Superbike-WM in Monza/I (Archivversion) Glanz und Elend

Beide fahren Ducati: Monza-Doppelsieger und WM-Tabellenführer Troy Bayliss eine fast perfekte Werks-999-F06, Max Neukirchner eine zwei bis vier Jahre alte Baustelle. Das spiegelt die Erfolgsbilanz wider.

MotoGP-Fahrer Alex Hofmann, als interessierter Gast beim Superbike-WM-Wochenende in Monza, brachte es mit einer guten Portion Sarkasmus auf den Punkt. »Der Max, dem geht’s glaube ich noch wesentlich dreckiger als mir«, kommentierte der D’Antin-Ducati-Privatfahrer aus der anderen, noch etwas größeren Motorrad-Rennsport-Welt das katastrophale Monza-Ergebnis von Max Neukirchner und seines Pedercini-Ducati-Privatteams.
Nach den Freitag-Trainings noch ermutigender 13. und damit klar auf Kurs in die prestigeträchtige Superpole-Qualifikation, das Einzelzeitfahren der 16 Schnellsten am Samstagnachmittag um die Startplätze in den vorderen vier Reihen, nahm das Unheil seinen Lauf für Sachsenpfeil Neukirchner. »Fahr mit diesem speziellen Motor die ersten drei oder vier Runden etwas vorsichtiger, bevor du aufs Ganze gehst«, gab ihm Teamchef Donato Pedercini mit auf die entscheidende Zeitenjagd am Samstagvormittag. Aber Max Neukirchner kam erst gar keine vier Runden weit, da war der Zaubermotor schon verendet.
Glück im Unglück und damit doch eine Hoffnung, das Superpole-Zeitfahren zu erreichen, war, dass Lucio Pedercini, der Sohn des Teamchefs, nach wie vor an einer langwierigen Verletzung laboriert. Max bekam somit außerplanmäßig Zugriff auf ein zweites Motorrad, eben das von Lucio Pedercini. »Ich bin mit der Maschine von Lucio, der selber bisher immer deutlich langsamer war als ich, von Beginn an über eine halbe Sekunde schneller gefahren als vorher«, freute und wunderte sich Neukirchner gleichzeitig.
Bis dann, rund eine Viertelstunde vor Schluss des Zeittrainings, auch dieser Motor verrauchte. Neukirchner stand damit
leider ein weiteres Mal knapp außerhalb der ersten Superbike-Liga. 24 Stunden spä-
ter redete von diesem Missgeschick kaum noch jemand, denn es kam noch so viel
dicker, dass es fast nicht zu glauben ist.
Das erste Rennen war für die Pedercini-Ducati mit Max’ Startnummer 76 schon nach anderthalb Kurven vorbei. Gianni Nannelli, im DFX-Honda-Team Ersatzmann für den nach einem Beckenbruch bei Testfahrten noch pausierenden Pierfrancesco Chili, warf seine CBR 1000 RR einer Bowling-Kugel nicht unähnlich mit deutlichem Geschwindigkeitsüberschuss in die Rechtsecke am Ende der Startgeraden und räumte gleich sechs Gegner sauber ab. Als letzter Kegel fiel Neukirchners Ducati.
Beim Wiederaufbau der havarierten Maschine stellte Neukirchners Crew-Chief Mario Rubatto Ölaustritt am Motor fest, der, wie er sich sicher war, »nicht ursächlich von dem Sturz kam. Max wäre wahrscheinlich auch ohne Crash in diesem Rennen nicht allzu weit gekommen«.
Zum zweiten Lauf trat Neukirchner also mit neuem Motor an, »und zwar mir
einem wirklich neuen, wir reden von null
Kilometern«, stellte Rubatto mit durchaus
unsicherer Miene klar. Der Italio-Schwabe sollte mit seiner Skepsis Recht behalten. Zu Beginn der zweiten Runde, wieder in der Startschikane, rollte Max unter einer Riesen-Rauchwolke aus.
»Es muss sich hier etwas Grundsätz-
liches ändern, sonst hat das nicht mehr viel Sinn«, fordert Rubatto, der in seinem früheren Leben in der 125er-WM mit dem damaligen Weltmeister Dirk Raudies und dem moralischen Champion Tomomi Manako bessere Zeiten kennt. Vorsichtshalber hatte er seinen Hauptsponsor aus den Manako-Zeiten, UGT-Chef Ralf Schindler, mit nach Monza gebracht. Aber auch der Motorrad-Grau-Importeur hat kein sofort wirkendes Allheilmittel. »Natürlich sollten wir schauen, dass wir ein Erfolg versprechendes Projekt für Max zusammenbekommen, doch realistischerweise wirkt sich das frühestens in der nächsten Saison aus.«
So lange bleibt Max Neukirchner nur der Kampf gegen hoffentlich nicht mehr allzu viele Fährnisse des Privatfahrerlebens und der neidvolle Blick nach ganz vorn, wo Troy Bayliss zeigt, dass mit der Perfektion eines erfahrenen Werksteams im Rücken die Ducati 999 ein derzeit kaum schlagbares Paket ist.
Wie schon in Valencia zwei Wochen zuvor fuhr der MotoGP-Rückkehrer in einer eigenen Welt zu zwei überzeugenden Siegen. Auch hinter ihm ist die Dramaturgie klar: Titelverteidiger Troy Corser startet hervorragend und liefert anfangs seinem Namensvetter noch ein paar Auseinandersetzungen. Für den Rest des Rennverlaufs hofft er, dass der andere MotoGP-Umsteiger, Alex Barros auf der Klaffi-Honda, es nach seinen immer noch katastrophal schlechten Starts nicht mehr schafft, kurz vor Rennende vorbeizuziehen. In Monza wurden Corsers Hoffnungen einmal enttäuscht und einmal erfüllt.
Im Supersport-Rennen wurde Weltmeister Sébastien Charpentier trotz Boxendurchfahrtsstrafe wegen Frühstarts und eines Verbremsers in der Startschikane noch Dritter hinter seinen Honda-Kollegen Yoann Tiberio und Robin Harms. Yamaha-Deutschland-Held Kevin Curtain schied in Führung mit Motorschaden aus.

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