Superbike-WM in Brands Hatch/GB (Archivversion) Alles super – oder was?

Nicht nur das Superman-Outfit für eine Kinofilm-Werbung machte Ducati-Chef-Pilot Troy Bayliss in Brands Hatch zum Helden. Sondern auch sein ebenfalls als Überflieger auftretender Widersacher Noriyuki Haga.

Die nicht übermäßig originelle Präsentation der beiden Ducati-Werks-Superbiker in Superman-Outfit samt rotem Umhang in Brands Hatch am Vorabend
der Rennen hatte für Ducati Corse durchaus zwei Hintergründe. Denn es ging nicht allein um die Vermarktung des neuen »Superman Returns«-Kinoflims.
Tief im Inneren ihrer Herzen halten die Werks-Ducatisti ihren Troy Bayliss nämlich längst für Superman. Paolo Ciabatti zum Beispiel, der Direktor von Ducatis Superbike-Aktivitäten, stellt dem Australier in Aussicht: »Troy Bayliss wird so lange im Ducati-Superbike-Team fahren, wie er will.«
Der Weltmeister von 2001, der nach durchwachsenem Ausflug in die MotoGP-WM mit der Honda-Saison 2005 als Tiefpunkt mit großer Herzlichkeit wieder in
die Ducati-Familie aufgenommen wurde, revanchierte sich entsprechend. Von Beginn des ersten Rennens an lieferte er sich mit dem Japaner Noriyuki Haga auf Yamaha einen herzerfrischenden Fight um die Spitze. Die beiden waren so vertieft in ihre offenbar auch für sie selbst recht unterhaltsame Auseinandersetzung, dass Lokalheld James Toseland auf seiner Ten-Kate-Honda-Fireblade allmählich aufschließen konnte.
»Als ich gemerkt habe, dass Toseland unser Duell schon bald zu einem Dreikampf erweitern würde«, erinnerte sich WM-Tabellenführer Bayliss, »wusste ich, dass etwas zu tun war. Und zwar sofort, denn James ist inzwischen zu einem der härtesten Kämpfer gereift.«
Bayliss knallte vier extrem schnelle Runden auf die Bahn und konnte sich so von den beiden anderen Streithähnen um gut zwei Sekunden absetzen. »Das war’s«, grinste er später beim Siegerinterview,
wieder im roten Superman-Umhang, »insgesamt ein fast ideales Rennen.«
Bester Dinge konnte sich der Ducati-Superheld also auf den zweiten Lauf vorbereiten. Seine Rückkehr an die Spitze der Superbike-WM hatte geklappt, die Rückschläge des desaströsen Wochenendes in Brünn zwei Wochen zuvor und des Sturzes beim Ducati-Heimrennen in Misano Ende Juni waren wohl erledigt.
Tatsächlich setzte das zweite Superbike-WM-Rennen von Brands Hatch die Duell-Show Bayliss gegen Haga nahtlos fort. Bereits in der ersten Kurve waren
die beiden ineinander verbissen. Dagegen blieb ein Störfeuer durch James Toseland diesmal aus. Nach einem schwächeren Start konnte er seine Honda nur auf Rang fünf vorantreiben.
»Solche Duelle mit Haga machen
immer Riesenspaß«, freute sich Bayliss, »selbst wenn du, wie ich heute beim zweiten Rennen, am Ende leider den Kürzeren ziehst. Aber ich war wohl selbst schuld. Ich habe mich von dem Super-Fight mitreißen lassen, Nori-chan vielleicht ein bisschen
zu lange studiert, anstatt selber recht-
zeitig die Entscheidung zu suchen. Und im
Finale wusste ich dann nicht genau, wie viel er wirklich noch drauf hat und habe mich überraschen lassen.«
Superman-Bezwinger Haga lobte im Ziel hauptsächlich sein Handwerkszeug und seine Crew: »Es war bei den für England sehr heißen Temperaturen ganz entscheidend, eine Fahrwerksabstimmung zu finden, die vor allem dem Hinterreifen hilft, einigermaßen brauchbar über die Distanz zu kommen. Das ist uns heute sehr gut gelungen und war natürlich auch der Schlüssel zum Sieg im zweiten Rennen.«
Dennoch ging Troy Bayliss in Brands Hatch einen wichtigen Schritt in Rich-
tung Titelgewinn. Denn mit seinen jetzt 77
WM-Punkten Vorsprung kann er in den noch ausstehenden acht Einzelrennen bei den vier WM-Veranstaltungen vom der-
zeit zweitplatzierten Haga nicht mehr aus
eigener Kraft eingeholt werden. Selbst bei acht Haga-Siegen würden Bayliss sieben zweite und ein dritter Platz zum WM-Titel reichen. Zugegeben, eine reichlich hypothetische Rechung, aber immerhin spiegelt sie die überlegene Position von Super-Bayliss und seiner Werks-Ducati wider.
Weit weg von einigermaßen realistischen Titel-Rechenspielen rollt im Moment der Weltmeister herum. Troy Corser haderte in Brands Hatch erneut mit der fehlenden Harmonie zwischen seiner Werks-Suzuki und den Pirelli-Einheitsreifen. »Spätestens nach zehn Runden war Schluss mit Reifengrip hinten, selbst bei dem extrem harten Gummi, den ich im zweiten Lauf aufgezogen hatte«, schimpfte der Champion, »wir müssen schnellstens den Weg zurück zu einer passenden Gesamtabstimmung finden, denn es ist extrem lästig, wenn du ins Rennen gehst und weißt, dass du nicht ganz vorn mitspielen kannst.
In der Supersport-WM kann der Weltmeister zurzeit ebenfalls nicht ganz vorn mitkämpfen. Aber Séb Charpentier weiß genau, warum. Der Franzose hat immer noch gesundheitliche Probleme nach einem
fürchterlichen Sturz bei Tests im tschechischen Brünn Anfang Juni und konnte so
in Brands Hatch das verschärfte Tempo an der Spitze nur für einige Runden mitgehen. Dann musste er insbesondere die Yamaha-Deutschland-Helden Broc Parkes und Kevin Curtain ziehen lassen und sich mit
Rang sechs zufrieden geben, was den 40-
jährigen Curtain auf Punktegleichstand mit »General Séb«, ebenfalls einem selbst ernannten Superhelden, brachte.

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