Superbike-WM in Doha/Qatar (Archivversion) Die Wüste bebt

Fast alles war neu beim Saisonauftakt 2005 der Superbike-WM: der erste Auftritt in der Wüste, Wetterbedingungen, die dort bisher auch noch niemand kannte, ein wieder erstarktes, hochkarätiges Startfeld und nicht zuletzt ein deutscher Fahrer mit Talent zum Superhelden.

Qatar, das Ölscheichtum am persischen Golf, sucht mit Macht nach alternativen Einnahmequellen zum sicher nicht ewig währenden Ölfluss und ist dabei auf Weltklasse-Sport als Tourismus-Attraktion gestoßen – neben der Superbike-WM liefen an diesem Februar-Wochenende auch ein WTA-Damentennis-Turnier sowie ein Weltklasse-Tischtennis-Turnier in der Hauptstadt Doha.
Aber auch in Qatar ist zurzeit Winter. Winter in der arabischen Wüste heißt: Die Temperaturen liegen kaum 30 Grad höher als in Mitteleuropa. Wenn der Süden Deutschlands also unter Temperaturen um minus zehn Grad und heftigen Schneefällen ächzt, wären das in Qatar um die 20 Grad. Und analog zum Schneefall gibt’s, das durfte der Superbike-Zirkus verdutzt lernen, doch ganz gern mal Regenschauer. 70 Millimeter Niederschlag messen die Statistiker in einem durchschnittlichen
Qatar-Jahr. Nach nicht amtlichen Schätzungen fielen rund 50 davon auf die Motorradrennsport-Welt bei ihrem, inklusive der Vorabtestfahrten, gut einwöchigen Gastspiel – mit den üblichen Nebenwirkungen.
Verregnete Superpole-Prozedur zur Ermittlung der 16 besten Startplätze, Abbruch des ersten, unter Nürburgring-würdigen Wolken als Trockenrennen auf Slicks gestarteten Rennens wegen einsetzenden Regens. Dem eher zynischen Beobachter stellten sich vor allem zwei Fragen: Warum haben wir unsere Sonnenbrillen dabei? Und: Was, zum Teufel, machen wir eigentlich hier? Zumindest die zweite Frage
wurde dann aber sehr beeindruckend beantwortet. In erster Linie von den neuen Helden des Corona-Extra-Alstare-Suzuki-Werksteams, Ex-Weltmeister Troy Corser und Suzuki-Edeltester Yukio Kagayama, aber ebenso sehr nachhaltig vom neuen deutschen Jungstar Max Neukirchner.
Altmeister Corser, aus dem Jahr 1996 mit dem Ehrentitel des bisher jüngsten Superbike-Champions der Geschichte dekoriert, könnte mit dem WM-Titel 2005 in Personalunion auch der älteste Superbike-Weltmeister aller Zeiten werden. Entsprechend tritt der bald 34-jährige Australier auf, seit er in Diensten des blau-gelben Vorzeigeteams angreift. In allen Trainingssitzungen ganz vorn dabei, allerdings mit dem für Mister Superpole kleinen Schönheitsfehler des zweiten Startplatzes hinter Ducati-Werksfahrer Régis Laconi, pfeilte Corser mit seiner Suzuki GSX-R 1000 im ersten Rennen dem Rest der Superbike-Welt um gute vier Sekunden davon, bevor er nach elf von 18 Runden die Hand hob.
»Die Bedingungen auf der Strecke
waren genau so, wie wir sie gar nicht
brauchen können: vorn auf der langen
Zielgerade vollkommen trocken und im hinteren Streckenabschnitt in mindestens zwei Kurven komplett nass. Als es dann auch auf den trocken Abschnitten zu
regnen begann, habe ich abgebrochen. Es war einfach zu gefährlich. Außerdem, wenn du dir hier in der Wüste weh tust nach
einem Ausrutscher im Regen, bist du gleich der große Lacherfolg«, meinte Corser.
