Superbike-WM in Monza/I (Archivversion) Heimspiel – für wen?

Vier Mal hat Max Biaggi den 250er-WM-Titel geholt und in acht Jahren dreizehn 500er- und MotoGP-WM-Rennen gewonnen. Dennoch bedeutete Monza für den Römer weitestgehend Neuland. Seit seinen Rennfahrer-Anfängen war der heu-
tige Suzuki-Werksfahrer nicht mehr in der Lombardei, wo seit 1987 kein Motorrad-Grand-Prix mehr gefahren wird. Gleichwohl sorgte Biaggi für einen unglaublichen Fan-Auflauf. Jeglicher Auftritt während des Monza-Wochenendes endete in frenetischen Fangesängen.
Wurde es, wenn Biaggi auftauchte, laut, entzieht sich der Rummel der Tifosi um Titelverteidiger und Ducati-Werksfah-
rer Troy Bayliss jeder Beschreibung. Ganz offensichtlich gilt weiter das uralte italie-
nische Motorsport-Fan-Naturgesetz, dass im Zweifel die Loyalität zum italienischen Fahrzeug weit größer ist als zum ein-
heimischen Fahrerhelden. Selbst Giga-Star
Valentino Rossi und seine Fan-Heere stehen ja beim Heim-GP in Mugello regelmäßig mindestens gleich großen Abordnungen an Ducatisti gegenüber.
Biaggi war also bei den gut 80000 Fans in der Vorab-Wertung sehr stark, aber trotzdem nur Zweiter gegenüber Ducati und Troy Bayliss als dem zuständigen
Kutscher. Und wie sah es dann auf der Strecke aus? Dort erinnerte sich plötz-
lich noch einer, dass die Superbike-WM-Rennen in Monza eigentlich ein Heimspiel sind. Kaum zwei Kilometer Luftlinie hinter den beiden Lesmo-Kurven, dem nordöstlichen Endpunkt der Monza-Piste, stehen die Hallen des Yamaha-Italia-Teams, und nicht weit davon entfernt hat Noriyuki Haga sein Europa-Quartier aufgeschlagen.
Der inzwischen fließend italienisch spre-
chende Samurai zeigte sowohl Max Biaggi wie auch dem großen Ducati-Werks-Team sehr eindrucksvoll, wer in Monza wirklich der Herr im Haus ist. Zunächst knallte
er seine Werks-Yamaha R1 auf die Pole
Position, was bereits eine kleine Sensation
war, schert sich der auf seine Blitzstarts vertrauende Haga doch sonst wenig um Startplätze in vorderster Front.
Auch den beiden Rennen drückte Nitro-Nori einen für Monza eher ungewöhn-
lichen Stempel auf. Denn zumindest in der entscheidenden Phase gegen Ende der Renndistanz war von den sonst üblichen legendären Windschattenschlachten an der Spitze nichts mehr zu sehen. Haga siegte jeweils glatt und sauber, im ersten Rennen über acht Sekunden vor den Publikumshelden Bayliss und Biaggi sowie dem im Finale mit erheblichen Reifenproblemen zurückgeworfenen WM-Tabellenführer James Toseland auf seiner Ten-Kate-Honda.
Das zweite Rennen beendete Haga knapp drei Sekunden vor dem Kampfquartett Toseland, Bayliss, Ten-Kate-Nummer-zwei Roberto Rolfo – im ersten Heat in
der letzten Runde von Benzinmangel des
zweiten Platzes beraubt – und Biaggi.
Haga sang im Ziel das Hohelied auf seine modellgepflegte Yamaha R1. »Der Motor hat inzwischen wesentlich mehr Leis-
tung und ist voll konkurrenzfähig«, jubelte der Japaner, »dazu haben wir mit Ände-
rungen an der Geometrie der Hinterradschwinge endlich erreicht, dass die Pirelli-Reifen die Renndistanz auch überstehen.«
Der eigentlich geplante Publikumsheld Biaggi schaute inzwischen nicht mehr so fröhlich aus der Wäsche. Denn er hätte
im zweiten Rennen zumindest den Vierkampf um den zweiten Platz gewinnen müssen. Die beiden Honda-Fahrer waren am Schluss mit völlig toten Reifen unterwegs, und Bayliss’ Ducati war auf den
langen Monza-Geraden nicht ganz auf der Höhe der 1000er-Vierzylinder aus Japan. Ausgerechnet in der letzten Runde leistete sich der Römer allerdings, wie auch schon im ersten Rennen, einen kleinen Ausritt und fuhr in der Folge am Ende der Viererbande als verärgerter Fünfter ins Ziel.
Ebenfalls mit zahlreichen Problemen hatte Suzuki-Deutschland-Fahrer Max Neu-
kirchner zu kämpfen. Eine verschleppte Grippe, ein Sturz im Warm-up und Ärger
in der Elektrik des Rennmotorrads, was sich nicht durch das Umsteigen auf die
leider nicht gleichwertige Ersatzmaschine beheben ließ, verhinderten Besseres als die Ränge zehn und zwölf. mtr

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