Superbike-WM in Misano/I (Archivversion) Alles bleibt anders

Von der zu Baubeginn versprochenen, völlig neuen Rennstrecke in Misano blieb nicht sehr viel mehr übrig als die Umkehrung der Fahrtrichtung. Die aber hat es gewaltig in sich, wie die Premieren-Rennen der Superbike-WM vor 50000 Zuschauern zeigten.

Unbescheiden, aber treffend: Curvone – die große Kurve – heißt die neue Schlüsselstelle der Rennstrecke in Misano, die in Teilen völlig neu gebaut wurde. Bei rund zwei Dritteln des Kurses hat sich allerdings lediglich die Fahrtrichtung geändert. Aus der ehemaligen, sich sanft auf die lange Gerade öffnenden Dreifach-Links-Beschleunigungskurve ist eine brutale Vierfach-Rechts-Einflugschneise geworden, die aus gut 270 km/h schließlich vor der Zielgeraden in eine Erste-Gang-Wende mündet.
Genau hier waren sich zwei Runden
vor Schluss des ersten Superbike-Rennens Yamaha-Superheld Noriyuki Haga und Suzuki-Werksfahrer Max Biaggi nicht ganz
einig, gerieten aneinander und rutschten miteinander ins Aus. Am Streckenrand schlug ein ansonsten unauffälliger junger Mann, im blauen Yamaha-T-Shirt auf einem Roller sitzend, erschreckt die Hände über seinem metallicrot leuchtenden Helm zusammen. Ob Valentino Rossi sich mehr um den Markenkollegen Haga oder seinen früheren Erzrivalen Biaggi sorgte, mag offen bleiben. Auf jeden Fall hat der fünffache MotoGP-Weltmeister, der in nur unzureichender Camouflage-Bekleidung die kaum 20 Kilometer von seinem Heimatort Tavullia angereist war, einen drastischen Eindruck davon bekommen, was ihm und seinen MotoGP-Konkurrenten beim Misano-GP am 2. September alles blühen kann.
Im Rennen selbst bedeutete der Haga-Biaggi-Crash den sicheren Sieg für Superbike-Weltmeister Troy Bayliss, der die beiden Kampfhähne zwar nicht abschütteln konnte, sie jedoch mit konstant hohem Tempo an der Spitze am Ende in diesen Fehler hetzte. Sinnigerweise übernahmen die jeweiligen Teamkollegen der Havaristen dankend die Podiums-Plätze. Ex-Weltmeister Troy Corser (Yamaha) und Yukio Kagayama auf seiner Suzuki fuhren als überraschte Zweite und Dritte über die
Linie. WM-Tabellenführer James Toseland, samt seiner Werks-Honda das ganze
Wochenende über eher indisponiert, war chancenloser Vierter und beendete das zweite Rennen diskret auf Rang sechs.
Im zweiten Lauf passten Haga und
Biaggi besser aufeinander auf, hatten aber vielleicht gerade deswegen als Zweiter und Dritter dennoch keine echte Chance gegen Champion Bayliss.
Der wieder erstarkte Titelverteidiger Bayliss ist als klarer Chef im umgedrehten Misano-Ring der ideale Ansprechpartner, wenn es um eine kompetente Beurteilung und Einordnung der neuen Bahn geht. Für den Beobachter von außen erweckt sie
eigentlich überall, sogar auf den neu gebauten, vorher nicht existenten Abschnitten nach Start und Ziel den Eindruck, dass alles ganz und gar verkehrt herum läuft. »Die Curvone ist gleich aus mehreren Gründen eine ganz heiße Geschichte, fast möchte ich sagen eine Mutprobe«, so Bayliss, »du fliegst mit knapp 270 km/h heran, gehst nur kurz vom Gas, um vor den restlichen drei Rechtsknicken, die immer weiter zumachen, noch mal kurz durchzuladen und wieder auf 250 zu beschleunigen. Dann musst du dich in zwei weiteren Schritten einbremsen, bis du schließlich mit 60 km/h im ersten Gang abbiegst. Obwohl es in diesem Abschnitt möglich ist, verschie-
dene Linien zu fahren, gestaltet es sich sehr schwierig, ein erfolgreiches Überholmanöver zu starten. Denn die Piste ist trotz des neuen Asphaltbelags sehr wellig.«
Andere Streckenabschnitte wie die Tramontana-Kurve, früher eine Links- und nun logischerweise eine Rechtskehre kurz vor der Curvone, oder eigenartigerweise auch die völlig neu gebaute Rio-Rechtskehre zu Beginn der neuen Misano-Runde funktionieren ganz ähnlich wie die große Kurve, nämlich als Flaschenhals, in den etappenweise hineingebremst werden muss. Meister Bayliss bringt es noch einmal auf den Punkt: »Der frühere Misano-Kurs war ziemlich leicht zu beherrschen. Fein und sauber zu fahrende Kurven, ein sanfter Rhythmus, und vor allem war er ziemlich eben. Die neue Piste ist sehr anspruchsvoll, mit zahlreichen diffizilen Bremsmanövern und der Notwendigkeit, aus der Kurve heraus sofort voll zu beschleunigen.«
Durchaus ähnlicher Meinung wie Bayliss ist auch der Deutsche Max Neukirchner. Auf seiner Vorjahres-Suzuki hatte der Sachse zunächst einmal heftig mit der neuen Strecke zu kämpfen. »Hier musst du extrem hart fahren, tief in die Kurve reinbremsen, früh wieder aufrichten und hart wieder rausbeschleunigen. Mit meinem eher runden Fahrstil und folglich hohen Kurvengeschwindigkeiten bin ich anfangs nicht klar gekommen.«
Neukirchner zeigte sich aber lernfähig, verbesserte seine Rundenzeiten rasch um fast drei Sekunden und war in den beiden Rennen durchaus auf der Höhe der Konkurrenz. Die Ränge neun und zehn entsprechen dem, was mit den beschränkten Möglichkeiten des Suzuki-Deutschland-Teams möglich ist. »Unsere Vorjahres-
Motoren drehen nur bis 13700/min, die
der Werks-Suzuki gut 14500/min«, macht Team-Koordinator Mario Rubatto deutlich und bemerkt in anderer Sache: »Die neue Streckenführung verlangt den klassisch-harten Big-Bike-Fahrstil, der ja mit Einführung der 800er-MotoGP-Maschinen ziemlich außer Mode gekommen ist. Ich bin sehr gespannt, wie Rossi und Konsorten sich im September hier anstellen werden.«
Rubattos Statement, von den Ereignissen auf der Strecke während der Misano-Rechtsrum-Premiere durchaus bestätigt, ist umso bemerkenswerter vor dem Hin-
tergrund, dass Valentino Rossi zumindest nach Aussagen der Streckenbetreiber in die Planung einbezogen war. Von Super-
bike-WM-Promotor Maurizio Flammini war im Vorfeld zu hören: »Misano hat ganz deutlich und ausschließlich in Richtung MotoGP investiert. Es könnte sein, dass die Verlängerung unseres Vertrags nach 2009 deshalb problematisch wird.«
Hat Misano die Weichen in Richtung MotoGP nun konsequent gestellt oder nicht? Was bei den Grand Prix auf jeden Fall nicht passieren darf: dass wie im Rahmenrennen der Superstock-600-Europameisterschaft eine Maschine nach Sturz durch den Zaun auf eine – zum Glück
derzeit noch im Bau befindliche und deshalb geschlossene – Tribüne fällt. Denn die
ist am 2. September bei Rossis Heim-GP
unter Garantie proppenvoll.

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