SuperBike WM in Valencia/E (Archivversion) Stierkampf verkehrt

Normalerweise erlegt der Torrero den Stier. Bei der Superbike-WM in Valencia drehte Carlos Checa, Kampfname »El Torro«, den Spieß um und besiegte Max Neukirchner.

Das Rennwochenende im spanischen Valencia gehörte Max Neukirchner: Schnellster im Freitagstraining und in der Superpole-Qualifikation am Samstag, dazu ein brillanter Start von Startplatz eins zum ersten Rennen am Sonntag. Entsprechend elektrisiert die Stimmung bei Rennbeginn am Groß­bildschirm im VIP-Zelt von Neukirchners Suzuki-Alstare-Team.

Neukirchners persönlicher Coach, Ex-Rennfahrer Mario Rubatto, ist ebenso dem Zusammenbruch nahe wie Suzuki-Deutschland-Direktor Bert Poensgen. Das ist normal, denke ich mir, die sind betroffen, aber Rohrer, was ist mit dir? Wieso raufst du dir die Haare, nur weil ungefähr zum 473. Mal in deinem Arbeitsleben ein Rennstart ansteht? Nun, es geht um den ersten deutschen Superbike-WM-Lauf-Sieg überhaupt. Max Neukirchner entschwindet seinen Verfolgern zum Glück schon bald um bis zu vier Sekunden.

Dann taucht wenige Runden vor Schluss plötzlich Carlos Checa mit seiner Ten-Kate-Honda auf. Neukirchners Suzuki-Teamchef Francis Batta hatte es gewusst, schon am Samstag: »Max und Checa sind die besten hier, was den Rennspeed angeht«, prophezeite der Belgier, »sie werden es unter sich ausmachen.« Tatsächlich war Checa nur vorübergehend aus dem Blickfeld verschwunden, nachdem er erbärmlich gestartet war. Aber der Spanier ist deutlich schneller als Neukirchner unterwegs. Der Sieg wird zur Rechenaufgabe, zumindest diesseits der Boxengasse. Während Rubatto präzise fast die Hundertstelsekunden kalkuliert, versucht mein Reporterhirn seine Coolness wieder zu finden und stellt vier Runden vor Schluss kategorisch fest: »Jungs, Ruhe bewahren, es wird reichen, definitiv.«

In der letzten Runde, Checa hat inzwischen den Anschluss geschafft, kocht das Alstare-Zelt über. »Cool bleiben, Max«, brüllt irgendwer, »innen fahren, pass’ auf – sehr gut«, schreit es hysterisch aus einer anderen Ecke, und wieder der Rohrer: »Jetzt hat er ihn im Sack, die letzte Kurve schön innen bleiben und...« – schon liegen Checa und Neukirchner auf der Schnauze. Dabei hat Max alles richtig gemacht, die letzte Kurve weit innen angefahren, doch Checa hat es ebenso verzweifelt wie hoffnungslos noch weiter innen probiert und mit seiner Honda Neukirchner über den Haufen gekegelt. Max bricht sich das Schlüsselbein. Was ist passiert, Max? »Ich war so weit innen wie möglich, noch weiter innen kannst du die Zielkurve von Valencia nicht im Renntempo fahren, und plötzlich mäht er mich ab.«

Der eigentlich extrem erfahrene Checa verteidgte sich dagegen nur schwach: »Max hat ein bisschen die Tür aufgelassen, ich bin reingefahren, dann kam er von außen, und es hat geknallt.« Quasi als Schiedsrichter konnten wir Pierfancesco Chili gewinnen, den Mann mit den meisten absolvierten Superbike-Rennen über-haupt, bis heute großer Sympathieträger und eine Institution im Fahrerlager. »So ein routinierter Mann wie Checa«, stellt Frankie klar, »darf solch ein Manöver nicht machen, das konnte nicht klappen.«

Rambo Checa gelang es gar, seine ­Maschine wieder in Gang zu bringen und noch Fünfter werden. Das zweite Rennen beendete er dann unter frenti­schem Applaus der knapp 40000 Fans auf Rang drei, während Max Neukirchner längst per Flugzeug auf dem Weg nach Leipzig war, um möglichst schnell das Schlüsselbein operieren zu lassen und Ende April in Assen zurückschlagen zu können. Denn der erste deutsche Superbike-WM-Sieg liegt endlich in der Luft.

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