in der Öffentlichkeit. Seit jeher begeisterte der Japaner die Fans weltweit lieber mit seinem wilden Fahrstil. Slides, die als Angriff auf die physikalischen Grenzen gewertet werden müssen, gehören ebenso zu seinem zentralen Repertoire wie unwiderstehliche Blitzstarts und Siegfahrten nach verschlafenem Qualifikationstraining aus scheinbar hoffnungsloser Startposition. Andererseits unterliefen "Nitro"-Nori Haga bisweilen auch katastrophale Blackouts, wie sie selbst für einen unerfahrenen B-Lizenzfahrer peinlich wären.

Genau diese sehr unstete Formkurve muss der immerhin schon 34-Jährige nun überwinden. Dies zumindest verlangt sein neuer Arbeitgeber Ducati, allen voran Superbike-WM-Teamchef Davide Tardozzi. Denn die Roten haben Haga mit dem glasklaren Auftrag verpflichtet, den vom zurückgetretenen Troy Bayliss 2008 überlegen gewonnenen WM-Titel im Hause zu halten.

Und die Wandlung des Heißsporns Noriyuki Haga zum konstanten Supermann scheint zu gelingen. Nach drei Siegen und drei zweiten Plätzen in den ersten sechs Rennen drückte der Rennsamurai auch dem Event auf der niederländischen Traditionsbahn Assen den Stempel auf.
Dabei fliegt Haga keineswegs auf die Überlegenheit der feinen Werks-Ducati 1098 F09 vertrauend dem Feld davon. Ganz im Gegenteil. Ausgerechnet sein Nachfolger im Yamaha-Superbike-Werksteam setzt ihn ganz massiv unter Druck. Der 24-jährige Texaner Ben Spies, zweifacher US-Superbike-Meister, wirbelt gleich in seiner ersten WM-Saison tornadogleich die Hierarchie durcheinander. Alle bisherigen Strecken waren neu für den Jüngling, was ihn nicht im Geringsten zu interessieren scheint. Denn auf jeder dieser höchst unterschiedlichen Bahnen stellte Ben Spies seine R1 auf die Pole Position und zeigte mit einem Sieg in Australien, zwei in Qatar, Rang zwei in Valencia und dem Sieg im ersten Rennen von Assen auch über die Renndistanz enorme Stärke. "Meine Aufgabe als Profirennfahrer ist es, mich auch so schnell wie möglich auf eine neue Piste einzustellen", entzaubert Spies den Rookie-Mythos.

Noch eindrucksvoller als Spies Resultate ist der Weg dorthin. Vor seinem Assen-Sieg standen bis kurz vor Rennende der junge Brite Leon Haslam auf seiner privaten Stiggi-Honda und eben Haga im Weg. Haslam auf Rang zwei wehrte sich drei Runden vor Schluss mit allem, was er hatte, gegen den Texaner, ließ ihm in einem über drei aufeinanderfolgende Kurven währenden Infight keinen einzigen Millimeter Platz und war am Ende doch geschlagen. Spies fuhr mit extremster Härte sozusagen durch Haslam und dessen Honda Fireblade hindurch, allerdings ohne es zu einer Berührung kommen zu lassen, wie beide Kampfhähne anschließend bestätigten.

In der letzten Runde knackte der Assen-Neuling auch Haga, und zwar eben nicht in der Zielschikane, wo es schon Hunderte dramatischer Last-Minute-Manöver gab, sondern außenrum in der schnellen Linkskurve davor. "Gegen Rennmitte hatte ich Probleme, mit den beiden mitzuhalten", überraschte der Sieger recht emotionslos, "doch als die Reifen am Schluss bei allen nachließen, war ich wohl am wengisten betroffen und konnte wieder nachlegen."

Widersacher Haga zeigte zwar offen seine Enttäuschung über den Verlust des bereits sicher geglaubten Siegs, hatte aber, ganz im Stil seiner neuen Rolle als Chef im Superbike-Ring, eine Antwort parat. Vom Start des zweiten Rennens weg heizte er dem jungen Störenfried massiv ein, dass der es bald übertrieb. In Führung stürzte Ben Spies schon zu Beginn der zweiten Runde und bescherte damit dem Japaner einen leichten Sieg und vor allem den für die noch frühe Saisonphase beeindruckenden Vorsprung von 60 WM-Punkten.
Ebenfalls wenig sattelfest war in Assen leider auch Max Neukirchner. Von Startplatz sechs konnte sich der Deutsche zwar in der Spitzengruppe festsetzen. In Runde fünf jedoch verlor er eingangs der Zielschikane die Kontrolle über das Vorderrad seiner Werks-Suzuki und fiel abendfüllend herunter. Max sowie seine Suzuki waren dennoch wohlauf, und der Sachsenpfeil jagte von Platz 24 noch auf Rang 13 vor, mit Rundenzeiten, welche Spies, Haga und Haslam in nichts nachstanden. Dafür war das zweite Rennen für Neukirchner zum Vergessen. Ein etwas tiefergelegtes Fahrwerk brachte die Suzuki an den Rand der Fahrbarkeit und Max den enttäuschenden Rang neun ein.
Einen Platz dahinter, aber aufgeräumterer Stimmung war BMW-Werksfahrer Troy Corser: "Die zwei zehnten Plätze zeigen, dass wir über das gesamte Wochenende eine konstante Leistung bringen. Darauf können wir aufbauen bei Testfahrten nächste Woche auf dem Eurospeedway Lausitz. In 14 Tagen in Monza, mit bei den Tests weiterentwickelter Elektronik, sollten wir schon deutlich besser aussehen."

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