Mit der ganzen Erfahrung seiner bislang 203 Superbike-WM-Rennen – von den aktiven Fahrern stand nur der ewig junge Pierfranesco Chili noch häufiger am Start (239-mal) – und dem Vier-Sekunden-
Vorsprung aus dem ersten Teilrennen als Polster, rollte Corser nach dem Re-Start souverän hinter seinem Teamkollegen
Kagayama in Richtung Gesamtsieg des
ersten Rennens. Als der Japaner weit genug enteilt war, um in der Gesamtfahrzeit beider Rennteile Ducati-Mann Laconi von Rang zwei zu verdrängen, ließ Corser den Italo-Franzosen vorbei, ohne den Suzuki-Doppelsieg zu gefährden – im Übrigen erst der zweite in der Superbike-WM-Historie nach 1998 im japanischen Sugo, damals mit dem Wild-Card-Duo Kitagawa und Ryo.
Der ebenfalls in Qatar weilende Suzuki-Deutschland-Vertriebsdirektor Bert Poensgen fand trotz sichtlicher Begeisterung dennoch ein Haar in der Suppe: »Ein
sensationeller Saisonauftakt«, jubelte er, »das Dumme ist nur: Schon jetzt kann es nicht mehr besser werden.«
Ganz anderer Meinung war der drittplatzierte Régis Laconi. »Es ist schon ein blödes Gefühl. Da wirst du zweimal Zweiter und bist am Ende Dritter.« Und für den bedauernswerten Régis ging es gerade so weiter. Auch im zweiten, trockenen Rennen wurde er Zweiter, hinter dem unwiderstehlichen Yukio Kagayama, und war am Ende wieder Dritter der WM-Tabelle hinter den Suzuki-Helden Kagayama und Corser.
Der neue Japaner im Alstare-Corona-Team überraschte mit seiner fast makellosen Vorstellung nicht nur seinen Teamchef Francis Batta, sondern auch die gesamte WM-Szene, die seinen Kameraden Corser ganz klar als Suzuki-Nummer-eins eingeschätzt hatte. »Das zweite Rennen konnte ich leicht kontrollieren, nachdem Troy wohl durch das Öl in der ersten Kurve nach
der Startgeraden verunsichert wurde und zurückfiel«, freute sich Kagayama, »insgesamt war es ein perfektes Superbike-WM-Wochenende mit einer klaren Entwicklung: Nach dem Training zum ersten Mal in der ersten Startreihe, nach dem ersten Rennen als Zweiter zum ersten Mal auf dem
Podium, im zweiten Rennen zum ersten Mal gewonnen.«
WM-Favorit Corser saß daneben und bemühte sich, ehrliche Freude für den Sieg des Teamkollegen zu zeigen: »Nach dem Sturz von José-Luis Cardoso war Öl auf der Ideallinie der ersten Kurve. Ich bin fast gestürzt und habe auch in den Runden
danach dort regelmäßig Zeit verloren. Irgendwie hat mir das den Rhythmus
zerstört, und dann ist auch noch Laconi durchgewischt. Trotzdem: Ich habe vier Jahre kein Rennen mehr gewonnen und heute war ich gleich zwei Mal auf dem
Podest. Da darfst du nicht meckern.«
Ebenfalls keinen Grund zur Klage hatte die Klaffenböck-Honda-Truppe, trotz eines Nullers gleich für beide Fahrer im ersten Rennen. Frankie Chili blieb am Start mit verendeter Kupplung stehen – »ich muss mich wohl noch an die Eigenheiten der Honda Fireblade beim Start gewöhnen«. Und auch Debütant Max Neukirchner
wurde, nachdem an seiner Honda in der ersten Runde gleich zweimal der Sturz-
Sicherheits-Sensor den Motor abstellte, nicht für die beeindruckende Aufholjagd vom 27. und zu diesem Zeitpunkt letzten Platz belohnt – Yamaha-Pilot Sébastien Gimbert stürzte und holte den deutschen Nachwuchsheld, schon wieder in den Punkterängen, aus dem Sattel.
