Superbike-WM in Valencia/E (Archivversion) Höhen-<br /><br /> flüge

Troy Corser und seine Corona-Alstare-
Suzuki sind kaum zu bremsen in der
Superbike-WM. Ebenfalls sehr hoch flog
in Valencia Max Neukirchner – und fand
nach extrem harter Landung überraschend
schnell die Orientierung wieder.

Nicht nur den 35000 Zuschauern – so die offizielle, um Welten übertriebene Angabe – stockte in Valencia der Atem, als der Deutsche Max Neukirchner, vom dritten Startplatz gewohnt verhalten gestartet, gegen Ende der ersten Runde nach einem fürchterlichen Highsider-Sturz zunächst regungslos neben der Strecke liegen blieb, sondern auch dem 21-jährigen Sachsen selbst. »Ich merkte sofort nach dem Sturz, dass ich mit größter Wahrscheinlichkeit sehr glimpflich davongekommen bin und wollte aufstehen«,
erinnerte sich der bislang äußerst erfolgreiche Superbike-Aufsteiger, »aber da ging gar nichts. Mir war schlicht die Luft weggeblieben.«
Kein Wunder, war er doch wie eine Peitsche auf den Asphalt aufgeschlagen. Tatsächlich musste Neukirchner im Clinica Mobile an der Rennstrecke lediglich einen geprellten rechten Daumen behandeln lassen und trat mit seiner Klaffi-Honda CBR 1000 RR problemlos zum zweiten Rennen gute drei Stunden später wieder an.
Die Ursache des haarsträubenden Sturzes konnte sich der jugendliche Angreifer kaum erklären. »Ob ich beim Herausbeschleunigen auf die Streckenbegrenzung gekommen bin, kann ich nicht sagen. Das Hinterrad ist völlig ohne Vorankündigung weggerutscht, fast wie im Nassen, und dann kam es zu einem klassischen High-
sider. Einige in unserem Team meinten, es hätte einen Kontakt mit der Maschine meines Honda-Markenkollegen Karl Muggeridge gegeben. Aber zumindest ich habe keinerlei solche Berührung bemerkt.« Auch der australische Supersport-Weltmeister, der auf seiner Ten-Kate-Honda vom Neukirchner-Sturz ebenso in den Kies gezwungen wurde wie der italienische Ducatist
Lorenzo Lanzi, verneinte klar einen Kontakt mit der Klaffi-Honda.
Das restliche Rennen wurde in deklassierender Weise von WM-Tabellenführer Troy Corser auf seiner Alstare-Corona-Extra-Suzuki GSX-R 1000 dominiert. Der australische Routinier, schon 1996 einmal Superbike-Weltmeister, entfloh der Konkurrenz ohne jede Anstrengung und bemühte sich in den beiden letzten der 23 Renn-
runden mit spektakulären Fast-Burn-outs und Wheelie-Einlagen redlich, den Vorsprung auf seinen zweitplatzierten Landsmann Chris Vermeulen auf Ten-Kate-Honda unter zehn Sekunden zu halten, was ihm auch knapp gelang.
»Ich muss zugeben, es war ein eher komfortables Rennen heute«, freute sich Corser ehrlich, der sonst wie alle Renn-
fahrer eher ein Anhänger der Standard-Aussage »it’s never easy« ist. »Wir hatten schon sehr früh am Rennwochenende festgestellt, dass von den drei zur Verfügung
stehenden Pirelli-Einheitsreifenmischungen für das Hinterrad nur eine in Frage kommen würde. Die hat allerdings ganz her-
vorragend auf unserer Suzuki funktioniert. Ich konnte mich deshalb zu Beginn des Rennens mit einigen sehr schnellen Runden vom Feld absetzen und dann bequem zum Sieg fahren.« Dass er auch bei diesen »bequemen« Runden in der zweiten Rennhälfte klar schneller unterwegs war als alle anderen, hat Gentleman-Rider Corser geflissentlich nicht erwähnt.
Aus Corsers Sicht lief das zweite Rennen von Valencia ebenso wie das erste, außer dass er noch mehr Dampf rausnehmen konnte, und das noch früher. In der zweiten Runde übernahm er die Führung von seinem Landsmann, dem bekannten Blitzstarter Andrew Pitt auf Yamaha, und ließ es mit rund fünf Sekunden Vorsprung bewenden, am Ende wieder auf Chris
Vermeulen. Der wurde im zweiten Lauf
besonders in der Schlussphase auf das
heftigste vom wie entfesselten Briten Chris Walker auf der PSG-1-Kawasaki bedrängt.
Max Neukirchner überstand diesmal die erste Runde, wie von ihm in seiner
