Superbike WM in Brünn/CZ Freund oder Feind?

Jungstar Michel Fabrizio ist Römer wie Max Biaggi und Ducati-Werksfahrer wie Noriyuki Haga. Dennoch darf zu seinen Gunsten bezweifelt werden, dass seine Abräumaktion gegen Yamaha-Werksfahrer Ben Spies absichtsvoll geschah. Auch wenn ausgerechnet Biaggi und Haga die großen Nutznießer waren.

Motorradrennen in Brünn – das ist, wenn Max Biaggi gewinnt. Der inzwischen 38-jährige Römer, in einem früheren Leben viermal 250-cm?-Weltmeister sowie langjähriger MotoGP-Star und Erzrivale des Überhelden Valentino Rossi, blickte auf bislang acht Siege auf der sehr flüssig zu fahrenden Berg-und-Talbahn in Tschechien zurück, vier 250er-Grand Prix, zwei 500er, jeweils einen MotoGP und ein Superbike-WM-Rennen. Brünn ist, wenn Biaggi gewinnt: Das wissen längst auch die einheimischen Fans. In Massen pilgern zweifellos tschechisch sprechende Biaggisti in ihr Automotodrom, ausgerüstet mit den üblichen Biaggi-Devotionalien wie Piratenfahnen, Flaggen mit der Startnummer drei, Aprilia-Banner, ja sogar der italienischen Tricolore. Ein Schelm, der ihnen angesichts der hohen Siegchance bloßen Opportunismus unterstellt. Einer allerdings wusste nichts von Biaggis sonderbarem Heimrecht. Superbike-WM-Neuling Ben Spies aus Texas knallte seine Werks-Yamaha zum neunten Mal in bisher zehn Superbike-WM-Events auf die Pole Position und verbannte ein weiteres Mal die Geschichte von der Schwierigkeit, eine dem Fahrer noch unbekannte Strecke zu verinnerlichen, ins Reich der Fabeln. Auch im Rennen interessierte sich der zurückhaltende Jungstar mit dem schrecklichen Kampfnamen „Texas Terror“ in keiner Weise für Max Biaggis Brünn-Mythos.

Nach einem zwei Runden langen Intermezzo von Blitzstarter Troy Corser auf der gegenüber den letzten Rennen deutlich verbesserten BMW S 1000 RR auf Platz eins übernahm Spies das Kommando, vor Ducati-Junior Michel Fabrizio und eben Max Biaggis Aprilia. Doch dann schlüpfte ausgerechnet Michel Fabrizio in die Rolle von Biaggis Glücksgöttin. Wie der Altstar in Rom zu Hause, startete der Jüngling eingans der Ziel-S-Kurve einen sehr optimistischen Angriff auf den führenden Ben Spies. Und der ging gewaltig schief. Völlig hilflos schlidderte Fabrizio samt seiner Werks-Ducati in die Yamaha des ahnnungslosen Spitzenreiters, riss beide in den südböhmischen Sand und aus dem Rennen. „Ben bremste vor dieser Kurve immer recht früh, und ich dachte wirklich, dass ich vorbeikommen könnte“, wollte sich der zerknirschte Italiener noch nicht einmal rechtfertigen, „dennoch war es ein Riesenfehler von mir.“ Max Biaggi indes nahm das Geschenk gelassen an, fuhr zu einem ungefährdeten Sieg und bescherte seinen tschechischen Anhängern die erwartete Party. „Es ist natürlich fantastisch, den ersten Sieg für unser neues Aprilia-Superbike ausgerechnet hier in Brünn zu feiern. Natürlich habe ich vom Abflug von Fabrizio und Spies profitiert, keine Frage“, so der Römer, „aber im zweiten Rennen haben wir gezeigt, dass die Aprilia auch gegen die komplett anwesenden Gegner inzwischen voll konkurrenzfähig ist.“

Biaggi musste zwar dem diesmal vom Start weg vor Fabrizio fliehenden Ben Spies in einem begeisternden Finale den Vortritt lassen. Doch als Zweiter im zweiten Rennen vor Fabrizio wurde Biaggi als punktbester Fahrer des Tages so etwas wie der inoffizielle Gesamtsieger seines heimlichen Heimrennens. Der heimlicher Sieger des Brünn-Wochenendes aber, und pikanterweise vor allem auch dank der Fabrizio-Spies-Kollision, war WM-Tabellenführer Noriyuki Haga. Der Japaner kam mit 14 Punkten Vorsprung auf den Texas Terror und einem dreifach gebrochenen linken Schulterblatt in Brünn alles andere als in Wettkampf-Kondition an: eigentlich voll frustrierender Gewissheit, die WM-Führung zu verlieren. Dann aber half ihm ausgerechnet sein Ducati-Werksteam-Kollege Fabrizio, wenn auch in nicht abgesprochener Form. Denn durch Spies Nullnummer im ersten Rennen konnte Haga mit Rang acht nach heldenhaft durchstandenen 20 Runden seine Tabellenspitze sogar auf 22 Punkte ausbauen. „Klar bin ich weit weg von jeglicher Normalform“, erklärte er, „aber durch die sehr wirksamen schmerzstillenden Mittel, einem Spezialkorsett und jede Menge Eispakete auf der Schulter konnte ich die Rennen durchhalten.“ Im zweiten Rennen schaffte Haga, obwohl die Kampfhähne Spies und Fabrizio diesmal auf den Rängen eins und drei auch ins Ziel kamen, sogar Platz sechs und trägt die WM-Führung durch die Sommerpause am 6. September zum deutschen Superbike-WM-Gastspiel auf dem Nürburgring, wo er wieder völlig fit dem Terror aus Texas begegnen will.

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