Der zweite Lauf jedoch hellte die Mienen der höchst internationalen Crew unter österreichischer Führung massiv auf. Nach einem Raketenstart donnerte Max ohne jegliche Angst vor großen Tieren bis auf Rang vier nach vorn. Nur die beiden unantastbaren Werks-Suzuki und der ebenso hochmotivierte wie ausnahmsweise überraschend sattelfeste Ducatist Laconi waren für ihn außer Reichweite.
Im Laufe des Rennens musste Neukirchner zwar noch Chris Vermeulen auf der Ten-Kate-Honda, Chili, Weltmeister
James Toseland auf der Ducati mit der Nummer eins und Yamaha-MotoGP-Umsteiger Norick Abe vorlassen, vor allem, weil er sich zu intensiv in den Supersport-Ex-Weltmeister und Yamaha-Piloten Andrew Pitt verbissen hatte. Aber er konnte ihn in der letzten Runde dann doch noch distanzieren. »Vielleicht habe ich mich zu sehr an Pitt orientiert und zu spät gemerkt, dass die anderen hinter uns massiv
aufgeholt haben«, so der Aufsteiger nicht ohne Selbstkritik, »mit einem achten Platz bei meinem ersten Superbike-WM-Event überhaupt bin ich jedoch sehr happy.«
Neukirchners Teamkollege Frankie Chili musste ganz zum Schluss des zweiten Rennens hinnehmen, dass der mies gestartete Markenkollege Chris Vermeulen, so eine Art inoffizielle Honda-Nummer-eins, ihm noch den vierten Platz abnahm. Ten-Kate-Geschäftsführer Ronald ten Kate war dennoch unzufrieden mit der Qatar-Bilanz des Winston-Ten-Kate-Honda-Teams (Rang acht und vier für Vermeulen, Rang neun und ein Sturz für Supersport-Weltmeister Karl Muggeridge): »Eigentlich sollten wir weiter sein als die anderen Honda-Teams.«
Richtig bescheiden war der Auftritt
des dritten Honda-Teams Renegade-Koji mit Ben Bostrom, die ihre Standard-
Fireblade erst in der Box von Losail zusammengebastelt hatten, um dann kaum standesgemäß im Hinterfeld zu versinken. Auch Nori Haga, im Vorjahr Renegade-Koji-Pilot, damals noch auf Ducati, konnte seine Nitro-Stufe nicht zünden. Noch
mehr als sein Yamaha-Italia-Teamkollege Andrew Pitt hatte der japanische Quertreiber Probleme mit dem Pirelli-Einheits-Vorderreifen, kam mit der gummimordenden Wüstenbahn nicht klar und landete,
jeweils deutlich hinter Andrew Pitt, auf den Plätzen fünf und elf.
Die früher unter Hochspannung vibrierende Supersport-WM präsentierte sich in Qatar am Rande der Trostlosigkeit. Gerade mal 18 Fahrer sind übrig geblieben. Der Rennverlauf tat ein Übriges. Katsuaki
Fujiwara, neuerdings auf Ten-Kate-Honda CBR 600 RR unterwegs, blieb auf Startplatz zwei neben seinem neuen Teamkollegen Sébastien Charpentier zunächst einmal stehen. »Weil ich die Maschine schlicht abgewürgt habe«, meinte der Routinier verlegen. So war er am Start Letzter, kam aber schon als Achter aus der ersten Runde wieder und gewann schließlich das 18-Runden-Rennen mit fünfeinhalb Sekunden Vorsprung auf Charpentier.
Yamaha-Deutschland-Fahrer Kevin Cur-
tain wurde Vierter hinter dem italienischen Honda-Fahrer Michel Fabrizio und konnte, außer von einem mäßigen Start, eigentlich nur von einem perfekten Rennen berichten. Dennoch war er ebenso chancenlos wie sein neuer Teamkollege Broc Parkes als Sechster. Mit dem erfolgreichen Comeback der Superbike-WM als Rennsport-Premiumprodukt geht wohl einher, dass ähnlich wie in der MotoGP-WM kaum noch Raum für eine zweite starke Klasse ist.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote