Superbike-WM In Silverstone/GB (Archivversion) English Summer

Unter fast schon katastrophalen Wetterbedingungen siegte Weltmeister Troy Bayliss auf dem Silverstone National Circuit, einem besseren Parkplatz. Das zweite Rennen musste wegen Regen, Kälte und Sturm abgesagt werden.

Paolo Flammini, Geschäftsführer von FGSport, der Promotion-Agentur der Superbike-WM, fiel es schwer, die für ihn sonst so typische Contenance zu wahren. Schuld daran war das englische Schmuddelwetter. »Zum strömenden Regen kommt jetzt auch noch starker Wind, und es wird immer kälter«, klagte er am Sonntagnachmittag gegen 16 Uhr in einem Fernsehinterview, »wir müssen im Interesse der Sicherheit die Veranstaltung abbrechen. Wir sehen uns in drei Wochen in Misano, wo wir dann hoffentlich italienisches Sommerwetter genießen dürfen.«
Leicht gemacht hatten sich die Verantwortlichen die Absage des zweiten Superbike-WM-Rennens von Silverstone allerdings nicht. Nach einer verlustreichen Wasserschlacht im ersten Rennen sowie dem nach 22 von geplanten 28 Runden abgebrochenen Supersport-WM-Rennen war der zweite Auftritt der WM-Superbiker auf dem sogenannten »nationalen Kurs«, der außer der Start/Ziel-Anlage aber auch gar nichts mit der wundervollen Hochgeschwindigkeits-Traditionsbahn in Silverstone gemein hat, zunächst von 28 auf 20 Runden verkürzt worden. Kurz darauf verschob die Rennleitung den Start von 15.30 auf 16.00 Uhr – und sagte ihn schließlich ganz ab.
»Das war absolut richtig«, trug Weltmeister Troy Bayliss die Entscheidung mit, der auf seiner Werks-Ducati das erste Rennen mit einem engagierten Finalangriff gegen das Yamaha-Duo Noriyuki Haga und Troy Corser gewonnen hatte. »Die Bedingungen waren inzwischen wesentlich schlechter als noch im ersten Rennen, in dem wir auch schon ganz gewaltig zaubern mussten. Das Problem hier sind die vielen Bodenwellen, in denen sich bei Regenwetter Pfützen bilden.«
Nitro-Nori Haga, sonst wohl einer der unerschrockensten Rennfahrer überhaupt, pflichtete seinem Kollegen bei: »Ich habe am Schluss meine Hände nicht mehr gespürt, so kalt war es im Fahrtwind. Das hat keinen Spaß mehr gemacht.« Und auch der drittplatzierte Troy Corser war »froh, unter diesen Lotterie-ähnlichen Bedingungen aufs Podium gekommen zu sein. So ungefähr in der 20. Runde dachte ich: ‚Oh Mann, brecht doch endlich ab.’ Den zweiten Lauf sollten wir auf jeden Fall verkürzen, sonst wird es unverantwortlich«.
Corser wie auch alle anderen wurden schließlich von Rennleitung erlöst. Einer jedoch wäre wohl auch gern das zweite Rennen gefahren: WM-Tabellenführer und Lokalheld James Toseland. Der 25-jährige Engländer war im ersten Rennen spektakulär gestürzt und erhärtete daraufhin ein weiteres Mal seinen Ruf als gnadenloser Fighter. Er hob seine havarierte Ten-Kate-Honda-Fireblade wieder auf, ignorierte den losen rechten Lenkerstummel ebenso wie den heftigen Kühlwasserverlust wegen eines abgerissenen Schlauches und prügelte die todkranke Honda vom 18. und letzten Platz noch auf Rang acht. Obwohl erstmals seit Menschgedenken überrundet, war Toseland bei den immerhin 35000 im Schmuddelwetter ausharrenden Fans mit großem Abstand der moralische Sieger.
So hatte James Toseland im zweiten Rennen durchaus noch was vor. »Ich war bereit zu starten. Ich wollte den englischen Fans gern noch eine Bestätigung dafür geben, dass sie es heute hier ausgehalten haben, und für meine Führung in der WM-Tabelle wäre auch noch etwas zu tun gewesen. Aber natürlich akzeptiere ich ebenso die Entscheidung der Rennleitung aus Sicherheitsgründen«, resümierte Toseland wenig überzeugend.
Ebenfalls unzufrieden war in Silverstone der deutsche Max Neukirchner. Schon zu Beginn seiner Superpole-Runde, dem Einzelzeitfahren um die besten 16 Startplätze, rutschte der Sachsenpfeil samt seiner Vorjahres-Suzuki-GSX-R-1000 auf einer Bodenwelle aus: »Ich hatte mir gleich für die Startkurve eine besonders direkte Linie vorgenommen, aber die funktionierte nicht«, ärgerte sich Max. »Im Rennen herrschten miserable Verhältnisse. Es ging ausschließlich darum, im Sattel zu bleiben. Als dann direkt vor mir Alessandro Polita recht heftig abgeflogen ist, wurde ich erst ein paar Plätze zurückgeworfen. Und danach, muss ich zugeben, hatte ich nicht mehr ganz den 100-prozentigen Kampfeswillen.« Neukirchner wurde am Ende Zehnter mit gleich zwei kleineren Schandflecken: Erstens wurde auch er überrundet und zweitens vom eigentlich schon am Boden zerstörten Toseland zuletzt noch abgefangen.
Der zweite Max auf einer Superbike-Suzuki machte in Silverstone weniger mit seinem soliden, gleichwohl eher diskreten sechsten Rang von sich reden, als im Zusammenhang mit hoch interessanten Zukunftsspekulationen. Max Biaggi könnte 2008 in die MotoGP-WM zurückkehren, samt seinem Alstare-Corona-Extra-Suzuki-Werksteam und Suzuki-Legende Kevin Schwantz als Teammanager. Alstare Boss Francis Batta dazu: »Das Suzuki-Stammhaus in Japan machte mir diesen Vorschlag. Das hängt damit zusammen, dass es für die Superbike-WM immer noch keine verbindlichen Regeln für 2008 gibt und die momentane Diskussion in eine Richtung geht, die zur Konsequenz hätte, dass sich die Superbikes kaum noch von den aktuellen Superstock-Maschinen unterscheiden würden. Daran hat Suzuki Japan wohl kein Interesse. Das neue Team würde mit Hauptsponsor Corona und unserer Organisation arbeiten, mit Kevin Schwantz als Teammanager. Fahrer wären wahrscheinlich der US-Superbiker Ben Spies und Biaggi. Ich rechne im Moment zu etwa 60 Prozent damit, dass es tatsächlich so kommen wird.«
Dies könnte auch für Max Neukirchner Konsequenzen haben, der ja ganz oben auf der Warteliste für einen eventuell frei werdenden Platz als Suzuki-Werks-Superbiker steht. Suzuki-Deutschland-Verkaufsdirektor Bert Poensgen dazu: »Wir wären technisch und von der Manpower her sicher in der Lage, selbst ein Werksteam zu betreiben. Aber dann müsste sich das Suzuki-Mutterhaus natürlich finanziell wesentlich engagieren. Denn unser derzeitiges Budget ist im Verhältnis zu den Anforderungen eines Werks-Teams lächerlich.“

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