steilen, aber noch sehr kurzen Superbike-Karriere schon öfters gezeigt, irgendwo knapp in den einstelligen Platzierungen. Und alle Welt harrte auf den Erfolg seiner bewährten Strategie, mit überaus gleichmäßigen, schnellen Runden vor allem gegen Rennende die nachlassende Konkurrenz zu packen, als nach Runde fünf die Honda mit der Startnummer 76 plötzlich nur als 20. an Start und Ziel vorbeikam. »Da hat sich gerächt, dass ich das erste Rennen praktisch nicht gefahren bin«, so Analyst Neukirchner später, »denn mit dem starken Rückenwind auf der Zielgeraden kamen wir deutlich schneller an der ersten Kurve an als an den Trainingstagen. Und der Wind hat sich im zweiten Rennen noch weiter verstärkt. Schon eine Runde vorher habe ich gemerkt, dass ich viel früher bremsen musste, als beabsichtigt. Und dann war in der fünften Runde selbst der neue, frühere Bremspunkt noch zu spät und ich im Kies. Sehr ärgerlich.«
Für den Sachsenpfeil spricht, dass er anschließend sofort seine Konzentration wieder fand, bis ins Ziel acht Ränge gut machen konnte und sogar noch vier
WM-Pünktchen abstaubte. Die gesamte Aktion hat übrigens eine Parallele genau ein Jahr zuvor, als der junge Sachse in
seinem allerersten Supersport-WM-Rennen, ebenfalls auf einer Klaffi-Honda in
Valencia, nach einem Sturz an der für den
damaligen Anfänger hervorragenden zehnten Position die CBR 600 RR wieder aufgehoben hatte und auch noch auf Rang
14 in die Punkteränge gefahren war. Allzu
frühes Aufgeben war offenbar noch nie das Ding des Max Neukirchner.
Ein Blick auf die aktuelle WM-Tabelle zeigt, dass Max, der im Klaffi-Team neuerdings vom früheren BMW- und Mercedes-Benz-Formel-1-Techniker Dr. Gerhard Holy in Sachen Datenanalyse und Rennstrate-
gie betreut wird, am Ende des Valencia-Wochenendes von Glück im Unglück reden konnte. Denn trotz der für den als WM-Fünften angereisten eher kümmerlichen Ausbeute von vier Punkten rutschte er nur einen Tabellenplatz ab. Von seinem Tabellennachbarn gelang es nämlich lediglich dem Japaner Norick Abe, mit Rang fünf im zweiten Rennen nach Sturz im ersten am Deutschen vorbeizuziehen.
Ducati-Werksfahrer Régis Laconi, der eigentlich direkt vor Neukirchner auf dem dritten Startplatz stehen sollte, stürzte am Sonntagmorgen im Warm-up heftig und
erhielt wegen einer schweren Gehirnerschütterung von den Ärzten Startverbot. Ebenso war Andrew Pitts Punkteausbeute mit Rang acht im zweiten Rennen nach Sturz von seiner Yamaha beim ersten Auftritt unzureichend. »Wir sollten angesichts der heutigen Ereignisse nicht vergessen, dass ein sechster WM-Tabellenplatz nach drei Events für einen Neuling in einem ebenso neuen Team in der Superbike-
WM eine sensationelle Leistung ist«, ruft Neukirchners Teamchef Klaus Klaffenböck mal eben die Grundvoraussetzungen des kometenhaften Aufstiegs in Erinnerung.
Der zweite Klaffi-Honda-Pilot, Pierfrancesco Chili, kämpfte in Valencia noch mit den Nachwirkungen seines gebrochenen Schlüsselbeins aus Phillip Island. »Beson-
ders gegen Ende des zweiten Rennens wurde ich sehr müde und statt Siebter wie im ersten Rennen nur Zehnter, doch damit muss ich unter diesen Umständen noch sehr zufrieden sein.«
Ebenfalls endlich wieder einigermaßen in seiner angestammten Superbike-WM-Position angekommen ist Ben Bostrom. Der Kalifornier, bei den ersten beiden Auftritten vom chaotischen bis hoffnungs-
losen Zustand seines Koji-Renegade-Honda-Teams an den Rand der Lächerlichkeit gedrängt, beendete das zweite Rennen immerhin auf Rang sechs. Sein neuer
Teamkoordinator, der britische Ex-Rennfahrer Simon Buckmaster, versucht wohl nicht ganz ohne Erfolg, etwas Ordnung
in das hippieske Team zu bringen. »Der Motor unserer Fireblade ist gut. Jetzt geht es darum, endlich die ganzen anderen
Dinge wie Fahrwerk, Getriebe, Motorabstimmung und so weiter zu klären, aber
wir sind auf dem Weg.«
Was die Teamstruktur anbetrifft, sollte man Titelverteidiger James Toseland am anderen Ende der Superbike-Welt einordnen können, also ganz oben. Schließlich fährt die Nummer eins im Ducati-Werksteam. Dennoch brachte der Champion auch in Valencia kaum etwas zu Wege. Startplatz 23, Achter im ersten Rennen und nach einem Ausritt hoffnungsloses Hinterherfahren im zweiten Lauf. Zurzeit
ist der Weltmeister jedenfalls kein Gradmesser für unseren hoffnungsfrohen Neuling Max Neukirchner.

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