Superbike-WM in Valencia/E (Archivversion) Spiel mit Grenzen

Max Neukirchner präsentiert sich in starker Form, sein Team Suzuki Deutschland ist hochmotiviert. Trotzdem stößt ihr Superbike-WM-Einsatz schon jetzt an seine Grenzen: Werksunterstützung fehlt.

Platz sieben in der Superbike-WM-Tabelle – damit konnte Max Neukirchner vor den Rennen im spanischen Valencia auf seiner Vorjahres-Suzuki-GSX-R-1000 immerhin vier Werksfahrer hinter sich lassen: Markenkollege Yukio Kagayama, Roberto Rolfo auf Honda, die beiden Kawasaki-Fahrer Régis Laconi und Fonsi Nieto.
Zunächst setzte Neukirchner in Valencia den Aufwärtstrend fort. Am Samstagvormittag fuhr er im Training die achtbeste Zeit, im verregneten zweiten Durchgang wurde er gar Fünfter. Die Wende zum Bösen kam in der Superpole-Qualifikation um die 16 besten Startplätze. Diese wurde nach den Nass-Regeln ausgetragen – nicht wie sonst üblich als Einzelzeitfahren, sondern als normales 50-minütiges Zeittraining mit höchstens zwölf fliegenden Runden pro Fahrer. Neukirchner stürzte nach etwa 20 Minuten und musste das restliche Wochenende dafür büßen. »Lichtmaschine und Kurbelwelle waren heftig beschädigt«, bilanzierte Suzuki-Deutschland-Teammanager Mario Rubatto, »wir konnten die
Maschine vor Ort nicht mehr reparieren. Und das zweite Motorrad war komplett auf trockene Bedingungen abgestimmt.«
So musste der arme Max den Rest
der Superpole-Session am Bildschirm verfolgen und tatenlos zusehen, wie er auf
Startplatz 13 durchgereicht wurde. Der
Sparzwang des mit einem Gesamtetat von kaum mehr als 350000 Euro eher auf Dornen denn auf Rosen gebetteten Suzuki-Deutschland-Teams zeitigte jedoch noch weitere Unanehmlichkeiten. Das Warm-up-Training am Sonntagmorgen wurde komplett gestrichen. Rubatto: »Wir gehen davon aus, dass die Piste bis zu den Rennen abtrocknet und uns das Fahren auf einer halbgaren Strecke wie im Moment keine verwertbaren Informationen liefern kann.«
Die stadionartig angelegte Piste war zum Start des ersten Superbike-Rennens um zwölf Uhr tatsächlich zu etwa 98 Prozent trocken, sämtliche Fahrer starteten auf profillosen Slick-Reifen. Max Neukirchner, nach den 23 Rennrunden nur Zwölfter, kommentierte seine bisher schlechteste Platzierung der Saison 2007: »Weil das Ersatzmotorrad defekt war, mussten wir im ersten Rennen eine defensive Taktik verfolgen: Hauptsache, einigermaßen manierlich ankommen.« Für das zweite Rennen konnte er dann die Handbremse etwas lösen und fuhr auf dem zehnten Platz ins Ziel – kein Grund zu meckern.
Die Vorkommnisse in Valencia zeigen aber sehr deutlich, auf welch schmalem Grat die Suzuki-Deutschland-Crew balanciert, von dem sie ohne die extreme
Motivation aller Beteiligter wahrscheinlich schon abgerutscht wäre. Wenn alles passt, treibt Max Neukirchner seine auf den
abgelegten Kit-Teilen des Alstare-Corona-Werksteams basierende Suzuki zu Rundenzeiten, die sich kaum von denen der Werksfahrer Max Biaggi und Yukio Kagayama unterscheiden. Daran nicht ganz unschuldig ist der Technik-Chef des Teams. Der Schwabe Kurt Stückle ist unbestritten einer der erfahrensten Rennmotorenspezialisten überhaupt und hat mit zahlreichen eigenen Ideen den schon ein starkes Jahr alten Suzuki-Kit-Motoren neues und vor allem aufregendes Leben eingehaucht.
