Superbike-WM in Monza/I (Archivversion) Schrott Schikane

Monza ist die älteste existierende Rennstrecke, die schnellste im internationalen Meisterschafts-Zirkus und eine der emotionsgeladensten noch dazu. Aber Monza hat auch eine übermäßig brutale, völlig untaugliche Schikane. Und der fiel diesmal der deutsche Superbike-Held Max Neukirchner zum Opfer.

Max Neukirchner hatte alles richtig gemacht. Aus der vierten Startposition in der ersten Reihe, ganz innen auf der außergewöhnlich breiten Startgeraden von Monza, pfeilte er sofort in Führung. Der Vorjahressieger bog als Erster in die Startschikane ein, diese äußerst brutale Rechts-links-rechts-Kombination, vor der es in der Startrunde gilt, von deutlich über 200 auf ungefähr 60 km/h zu verzögern. Kaum eine Sekunde später, noch bevor Max für den Linksknick der Schikane umlegen konnte, wurde er wie ein Kegel von der Bahn geholt. Die Ducati des australischen Nachwuchsfahrers Brendan Roberts, der nach einer Kollision mit Kawasaki-Werksfahrer Makoto Tamada aus Japan ungefähr am Bremspunkt vor der Schikane, also noch mit hoher Geschwindigkeit, gestürzt war, übernahm dabei die Rolle der Kugel.

Neukirchner hatte keine Chance. Roberts Motorrad schlug völlig unvermittelt ein und fügte ihm schwere Verletzungen zu: Bruch des rechten Oberschenkels, doppelter Bruch des rechten Wadenbeins, mehrere Brüche im rechten Mittelfuß. „Ich hatte nicht realisiert, welche Gefahr da auf mich zurast“, erinnerte sich Max später, „ich war voll fokussiert auf das Einlenken in die nächste Linkskurve, als es eingeschlagen hat.“ Das Rennen wurde sofort abgebrochen, weil Neukirchner wie auch Roberts und Tamada, diese jeweils mit Armbrüchen, vor Ort erstversorgt werden mussten. Während der Behandlungszeit stockte vor allem deutschen Fans der Atem. Denn, auch wenn es schon Jahrzehnte her ist, die Tragödien, vor allem auch des deutschen Motorsports, sind im ehemals königlichen Park noch allgegenwärtig. 1961 starb Wolfgang Graf Berghe von Trips in Monza in seinem Formel-1-Ferrari und 1970 im Lotus Jochen Rindt, zwar „nur“ in Deutschland geborener Österreicher, von den deutschen Fans aber verehrt wie später höchstens noch Michael Schumacher.

Auch wenn das Rennen mit Verzögerung neu gestartet werden konnte und Max Neukirchners Blessuren zwar sehr komplex sind, aber mittelfristig wieder vollständig ausheilen werden, darf Monza nicht zur Tagesordnung übergehen. Denn in der Startkurve kracht es regelmäßig, ganz egal, ob die Superbike-WM-Stars auf das fiese Eck zudonnern, oder Hobbyisten in einem lombardischen Halligalli-Event. Selbst Max Neukirchner lag vor drei Jahren, damals zum Glück unverletzt, schon an der gleichen Stelle wie diesmal. 2006 hieß der Übeltäter Gianni Nannelli, der seine Honda Fireblade zur Bowling-Kugel umfunktionierte und Neukirchner von seiner damaligen Pedercini-Ducati holte – und darüber hinaus noch fünf weitere WM-Superbiker. „Grundsätzlich ist es ein Skandal, dass seitens der Streckenbetreiber nichts unternommen wird, um die Startschikane zu entschärfen“, echauffiert sich der in Monza beheimatete Fabrizio Pirovano, 1988 und 1990 Superbike-Vizeweltmeister, heute in Neukirchners Suzuki-Alstare-Team als Koordinator beschäftigt. „Zusammen mit allen im Raum Monza ansässigen Menschen aus der Motorrad-Rennszene haben wir schon vor Jahren das Management aufgefordert, die frühere, wesentlich flüssigere Streckenführung durch die Startschikane wieder herzustellen. Das wäre nämlich schon die Lösung. Auf der alten Streckenführung hat es nur höchst selten geknallt.“

Tatsächlich besteht zwischen der seit 2001 befahrenen Erster-Gang-BrutaloRechts-links mit anschließendem Beschleunigungs-Rechtsknick und der alten, wesentlich harmonischeren Links-rechts-links-rechts-Doppelschikane ein Unterschied wie Tag und Nacht. Aber das Monza-Management dachte beim Umbau in den Jahren 2000 und 2001, wie die meisten Streckenbetreiber weltweit, halt an nichts außer die Wünsche der Formel 1. „Für die Formel 1 mag eine solche Bremsecke sinnvoll sein“, so Pirovano weiter, „aber für uns ist sie Gift. Es wäre jedoch kein Problem, zwei-gleisig zu fahren. An dieser Stelle ist so viel Platz, dass ohne Weiteres beide Streckenvarianten nebeneinander existieren und je nach Anforderungen der jeweiligen Veranstaltung genutzt werden könnten. Aber sie machen es einfach nicht.“

Dass Pirovanos Vorschläge zu deutlichem Gewinn an Sicherheit führen würden, sollte eigentlich unbestritten sein. Wenn man jedoch schaut, wer alles zu seiner Monza-Fraktion im italienischen Motorradsport gehört, verwundert es doch, dass diese illustre Gruppe keinen Erfolg hat. Neben Fabrizio Pirovano leben auch sein Cousin, Yamaha-Superbike-Werksteamchef „Majo“ Meregalli, dessen Moto-GP-Amtskollege Davide Brivio, der inzwischen fließend italienisch sprechende WM-Tabellenführer Noriyuki Haga und neuerdings auch Shooting-Star Ben Spies in Steinwurf-Entfernung zum Parco di Monza. Aber sie alle scheiterten bislang an den massiven Betonmauern in den Köpfen der Streckenbetreiber. Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens jetzt der üble Sturz von Max Neukirchner, der den Sachsenpfeil vorzeitig aus der WM-Entscheidung geworfen hat und für geraume Zeit außer Gefecht setzen wird, in der Monza-Chefetage etwas bewirkt. Denn abgesehen von der unwürdigen ersten Ecke bietet die Hochgeschwindigkeitsbahn, seit 1922 betrieben und damit die älteste noch aktive Rennstrecke der Welt, immer noch genügend, was eine Rennveranstaltung hier einzigartig macht.

Eine Ahnung davon durfte auch der 24 Jahre junge Ben Spies aus Texas erfahren. Bis in die letzte Kurve des ersten 18-Runden-Rennens war er auch hier als Rookie der Chef, bis der 24-Liter-Tank seiner Werks-Yamaha trocken lief und die arme R1 ausrollte. Bis er die Ziellinie überquerte, waren 14 Konkurrenten vorbeigezogen. Der Glücklichste unter ihnen: Michel Fabrizio, der auf diese Weise zu seinem ersten Superbike-WM-Sieg überhaupt kam. Für das zweite Rennen nahmen die Yamaha-Techniker die Spitzenleistung der Spies-R1 „um gefühlte zehn PS“, so der Fahrer selbst, zurück. Was den jungen Angreifer jedoch kaum kümmerte. Wesentlich dominanter als im ersten entfernte Spies sich im zweiten Rennen vom Feld, führte mit sechs Sekunden Vorsprung, um drei Runden vor Schluss in den Eco-Modus zu wechseln. 2,6 Sekunden blieben übrig, um die Spies Michel Fabrizio, den Sieger des ersten Rennens, auf Distanz halten konnte. Sein Benzin-Malheur wurde im zweiten Rennen übrigens ausgeglichen, was die WM-Tabelle angeht. Spitzenreiter Haga fiel nämlich abendfüllend, aber zum Glück ohne sich zu verletzen, von seiner Ducati.

Ähnlich gemischt war auch die erste Monza-Bilanz des BMW-Werksteams. Während Nummer-eins-Fahrer Troy Corser nach insgeamt drei Stürzen an den Trainingstagen und im ersten Rennen reichlich durchgeschüttelt auf das zweite Rennen und auch die folgende Superbike-WM-Runde im südafrikanischen Kyalami eine Woche später (nach Redaktionsschluss) verzichtete, holte Teamkollege Ruben Xaus als Siebter im ersten Rennen das bisher beste BMW-Superbike-WM-Ergebnis überhaupt. Der Katalane hatte an diesem Wochenende auch vieles richtig gemacht, und im Gegensatz zu Max Neukirchner auch ein glückliches Ende erlebt.

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