Superbike-WM in Brünn/CZ (Archivversion) Der Anti-Anti-Held

Der bisher kaum in Erscheinung getretene Suzuki-Werksfahrer Yukio Kagayama dominierte die Superbike-WM in Brünn überlegen mit Überlegung und Geduld. Auch sein spezieller Freund Noriyuki Haga konnte mit seiner Yamaha nichts dagegen machen.

Nein, als Anti-Helden darf man ihn wirklich nicht bezeichnen. Dafür ist Yukio Kagayamas Auftreten – zumal für
einen Japaner – zu bestimmt, selbst-
bewußt, maskulin.
Dennoch hat den langjährigen Suzuki- Entwicklungs- und Testfahrer kaum einer auf der Rechnung, wenn es um vorderste Plätze geht. Kagayama fehlte, so die
vermeintlichen Fachleute, die aufreizende Konstanz seines Alstare-Teamkollegen Troy Corser ebenso wie die Samurai-gleiche Entschlossenheit seines Landsmanns und guten Freunds Noriyuki Haga.
Die Einschätzung seines Teambosses Francis C. Batta allerdings hat sich in den zwei Jahren, seit der Japaner für das
Alstare-Corona-Extra-Suzuki-Werksteam in der Superbike-WM fährt, grundsätz-
lich geändert. »Als uns Suzuki für die
Saison 2005 Yukio ins Team gesetzt hat, war ich alles andere als begeistert«, so das
Motorradsport-Schwergewicht, »aber als sie ihn für 2006 wieder abziehen und in
das MotoGP-Test- und Entwicklungsteam
stecken wollten, habe ich mit allem, was ich hatte, gekämpft, um ihn zu halten.«
Und ausgerechnet jetzt in Brünn, bei einem Rennen ohne Batta, der, nicht
unbedingt ein Freund großer Flugreisen,
sich von den Strapazen eines Japan-Trips
zu Hause in Belgien erholte, bestätigte
Kagayama das Vertrauen seines Big Boss.
Beiden Rennen drückte der Japaner seinen Stempel auf – just zu einem Zeitpunkt übrigens, als sei Teamkollege Troy Corser ungewohnte Schwächen zeigte und mit den Rängen fünf und vier nach den zwei Stürzen von Misano für seine Ver-
hältnisse erneut blass blieb.
Kagayama setzte im ersten Rennen Ten-Kate-Honda-Fahrer James Toseland unentwegt unter massiven Druck, bis er in der 15. von 20 Rennrunden vorbeizog und allmählich entschwand. Das zweite Rennen zwang ihn nach schwachem Start
zu einer Aufholjagd, bevor er sich mit seinem speziellen Freund Noriyuki Haga beschäftigen konnte, der mit seiner Yamaha phasenweise über drei Sekunden vor dem Feld einherflog. Kagayama stellte auch Haga, der ihn schließlich, mit verendeten Reifen wehrlos, vorbeiwinkte.
Bei genauerer Beobachtung waren
Kagyamas Siege, der vor dem Brünn-Wochenende lediglich Tabellenzwölfter war, alles andere als eine Überraschung. Seine Werks-Suzuki GSX-R 1000 war eine von ganz wenigen Maschinen, die in Brünn in perfekter Harmonie mit der flüssig schnellen Berg-und-Tal-Bahn, der sengenden Hitze und den eingeschränkten Möglichkeiten der Pirelli-Einheitsreifen funktionierten. »Unter diesen extremen Bedin-
gungen kommst du nur mit geduldigem,
zurückhaltendem Fahren zum Erfolg«,
resümiert der Doppelsieger. »Das ist zwar normalerweise nicht mein Ding, doch
die Erfahrung als Suzuki-Testfahrer sagte
mir, dass eine neutrale, das Vorderrad schonende Fahrwerksabstimmung zusammen mit guten Nerven des Fahrers heute der einzige Weg zum Erfolg sein würden.«
Deutliche Zustimmung für seinen Weg erhielt er vom Weltmeister persönlich.
»Ich habe während der Trainings hier in Brünn einfach kein Land gesehen«, so Troy
Corser, »vielleicht, weil ich bei den Testfahrten vor einigen Wochen wegen meiner Windpocken-Erkrankung gefehlt habe. Des-
halb übernahm ich in meiner Verzweiflung Yukios Daten. Etwas, was ich eigent-
lich nie mache. Aber das Set-up hat von Anfang an manierlich gepasst.«
Das weitere, ebenfalls nur vordergründig überraschende Ergebnis bei den Superbikes bestätigt Kagayama als neuen Fahrwerksguru. Die ansonsten überlegenen Werks-Ducati hatten riesige Probleme mit den Reifen, und dazu kam noch Pech. WM-Tabellenführer Troy Bayliss wurde
im ersten Rennen bereits in der ersten
Kurve durch ein Gemeinschaftswerk von Yamaha-Fahrer Andrew Pitt und Kawasaki-Pilot Régis Laconi zu Boden gezwungen. Rennen zwei beendete Bayliss als Achter vor seinem Junior-Teampartner Lorenzo Lanzi, der wiederum im ersten Rennen mit, wie es offiziell heiß, zu weichen Reifen,
völlig chancenlos war.
Ebenso ungewohnt wie Kagayama stand in Brünn der junge Italiener Michel Fabrizio zweimal auf dem Podest. Nach
einem mit beeindruckender Konstanz in den Rundenzeiten herausgefahrenen dritten Platz im ersten Rennen erkämpfte sich der DFX-Honda-Fahrer im zweiten in der Ziel-S-Kurve Rang zwei gegen die Superstars Haga und Corser. Die äußerten sich im Ziel nicht gerade fein über den rusti-
kalen Erfolgsdrang des jungen Italieners. Von anderer Seite indes kam Beifall. Max Neukirchner, der in Brünn seinen Vertrag mit dem Pedercini-Ducati-Team aufgelöst hat (siehe auch Seite 138), sagte: »Fabrizio hatte die einzige Honda, die richtig ab-
gestimmt war. Das ist eine große Leistung für so einen jungen Fahrer, allerdings
erkenne ich dabei ganz deutlich die Handschrift seines Teamkollegen und Mentors Franky Chili, der ja im Vorjahr mein Teamkollege bei Klaffi-Honda war. Franky, der selber leider noch nicht wieder 100-prozentig fit ist, hat großen Anteil an Fabrizios Erfolg hier in Brünn.« Und ist auch alles
andere als ein Anti-Held.

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