Auf eine Traktionskontrolle muss Max Neukirchner bisher verzichten, was mit dafür verantwortlich ist, dass Namensvetter Biaggi auf der aktuellen Werks-Suzuki üblicherweise einige Plätze weiter vor ihm ankommt. Aber dies soll sich schon bald ändern. Suzuki Deutschland will, ebenfalls aus Kostengründen, einen eigenen Weg gehen. Zusammen mit dem schwäbischen Kfz-Zulieferer Bosch wird ein eigenes System für die Traktionskontrolle entwickelt. »Es entsteht ein drittes Motorrad, mit dem unser IDM-Fahrer Andreas Meklau als Wild-Card-Pilot den deutschen Superbike-WM-Lauf auf dem Eurospeedway Lausitz fahren soll«, erklärt Suzuki-Verkaufsdirektor Bert Poensgen, der starke Mann hinter dem gesamten Projekt. »An dieser Maschine wird das System getestet, und wenn
wir es für rennfertig halten, wird es auf Max’ Einsatzmaschinen übertragen.«
Eine etwaige Aktualisierung der Motorräder selbst steht für Suzuki Deutschland übrigens nicht an vorderster Stelle
der Prioritätenliste. »Wir haben tatsächlich überlegt, ob wir im Laufe der Saison auf die neue GSX-R 1000 K7 umstellen sollen«, so Poensgen, »haben uns aber nach ausgiebigen Überlegungen dazu entschieden, lieber die vorhandenen Maschinen vom Typ K6 weiter zu optimieren, weil uns die doch deutlich andere K7 nur verwirren und wahrscheinlich sogar eher zurückwerfen würde.«
Die Suzuki-Deutschland-Mannschaft ist sich also ihrer Grenzen bewusst, muss deshalb auf Rückschläge wie in Valencia gefasst sein, sie so gut es geht wegstecken und ansonsten auf die Zukunft hoffen. »Wenn wir unser derzeitiges Niveau auch hinsichtlich des WM-Tabellenplatzes halten können, haben wir für 2008 sehr viel bessere Karten«, so Poensgen.
Ein weiteres kleines Ärgernis für Max und sein Team war in Valencia die Vorstellung von Ruben Xaus, der ebenfalls
mit einer Vorjahresmaschine, aber immer-
hin einer echten Werks-Ducati 999 F06 unterwegs war und im ersten Rennen souverän gegen Yamaha-Held Noriyuki Haga und Weltmeister Troy Bayliss gewinnen konnte. Ducati-Werkspilot Bayliss hatte zwar die Trainingstage dominiert, musste in den Rennen jedoch den Nachwirkungen seines schweren Sturzes in Donington Park zwei Wochen zuvor – inklusive der Amputation des rechten kleinen Fingers – Tribut zollen.
Als Sturzkandidat Xaus im zweiten Rennen ebenfalls sesshaft blieb und hinter James Toseland auf der Ten-Kate-Honda, Max Biaggi sowie Haga Vierter wurde,
hatte der Katalane Max Neukirchner in der WM-Tabelle nicht nur überholt, sondern auch gleich ein bisschen abgeschüttelt.
Max Biaggi, auf der edlen Werks-
Suzuki im Training als Zwölfter nur einen Platz vor dem jungen Sachsen Neukirchner, zeigte nach einem rätselhaft diskreten ersten Rennen auf Rang acht beim zweiten Aufgalopp seine ganze Klasse, knallte unwiderstehlich durchs Feld, wurde Zweiter und hinterließ das Superbike-Establishment in größerer Ratlosigkeit.
Allein Max Neukirchner kann sich an ihm hochziehen. Sollte sein Team Suzuki Deutschland seine Grenzen für 2008 tatsächlich sprengen, müsste Max N. Max B. Paroli bieten können.

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